Warum Chevron, und nicht China Venezuela "retten" könnte
11. Dezember 2025
Sind die Tage von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro gezählt? Nach der Beschlagnahmung eines Öltankers durch US-Soldaten vor der Küste des Petro-Staates stehen die Zeichen auf Sturm. Denn nicht nur die USA sind an Venezuela interessiert, das über die weltweit größten Erdölreserven verfügt, sondern auch China.
"Wer auch immer in Caracas an die Macht kommt, ich bin sicher: Der erste Anruf geht an Trump und der zweite an Xi Jinping", erklärt Parsifal D'Sola Alvarado, Experte für chinesisch-lateinamerikanische Beziehungen.
Alvarado ist Direktor der Andrés Bello Foundation(China Latin America Research Center) mit Sitz in Bogotá und Madrid. Er gehörte dem Team des venezolanischen Oppositionspolitikers von Juan Guaido an, und war dort zuständig für die Beziehungen zu Peking.
"China will keine Probleme mit den USA"
Im DW-Gespräch bezweifelt Alvarado, dass Peking Venezuela gegen eine mögliche US-Intervention verteidigen würde: "Mehr als diplomatische und politische Unterstützung wird es nicht geben", meint er.
"Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass China Maduro proaktiv unterstützen, Waffen verkaufen oder neue Großinvestitionen tätigen wird. China will keine weiteren Probleme mit den USA."
China ist aktuell der größte Abnehmer von Erdölexporten aus Venezuela. Nach einer Analyse der US-Energiebehörde "Energy Information Administration"(EIA) flossen 2023 rund zwei Drittel aller Ölexporte aus Venezuela nach China. 23 Prozent gingen in die USA.
US-Sanktionen treffen Ölindustrie
Vor der Verhängung von Sanktionen gegen den venezolanischen Ölkonzern PDVSA (2019) sowie der Zugangsblockade zum US-Finanzmarkt (2017) durch die Trump-Administration waren die USA der größte Abnehmer venezolanischen Öls. Danach brachen sowohl die Ölförderung als auch die Ausfuhren ein.
Nach Angaben der Organisation Erdölexportierender Länder (Opec) sank der Export von Rohöl 2021 auf knapp 500.000 Barrel per day (bpd). Doch der Abwärtstrend begann bereits wesentlich früher.
Nach dem letzten Höchststand von knapp zwei Millionen Barrel im Jahr 2015 (siehe Grafik) ging es kontinuierlich bergab. Misswirtschaft, Korruption und fehlende Investitionen in den Ölsektor hatten über die Jahre hinweg zu einem anhaltenden Rückgang der Produktion in Venezuela geführt.
"Rettet" Chevron Venezuelas Wirtschaft?
Erst seit 2023 ist wieder ein leichter Anstiegzu verzeichnen. 2024 erreichten die Exporte 655.000 Barrel, im November dieses Jahres stiegen sie auf 921.000 Barrel an.
Paradoxerweise haben nicht China, sondern die USA den positiven Trend ermöglicht. Denn nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 lockerte Washington mehrfach die Sanktionen gegen Venezuela.
So gewährte das Amt für die Kontrolle ausländischer Vermögenswerte (Office of Foreign Assets Control, OFAC) des US-Finanzministeriums dem US-Mineralölkonzern Chevron im November 2022 Ausnahmegenehmigungen für die Wiederaufnahme der Rohölexporte aus seinen Joint-Venture-Betrieben in Venezuela. Im Oktober 2025 bekam Chevron zudem erneut die Erlaubnis, Öl in Venezuela zu fördern.
"Die Steigerungen bei der Ölproduktion in Venezuela sind Chevron zu verdanken", erklärt Francisco J. Monaldi, Ph.D., Experte für lateinamerikanische Energiepolitik am Bakers Institute der Rice University in Houston, Texas, gegenüber der DW. Die Aktivitäten von Chevron machten mittlerweile fast ein Viertel der Ölproduktion Venezuelas aus.
Maduro: "Chevron soll 100 Jahre in Venezuela bleiben"
Ausgerechnet bei Venezuelas Machthaber Präsident Nicolas Maduro löste dies euphorische Reaktionen aus. Nach der US-Lizenz für Chevron im Juli 2025 erklärte erim staatlichen TV-Sender TeleSUR: "Chevron ist seit 102 Jahren in Venezuela präsent, und ich wünsche mir, dass die Firma hier weitere 100 Jahre ohne Probleme arbeiten kann."
Im Gegensatz zu Chevron beschränken sich Chinas Investitionen aktuell auf einzelne private Aktivitäten. So soll die Firma "China Concord Resources Corp" mit der Erschließung von zwei venezolanischen Ölfeldern begonnen haben. Laut Agenturberichtensoll mehr als eine Milliarde US-Dollar in das Projekt investiert werden, um bis Ende 2026 täglich 60.000 Barrel Rohöl fördern zu können.
Kein frisches Geld mehr aus Peking
Staatliche chinesische Banken wie die China Development Bank und Exim-Bank haben nach einem Bericht des Global Development Policy CenterCaracas bereits seit 2016 keine Kredite mehr gewährt. Der größte Teil der rund 60 Milliarden US-Dollar an Schulden wurde durch Umstrukturierungen und Öllieferungen mittlerweile abgebaut.
Keine Kredite, keine staatlichen Investitionen, diplomatische Beziehungen auf einem geringeren Niveau und Gespräche mit der Opposition - für Experte Parsifal D'Sola Alvarado sind dies eindeutige Anzeichen dafür, dass Peking Machthaber Maduro nicht bedingungslos unterstützt.
Bereits 2011 hätte Peking Kritik an der intransparenten Verwendung seiner Kredite geübt, als auf einmal acht Milliarden Dollar spurlos verschwunden seien. "Chinas Behörden waren sehr enttäuscht über das Ausmaß von Korruption und Verschwendung", so Alvarado.
Sanktionen als "Sargnagel"
So seien es nicht in erster Linie die US-Sanktionen gewesen, die zum Rückzug der Chinesen aus Venezuela geführt hätten. "Die Sanktionen waren nur ein weiterer Sargnagel."
Für China werde sich deswegen auch bei einem möglichen Regimewechsel in Caracas wenig ändern, meint er. "Wirtschaftlich sehe ich keine großen Einbußen".
Das Einzige, was sich ändern würde, wäre Chinas geopolitischer Einfluss. "Nach einem Regimewechsel in Caracas hätte Peking keinen Zugang mehr zur venezolanischen Regierung und ihrem Netzwerk."