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Nicht zu Hause, nicht auf See

Janine Albrecht25. Dezember 2013

Seeleute sind es gewohnt, fernab der Heimat zu sein. Doch an Weihnachten werden sie sentimental. Manche haben nach jahrelanger Seefahrt den Anschluss an ihre Familie verloren. Im Seemannsheim finden sie ein zu Hause.

Jürg Niklaus und Enrico Stierli - Seemänner im Seemannsheim (Foto: Janine Albrecht)
Bild: DW/J. Albrecht

Auf dem Fußboden liegen vereinzelt silberne Lametta-Streifen. Weihnachtliche Spuren, die einem beim Abstreifen der Schuhe auf dem Fußabtreter mit dem großen weißen Anker ins Auge fallen, wenn man die Eingangshalle des Hamburger Seemannsheims betritt. Neben allen möglichen Schiffsutensilien, wie Signalfahnen, Rettungsringen oder Schiffsglocken, ist das Haus weihnachtlich geschmückt. "Beschaulich geht es hier allerdings nicht gerade zu", sagt Inka Peschke, die das Seemannsheim Krayenkamp seit zehn Jahren leitet. Irgendwie seien momentan alle ein bisschen wie kleine Kinder, sagt sie und lacht dabei. Sie wolle die Seemänner natürlich nicht als kleine Kinder bezeichnen, fügt Peschke noch rasch hinzu. "Ich glaube sie freuen sich, dass im Alltag mal etwas anderes passiert."

Viele Seeleute haben keine andere AnlaufstelleBild: DW/J. Albrecht

Gestrandet in Hamburg

Für viele, die sich in diesen Tagen im Seemannsheim aufhalten, ist der Alltag seit einigen Jahren ziemlich monoton. Es sind Seeleute, die nicht mehr zur See fahren. Gestrandet in Hamburg, unweit des Hafens. Zwar ist das Seemannsheim vor allem Anlaufstelle für noch aktive Seeleute, aber im Laufe der Jahre, haben sich hier auch Dauergäste aus aller Welt niedergelassen. Mit Anfang 50 finden viele keinen Job mehr an Bord. "Sie sind Jahrzehnte auf deutschen Schiffen gefahren und haben daher hierzulande Anspruch auf Arbeitslosengeld, den sie allerdings verlieren würden, wenn sie in ihre Heimat außerhalb Europas zurückkehren", erklärt Peschke. So wie Isaac Prah. Er sitzt auf einem Stuhl in der kargen Küche im dritten Stock.

Auf dem Herd steht ein großer Topf, darin köcheln Gemüse und große Fleischstücke. Der Mann mit der schweren Goldkette um den Hals und dem dicken silbernen Armband stammt aus Ghana. Seit zehn Jahren ist für ihn Schluss mit der Schifffahrt, seitdem wohnt der 63-Jährige hier. Hin und wieder fliege er zu seiner Familie, sagt er. Weihnachten wird er jedoch im Seemannsheim feiern. "Der Flug ist teuer und daher ist es besser, wenn ich hier bleibe und ihnen dafür Geld schicke", sagt Prah. So wie auch schon die vergangene Jahre. Das Fest im Heim gefalle ihm. "Ich liebe es", sagt er, wobei Weihnachten in Ghana schon etwas anderes als in Deutschland sei. "Hier sind die Leute nur zu Hause, bei uns geht man raus, feiert gemeinsam, besucht Konzerte."

Isaac Prah fährt nicht jedes Jahr nach GhanaBild: DW/J. Albrecht

Weihnachtslieder auf dem Schifferklavier

Zumindest wird im Seemannsheim auch musiziert. Inka Peschke greift Heilig Abend stilecht zum Schifferklavier. „Ich spiele, mehr schlecht als recht, ein paar Weihnachtslieder und die anderen singen dann dazu“, erzählt sie. Seit fünf Jahren feiert sie mit ihrer Familie und den Seemännern. "Diesen Spagat bekäme ich sonst gar nicht hin", wobei man ihr glaubt, dass sie das gemeinsame Weihnachtsfest mag. Einmal hatte die Diakonin des Hauses mit einigen Leuten ein Krippenspiel einstudiert. "Das war eine hübsche Sache, die Seemänner als Maria und Josef zu sehen", erinnert sie sich. Ein libanesischer Seemann, von dem einige sagen, dass er Muslim sei, spielte einen der Hirten. "Wir fragen hier ja nicht nach der Religion", sagt Peschke. Wer nicht Christ ist, gehe dann vielleicht nicht zu der kleinen Andacht in der Kapelle, feiere aber ansonsten einfach mit.

