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PolitikGlobal

New START endet - und ein neues atomares Wettrüsten droht

4. Februar 2026

Das letzte atomare Rüstungskontrollabkommen zwischen den USA und Russland läuft aus. Damit gibt es erstmals seit mehr als 50 Jahren keine nukleare Rüstungsbegrenzung für beide Seiten mehr.

Eine Rakete startet in einer verschneiten Landschaft zwischen Bäumen
Russischer Test einer Sarmat-Interkontinentalrakete, NATO-Codename "Satan 2". Die USA und Russland hatten sich bislang auf eine Begrenzung solcher strategischen Atomwaffen verpflichtet - jetzt nicht mehr.Bild: Cover-Images/IMAGO

Die Uhr tickt: An diesem Donnerstag läuft der New-START-Vertrag zwischen Russland und den USA aus. Und die Sorgen sind groß. Selbst Papst Leo hat beide Seiten noch einmal aufgefordert, das Abkommen zu verlängern.

Was ist New START?

START steht für "Strategic Arms Reduction Treaty", es geht um nukleare Langstreckenwaffen der USA und Russlands. Das Abkommen New START von 2010 begrenzt die Zahl der stationierten strategischen (das heißt, auf Langstrecken-Trägern montierten) Atomsprengköpfe auf beiden Seiten auf jeweils 1550. Die Zahl der Trägersysteme wie Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützte Raketen und Bomber darf höchstens bei 800 liegen. Zur Verifizierung darf jede Seite Inspektionen im jeweils anderen Land vornehmen. Es wurde von den damaligen Präsidenten Barack Obama und Dmitri Medwedew unterzeichnet und ist das letzte übriggebliebene atomare Rüstungsbegrenzungsabkommen zwischen den USA und Russland. Die erste derartige Vereinbarung gab es 1972 mit dem SALT-I-Vertrag.

Die Präsidenten Barack Obama (l.) und Dmitri Medwedew unterzeichneten das New-START-Abkommen am 8. April 2010 in PragBild: AP

Was passiert, wenn New START ausläuft?

Dann gibt es keine Obergrenzen mehr für die strategischen Atomwaffenarsenale der beiden größten Nuklearmächte. "Das ist sehr schlecht für die globale Sicherheit", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag. Die Welt könnte vor einem neuen ungebremsten atomaren Wettrüsten stehen. Aber es bricht damit auch eine neue Ära der Unsicherheit an. Denn es ging bei New START auch um gegenseitige Inspektionen und Datenaustausch. Und damit um Vertrauen und Transparenz. Es sollte ausgeschlossen werden, dass eine Seite "aus Versehen" einen Atomschlag riskiert, einfach weil sie Informationen über den Gegner missdeutet. 

Eine atomwaffenfähige amerikanische Minuteman-Interkontinentalrakete. Nach Inkrafttreten von START I 1994 wurde die Abschussrampe in South Dakota zum Museum.Bild: Jim Lo Scalzo/dpa/picture alliance

Was wollen die USA und Russland jeweils?

Russlands Präsident Wladimir Putin wollte eine Verlängerung um ein Jahr, um in dieser Zeit neu zu verhandeln. Putins Vorstoß vom September 2025 hatte US-Präsident Donald Trump zwar zunächst "eine gute Idee" genannt, aber dem keine Taten folgen lassen. Es war eine Zeit, als die beiden sich besonders gut verstanden - auf Kosten der Ukraine, wie europäische Regierungschefs befürchteten. Doch dann scheint Trump seine Meinung geändert zu haben. In einem Interview der "New York Times" sagte er über den Vertrag: "Wenn er ausläuft, läuft er aus. Wir werden einfach ein besseres Abkommen schließen." Damit meint er, dass auch die Atommacht China mit einbezogen werden solle. 

Der Besuch von Russlands Präsident Wladimir Putin (l.) in Alaska im Spätsommer 2025 verstärkte die Sorge in Europa, Putin und Trump könnten sich auf Kosten der Ukraine auf einen Frieden einigenBild: Andrew Harnik/AFP/Getty Images/picture alliance

Welche Vorgeschichte hat New START?

Wie das "new" nahelegt, hat das Abkommen Vorläufer. Es gab START I und START II. START I wurde noch zu Zeiten des Kalten Krieges von US-Präsident Ronald Reagan initiiert und 1991, fünf Monate vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, von Reagans Nachfolger George H. Bush und auf sowjetischer Seite von Michael Gorbatschow unterzeichnet. Ende 1994 trat der Vertrag in Kraft. Im Gegensatz zu START I ist das 1993 abgeschlossene START-II-Abkommen nie in Kraft getreten, weil die Spannungen zwischen Moskau und Washington nach einer Zeit der Annäherung wieder zunahmen. Doch das Interesse in Washington und in Moskau an strategischer nuklearer Abrüstung blieb. Schließlich kam das New START zustande, das 2011 in Kraft trat. Es sollte ein "Neubeginn" des bilateralen Verhältnisses sein.

Die Präsidenten (v. l.) der Ukraine, Russlands und der USA, Leonid Krawtschuk, Boris Jelzin und Bill Clinton, besiegeln 1994 das START-I-Abrüstungsabkommen. Damals verzichtete die Ukraine auf eigene Atomwaffen.Bild: Supinski/epa/picture-alliance

Was hat sich mit Donald Trump geändert?

In seiner ersten Amtszeit (2017 bis 2021) kündigten die USA mehrere Abrüstungsvereinbarungen mit Russland auf, nicht aber New START. Auch damals schon wollte Trump in den Verhandlungen über eine Fortsetzung China einbeziehen, ohne Erfolg. Als im Februar 2021 New START auslief, war bereits Trumps demokratischer Nachfolger Joe Biden im Amt. Der plädierte für eine fünfjährige Verlängerung. Russland unter Präsident Putin war ebenfalls dafür. Die Verlängerung bis Februar 2026 war gesichert. 

