1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Nigeria: Arbeit statt Flucht

Hilke Fischer
25. August 2017

Nigeria ist das Hauptherkunftsland von Mittelmeerflüchtlingen. Im Rahmen des DW-Projekts "Dilemma Migration" wurde im nordnigerianischen Jos lebhaft über Ursachen und Lösungen diskutiert.

Podiumsdiskussion "Migration Dilemma" in Jos, Nigeria
Bild: DW/H. Fischer

"Wenn du den Hausberg von Kano siehst, bist du noch lange nicht in der Stadt angekommen", lautet  ein Sprichwort der Haussa in Nigeria. Unter diesem Motto diskutierten Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft in der nordnigerianischen Stadt Jos über irreguläre Migration. Denn was für Kano als jahrhundertealte Wirtschaftsmetropole Nordnigerias gilt, stimmt erst recht für die beschwerliche Flucht nach Europa: Wer das Ziel vor Augen hat, ist längst noch nicht dort. "Fast alle jungen Menschen hier träumen von einem besseren Leben in Europa. Sie glauben, dass ihr Leben dort so sein wird, wie sie es aus dem Fernsehen kennen", sagte Isa Abdullahi, Dozent an der Universität Kashere am Rande der Veranstaltung, die die Deutsche Welle zusammen mit dem lokalen Radiosender "Unity FM" austrug. 

Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wagten mehr als 14.000 Nigerianer die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer - mehr als aus jedem anderen Land. "Viele junge Menschen finden selbst mit einem Universitätsabschluss keinen Job", so Wirtschaftswissenschaftler Abdullahi. "Das politische System hier in Nigeria ist so ausgelegt, dass eher ältere Leute davon profitieren."

Endstation Straßenstrich

Und so lautet dann auch der kecke Vorschlag der Frauenrechtsaktivistin Khadija Gambo Hawaja: "Die nigerianischen Einwanderungsbeamten sind alte Männer. Warum können nicht junge Menschen ihren Job übernehmen, damit sie hier bleiben?" Vor allem Frauen würden bei der Vergabe von öffentlichen Stellen benachteiligt, so Hawaja. "Frauen werden systematisch marginalisiert." Deswegen sähen sie sich nicht selten gezwungen, nach Europa auszuwandern - und endeten dort auf dem Straßenstrich oder im Bordell. Allein in Italien prostituieren sich Schätzungen zufolge rund 40.000 Ausländerinnen, die meisten von ihnen stammen aus Nigeria und Rumänien.

Frauenrechtlerin Khadija Gambo Hawaja mit provokantem VorschlagBild: DW/H. Fischer

Nigerias Jugendminister Solomon Dalung, der neben der Aktivistin auf dem Podium sitzt, ist da anderer Meinung, er gibt den Eltern die Schuld: "Die Mütter müssen ihre Töchter besser erziehen, dann werden sie sich auch nicht prostituieren." Eine Meinung, die von den knapp 200 Zuhörern im Saal nicht geteilt wird: Lautstarker Protest bricht los.

Minister Solomon Dalung trägt zur Kontroverse bei Bild: DW/H. Fischer

Patriotismus kann man nicht essen

Die Vorgängerregierung habe nicht genug für die jungen Menschen getan, so der Jugendminister. Unter Präsident Muhammadu Buhari sei jedoch im vergangenen Jahr ein neues Programm gestartet worden, das bereits 2000 jungen Menschen zu einem Arbeitsplatz verholfen habe. Dalung appelliert an die Ehre: Kein patriotischer Nigerianer würde sein Land verlassen wollen. Ein junger Mann aus dem Publikum wirft ein: "Wie können Sie von jemandem verlangen, patriotisch zu sein, wenn er von einem US-Dollar in der Woche leben muss?"

Teilnehmer der Debatte diskutieren heftig mitBild: DW/H. Fischer

Die Regierung müsse mehr in die Ausbildung investieren, vor allem im Bereich Handwerk, sagt der Blogger und Menschenrechtsaktivist Aliyu Tilde. Doch er nimmt auch die europäischen Staaten in die Pflicht: "Europa muss sich stärker für Frieden in Afrika einsetzen, dann steigt auch der Lebensstandard hierzulande. Solange es Konflikte gibt, werden die Menschen versuchen, nach Europa zu fliehen."

Aufklärung und Dialog

Im Rahmen des DW-Projekts "Dilemma Migration"  finden dieses Jahr vier weitere Debatten in Abidjan  (Elfenbeinküste), Banjul (Gambia), Accra (Ghana) und Conakry (Guinea) statt. Bereits Ende 2016 hatte die DW mit Partnersendern zu Diskussionen in Dakar (Senegal), Bamako (Mali) und Niamey (Niger) eingeladen. Ziel ist es, die Debatte über Fluchtursachen, Migration und Bleibeperspektiven nicht von Europa aus zu führen, sondern direkt vor Ort mit den Betroffenen, und ihre Sicht auf die Dinge darzulegen.

Neben den öffentlichen Debatten und Rundfunkdiskussionen entstehen packende TV-, Radio- und Webreportagen, sachliche Info-Videos sowie ungeschminkte Videobotschaften afrikanischer Auswanderer.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen