Neurodermitis: Wenn es unaufhörlich juckt
30. August 2013
"Es gibt Videoaufnahmen, bei denen man ein Kind mit einer ausgeprägten, wirklich schweren Neurodermitis in der Nacht gefilmt hat. Es hatte im Grunde nicht eine ruhige Minute. Es kratzte sich die ganze Zeit unbewusst im Schlaf", erzählt der Dermatologe Stephan Meller von der Universitätsklinik Düsseldorf.
In Deutschland sind zwischen zehn und 15 Prozent aller Kinder von Neurodermitis betroffen. Es ist damit die häufigste Hauterkrankung bei Kindern und Säuglingen. Bei den Erwachsenen leiden drei Prozent unter Neurodermitis. Für Europa gelten etwa die gleichen Zahlen. Weltweite Statistiken zu der Erkrankung gibt es bislang nicht, sie kommt aber vor allem in Industrieländern vor.
Eines der schlimmsten Symptome ist ein starker, quälender Juckreiz, der die Patienten an den Rand der Verzweiflung bringen kann. Bei Kindern mit Neurodermitis ist es auch eine Tortur für die Eltern. Eine Möglichkeit für sie, in solchen Situationen ein wenig zu helfen, ist es den Kindern spezielle Handschuhe überzustreifen oder die Fingernägel zu kürzen, damit sie sich nicht wund kratzen können. Oberstes Gebot für Menschen mit Neurodermitis: Sie müssen ihre Haut regelmäßig intensiv cremen und pflegen, damit sie nicht rissig wird.
Wundermittel Kortison?
Die Haut ist extrem trocken, gerötet, schuppig und sie juckt. Durch häufiges Kratzen wird die Haut verletzt. Daraus wiederum können weitere Entzündungen entstehen, in die sich Bakterien einnisten und Infektionen hervorrufen können. Ein Teufelskreis. Um die Entzündung in den Griff zu bekommen und den Juckreiz zu lindern, wird häufig Kortison verabreicht - meist in Form von Salben oder Cremes. Aber Kortison hat auch Nebenwirkungen: Die Haut kann dünner werden und die Gefäße empfindlicher. Als dauerhafte Medikation ist Kortison nicht geeignet, in akuten Fällen aber dämmt es die Entzündung ein und verschafft erst einmal Linderung.
Die Erkrankung verläuft in Schüben. Während eines solchen Schubs wird die Entzündung schlimmer, der Juckreiz stärker. Wie lange solche Schübe dauern und wie oft sie auftreten, das ist ganz unterschiedlich. Bei vielen werden sie mit dem Alter schwächer oder verschwinden sogar. Heilbar aber sei Neurodermitis nicht, erklärt Stephan Meller. "Die Neurodermitis ist eine veranlagungsbedingte Erkrankung. Es liegt in unseren Genen, ob wir - wenn bestimmte Situationen oder Auslösefaktoren vorliegen - eine Neurodermitis im Laufe unseres Lebens entwickeln oder nicht. Diese Veranlagung können wir nicht ändern."
Eine Gefahr für andere ?
Neurodermitis ist nicht ansteckend, aber die gerötete und entzündete Haut wirkt auf viele abschreckend und abstoßend. Darunter leiden vor allem Kinder und Jugendliche. Rene Pfeifer hat das am eigenen Leib erfahren: "Im Kindergarten war das eine unheimliche Belastung, vor allem beim Spielen. Die anderen Kinder haben dann natürlich die kaputten Hautstellen gesehen und wussten dann oft nicht, wie sie mit mir umgehen sollten."
Der heute 30-Jährige Rene Pfeifer gehört zu denjenigen, bei denen die Erkrankung im Laufe der Jahre nicht nur zurückgegangen, sondern vollkommen verschwunden ist. Seit seinem sechsten Lebensjahr hat er keine Symptome oder Beschwerden mehr. Bei ihm tauchte die Hauterkrankung im Alter von drei Monaten auf. "Ich wurde tagsüber geimpft und später ins Bett gelegt, als gesundes Kind, ohne jegliche Erscheinungen von Neurodermitis oder anderen Erkrankungen. Am nächsten Tag haben meine Eltern dann wohl - wie sie mir erzählt haben - ein kleines, blutiges Bündel aus der Wiege genommen." Er habe sich in dieser Nacht am ganzen Körper wund gekratzt. Nach diesem schrecklichen Erlebnis haben seine Eltern schon bald eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen: den Bundesverband Neurodermitis e.V. Mittlerweile ist Rene Pfeifer Vorsitzender und Geschäftsführer des Vereins.
Was sind die Auslöser?
Raue Stoffe oder Wolle sind Gift für Menschen mit Neurodermitis. Für sie gibt es spezielle silberhaltige Kleidung, denn Silber wirkt antibakteriell. So soll das Auftreten von Schüben möglichst gering gehalten werden. "Stress, Allergien oder auch die Bakterien und Pilze, die auf unserer Haut leben können, kommen als Auslöser infrage", so Stephan Meller. "Risikofaktoren sind auch Umweltgifte, wie Industrie- oder Autoabgase."
Die genauen Ursachen für die entzündliche Hauterkrankung sind nicht bekannt, aber dass die meisten Patienten den Juckreiz als die schlimmste Begleiterscheinung einordnen, schlimmer noch als Schmerz. Und ähnlich der Skala, mit der Schmerzen gemessen werden, gibt es auch Tabellen für die Stärke von Juckreiz. "Sie werden in Studien benutzt, bei denen der Patient auf einer Skala von eins bis zehn seinen Juckreiz angibt. Gleichzeitig ist Juckreiz nicht gleich Juckreiz, sondern es gibt unterschiedliche Qualitäten", erläutert Meller. Und die versuche man anhand von Fragebögen zu charakterisieren, um so mehr über die Hauterkrankung zu erfahren und letztendlich Medikamente zu entwickeln, die Menschen mit Neurodermitis das Leben leichter machen.