Was hat START mit dem Ukraine-Krieg zu tun?

Der russische Einmarsch in der Ukraine im Februar 2022 änderte zunächst nichts am New-START-Abkommen, auch wenn die Spannungen zwischen Moskau und Washington deutlich zunahmen. Russland untersagte dann rund ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn die US-Inspektionen seiner Militärstandorte. Im Februar 2023 setzte es die Teilnahme an dem Vertrag wegen der US-Unterstützung für die Ukraine aus, wollte sich aber weiter an die festgelegten Obergrenzen halten. Bedeutsam in der Rückschau auf den START-Prozess ist, dass sich die Ukraine 1991 in einem Zusatzprotokoll zu START I verpflichtete, alle ihre Atomwaffen aus sowjetischer Zeit abzugeben. Das sollte die ukrainische Führung spätestens mit Beginn des Krieges gegen Russland gut 30 Jahre später bitter bereuen.

Zerstörtes Wohnhaus im ukrainischen Odessa nach einem russischen Drohnenangriff am 4. Februar 2026. New START wurde von russischer Seite 2023 ausgesetzt, aber nicht für beendet erklärt.Bild: Nina Liashonok/REUTERS

Welche Rolle spielt China?

Die START-Verträge wurden geschlossen, als Russland und die USA noch die unangefochtenen Nuklearmächte waren. Doch seitdem ist China nicht nur zur wirtschaftlichen, sondern auch zur militärischen Großmacht aufgestiegen. Damit argumentiert auch Donald Trump, dass eine Neuauflage von New START ohne eine Berücksichtigung Chinas sinnlos sei. Peking verfügt Schätzungen zufolge über etwa 600 atomare Sprengköpfe und rüstet schnell weiter auf. In den USA warnte eine Kongresskommission schon 2023, die USA stünden vor der Herausforderung, nicht nur einen, sondern zwei ebenbürtige nukleare Gegner gleichzeitig abschrecken zu müssen. Doch Peking lehnt eine Begrenzung seiner atomaren Rüstung mit dem Argument ab, dass sein Arsenal deutlich kleiner sei als die der anderen beiden Atommächte.

China rüstet massiv auf, hier Atomraketen vom Typ Dongfeng 5 bei einer MilitärparadeBild: Xu Yu/Xinhua/picture alliance

Wie könnte man New START retten?

Abgesehen von der Blockade Pekings wäre eine Verlängerung oder Neuauflage des Abkommens auch aus anderen Gründen schwierig. Denn Russland hat inzwischen atomwaffenfähige Systeme entwickelt, die nicht unter die ursprüngliche Definitionen von New START fallen, etwa die Hyperschallrakete Oreschnik und den Torpedo Poseidon. Umgekehrt sieht Moskau in Trumps ⁠Plänen für das weltraumgestützte Raketenabwehrsystem Golden Dome einen ​Versuch, das strategische Gleichgewicht zu verschieben. Der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow hat zudem gesagt, sollten die USA eine Raketenabwehr auf Grönland installieren, werde sich Russland gezwungen sehen, einen militärischen Ausgleich zu schaffen.

Trump erläutert die Raketenabwehr Golden Dome. Sie droht nach russischer Ansicht, das strategische Gleichgewicht zu Ungunsten Russlands zu verändern.Bild: Alex Brandon/AP Photo/picture alliance

Welche Reaktionen gibt es in Europa?

Das Auslaufen von New START beunruhigt auch die Europäer. Dazu kommt durch viele Äußerungen von Donald Trump die Sorge, der atomare Schutzschild der USA gelte nicht mehr uneingeschränkt für Europa. Das hat Diskussionen über eine europäische nukleare Verteidigung befeuert. Eine Idee ist, dass die beiden europäischen Atommächten Frankreich und Großbritannien andere Nation wie Deutschland mit beschützen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat jetzt bestätigt, dass es entsprechende Gespräche mit beiden Ländern gebe. "Wir wissen, dass wir hier strategisch und auch militärpolitisch einige Entscheidungen treffen müssen, aber dafür ist die Zeit im Augenblick noch nicht reif." Weit gediehen sind die Überlegungen nicht. Unter anderem ist bislang unklar, wer die Entscheidung für einen möglichen Atomschlag treffen würde. Verkompliziert wird die Lage dadurch, dass Russland auch die britischen und französischen Atomarsenale in einen möglichen neuen Vertrag mit einbeziehen will, da schließlich beide Staaten Verbündete der USA seien.

Kampfflugzeuge auf dem französischen Flugzeugträger "Charles de Gaulle": Würde Frankreich Deutschland und andere Staaten mit seinen Atomstreitkräften mit schützen?Bild: PUNIT PARANJPE/AFP/Getty Images

Was sagen diejenigen, die New START ausgehandelt haben?

Ex-Präsident Barack Obama hat den US-Kongress auf X zum Handeln aufgefordert. Durch ein Ende von New START "würden sinnlos Jahrzehnte der Diplomatie ausgelöscht, und es könnte ein neues Wettrüsten in Gang setzen, das die Welt unsicherer machen würde". Dmitri Medwedew, heute stellvertretender Vorsitzender des nationalen Sicherheitsrates, sagte, die Welt solle alarmiert sein, wenn der Vertrag auslaufe, ohne zu wissen, was danach komme. Die "Doomsday Clock", die "Weltuntergangsuhr", würde dann schneller ticken.

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