Doch manch einer verkrieche sich auch in seiner Kammer, erzählt Enrico Stierli. Dafür habe er kein Verständnis, wenn es doch schon was Gutes zu Essen gebe. Dem Schweizer Matrosen schmeckt offensichtlich das Hamburger Weihnachtsessen: Kartoffelsalat mit Würstchen und Kassler. Auch er fährt seit Jahren nicht mehr zur See. "Die heutige Seefahrt kannst du doch vergessen", schimpft er. 1997 habe er aufgehört, weil es ihm nicht mehr gefallen habe. Das sei doch nur noch Stress. "Morgens rein in den Hafen, nachmittags wieder raus", sagt Stierli.

Weihnachtserinnerungen mit Fernweh

Früher seien sie auch mal zwei bis drei Wochen im Hafen gewesen, hätten Zeit gehabt für Landgänge. Sein schönstes Weihnachtsfest habe er auf Sri Lanka erlebt. "Da lagen wir in Colombo und haben eine Woche Urlaub gemacht", sagt er und schwärmt von einem Fest mit schön geschmückten Elefanten auf der Sonneninsel. Aber auch an Kolumbien hat er Weihnachtserinnerungen, als im Hafen um Mitternacht alle Schiffssirene ertönt. Oder an Finnland. "Ganz viel Schnee, klare Luft und hübsche Mädchen - das waren romantische Momente." Neben dem 60-Jährigen sitzt "der Schweizer Kapitän", wie er Jürg Niklaus nennt. Die beiden Landsleute kennen sich offenbar schon eine Weile. Beide sitzen in der Cafeteria im Erdgeschoss. Hinter ihnen steht der geschmückte Weihnachtsbaum. Sie haben Heilig Abend auch schon auf hoher See verbracht. Stierli habe dann meistens mit Freunden in der Messe, also dem Speiseraum, gefeiert. "Da hat jeder so seine eigenen Gedanken, manche werden sentimental", erzählt er weiter. "Das kann beschwerlich sein", weiß auch Niklaus. Denn Weihnachten packe jeden, wenn man nichts tue, ende das meist in einer großen Sauferei.

Inka Peschke: Sie feiert mit den Seeleuten und ihrer Familie zusammenBild: DW/J. Albrecht

Ankerplatz an Land

Niklaus ist mit seinen 69 Jahren noch vor einem halben Jahr durch die Meere geschippert. „Muss ich mich jetzt dafür entschuldigen“, fragt der ruhige, freundliche Herr. Die Frage, wann Schluss sei mit der Seefahrt, mache ihm Angst. Er ist seit 42 Jahren auf den Meeren der Welt zu Hause. "Allerdings jetzt gab es nur noch Aufträge für die Nord- und Ostsee, ich fahre maximal noch im Mittelmeer", bedauert er. Jetzt sucht er gerade eine Wohnung in Basel. "Im letzten Fünftel seines Lebens muss man sich mal entscheiden, wo man seinen Ankerplatz hat", sagt Niklaus. Doch sicher werde er immer mal wieder ins Seemannheim nach "Good Old Hamburg" kommen. "Hier trifft man sich an der Bar, wie neulich erst. Da waren wir in Gedanken in Brasilien, Shanghai, überall. Das werde ich vermissen", weiß der Kapitän. Eine feste Wohnung ist für seinen Seemannskollegen Stierli undenkbar. "Da ist man gebunden und hier kann ich für ein halbes Jahr verschwinden, egal wohin", sagt er.

Dass er dafür allerdings nur ein kleines Zimmer von etwa 10 Quadratmetern hat, stört ihn offensichtlich nicht. "Das sind die Seeleute vom Schiff ja auch so gewohnt", weiß die Leiterin des Seemannsheims, Inka Peschke. Überhaupt sei das ja eine sehr kleine Welt auf hoher See. "Dort bekommen sie gesagt, da ist deine Kammer und das ist dein Job, da gibt es eine ganz klare Struktur", sagt sie. Dies fehle dann oft, wenn die Seeleute an Land kämen. Daher hilft das Seemannsheim bei Behördenangelegenheiten oder bei der Jobsuche. Peschke ist sich sicher: Wenn es das Seemannsheim nicht gebe, würden viele durch das Raster fallen und auf der Straße landen. Und genau das ist der Grund, warum 1891 in Hamburg die Deutsche Seemannsmission anfing, sich um die Seeleute zu kümmern. An dieser Aufgabe hat sich bis heute nichts geändert. Viele haben den Anschluss an Familie und Freunde verloren. Im Schnitt acht Monate im Jahr weit weg zu sein, macht sich irgendwann bemerkbar. "Manche sind auch einfach froh, bei einer Tasse Kaffee zu quatschen", weiß Peschke, die sich die Seemannsgeschichten auch gerne mehrmals anhört.

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