Unbezahlbare Lebensmittel: Nigeria kämpft mit der Inflation
21. Januar 2026
Der Alltag ist für die meisten Menschen in Nigeria zu einer Belastungsprobe geworden: Die Preise für Lebensmittel sind auf dem höchsten Stand seit über 20 Jahren, die starke Inflation und explodierende Transportkosten verschärfen die Situation.
Riyah James ist Lehrerin an einer Grundschule in Surulere in der Wirtschaftsmetropole Lagos. Schon der Weg zur Arbeit ist fast unerschwinglich, sagt die junge Nigerianerin. "Von meinem Gehalt bleibt kaum etwas übrig. Die Benzinpreise sind eskaliert. Manchmal verlangt der Schaffner im Bus praktisch über Nacht höhere Preise, und ich habe nicht genug Geld dabei", sagt sie zur DW.
"Einkaufen auf dem Markt kann ich mir kaum leisten, und dieses Problem haben alle Kunden", fügt sie an. Betroffen ist nicht nur ein kleiner Teil der Bevölkerung: Laut einem Bericht der Weltbank vom Oktober 2025 leben mehr als die Hälfte (52,5 Prozent) der Nigerianer in Armut.
Reformen führen zu hoher Inflation
In den vergangenen fünf Jahren hat die Armut in Nigeria deutlich zugenommen. Die Folgen der Corona-Pandemie, eine verschlechterte Sicherheitslage und Unterbrechungen der Lieferketten durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine tragen zur desolaten Lage bei.
Nigeria habe 2023 "schwierige, aber notwendige" Reformen durchgeführt, um die Makroökonomie zu stabilisieren, berichtet die Weltbank. Der daraus resultierende Preisdruck hat die Kaufkraft der Haushalte weiter geschwächt. Die Arbeitseinkommen haben mit dem hohen Preisniveau nicht Schritt gehalten - Millionen Menschen sind in die Armut abgerutscht. Obwohl die jüngsten makroökonomischen Reformen zu einer Stabilisierung der Wirtschaft geführt haben, bleibt die Inflation hoch.
Auch Uche Emmanuel klagt über zu hohe Lebenshaltungskosten: "Ich überlebe mehr schlecht als recht", sagt er zur DW: "Es reicht nicht mehr für drei tägliche Mahlzeiten." Er arbeitet in einem Einkaufszentrum in Lagos, dort werden Spiele zur Unterhaltung angeboten, es gibt auch ein Fotostudio. Doch das Geschäft läuft schlecht. "Ich verkaufe tagelang gar nichts. Es kommt kein einziger Kunde, manchmal am Wochenende. Wie sollen Ladenbesitzer dann ihre Angestellten bezahlen?" Der Präsident mache keinen guten Job, fügt er an.
Im Jahr 2024 betrug die durchschnittliche Inflationsrate in Nigeria 31,4 Prozent; 2025 waren es laut dem Amt für Statistik in Nigeria rund 23 Prozent. Die Zentralbank Nigerias prognostiziert nun für 2026 ein Wirtschaftswachstum von rund 4,5 Prozent und einen Rückgang der Inflation auf etwa 13 Prozent, wobei sie sich auf stabile Devisenmärkte und steigende Ölfördermengen aufgrund der getätigten Reformen beruft. Es herrscht also vorsichtiger Optimismus nach zwei Jahren umfassender Reformen durch Präsident Bola Tinubu, der im Mai 2023 sein Amt antrat.
Übergangsphase auf dem Weg zur Erholung?
"Der neu gewählte Tinubu ging zwei entscheidende Schritte: Er kürzte die größten Subventionen, bei der Währung und Benzin: Der Naira wurde reguliert, anstatt dass der Markt den Preis bestimmte", sagt Ebipere Clark zur DW. Er ist Wirtschaftsexperte bei der Denkfabrik APRI (Africa Policy Research Institute) mit Sitz in Berlin und Nigeria.
"Das hatte massive negative Auswirkungen", fügt er an. Das Fingerspitzengefühl habe gefehlt, sodass die Währung rapide an Wert verlor. Dazu kamen noch Kürzungen der Subventionen bei den Energiepreisen. Die Transportkosten kletterten so stark in die Höhe, dass Beamte nicht mehr fünf Tage pro Woche zur Arbeit gingen, so Clark. All dies habe zur hohen Inflation in den Jahren 2024 und 2025 geführt. Der Präsident habe extreme Maßnahmen ergriffen.
Man hätte das vielleicht schrittweise tun können, räumt der Wirtschaftsexperte ein. Generell stimme er dem Vorgehen des Präsidenten zu, denn vorher sei die Lage noch schlimmer gewesen.
"Die Regierung hat die Wirtschaft gebremst und Unternehmen verließen Nigeria. Wir sind jetzt in einer besseren Position und Unternehmen kommen zurück, um zu investieren. Es gibt Möglichkeiten für Wachstum. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, und das bedeutet Erholung für die Wirtschaft."
Die Preise haben sich auch nach Ansicht von Ikemesit Effiong, einem führenden Mitarbeiter des nigerianischen Marktforschungsunternehmens SBM Intelligence, etwas stabilisiert.
"Was Kraftstoffe angeht, zahlen die Nigerianer im Durchschnitt natürlich mehr für Benzin und Diesel als in der Vergangenheit. Aber die Regulierung und Liberalisierung des Marktes hat dazu geführt, dass das ganze Jahr über Produkte verfügbar sind", sagt er zur DW. Das sei fast beispiellos in Nigerias jüngerer Geschichte.
Lebensmittelkrise - die größte Herausforderung
Die größte Herausforderung für die Regierung seien die Lebenshaltungskosten, die bei den nächsten Reformen angegangen werden müssten, fordert Effiong. Nigeria habe in Bezug auf die Inflation noch viel zu tun, dabei spiele auch der Import von Lebensmitteln, insbesondere Weizen und Getreideprodukten, eine wichtige Rolle. "Dies wurde durch geopolitische Entwicklungen beeinflusst, vor allem durch den Krieg in der Ukraine, der weltweit zu einem Anstieg der Getreidepreise geführt hat", so Effiong
Die Sicherheitslage verschärfe die Lage weiter - denn viele Anbaugebiete in Nigeria seien überproportional von den Sicherheitsproblemen des Landes betroffen: "Bauern wurden entführt oder getötet, sie wurden zur Zielscheibe militanter Gruppen, von Banditen und dschihadistischen Gruppen. Ein Großteil der Produktion ist aufgrund von Problemen in der Lieferkette blockiert", so Effiong.
Der Versuch, diese Waren auf dem Landweg auf den Markt zu bringen, sei schwierig wegen der schlechten Infrastruktur. Aber auch viele Transportunternehmen seien Ziel dieser Banden geworden. "Das hat sich natürlich auch auf die Lebensmittelversorgung ausgewirkt."
Aktuell steigen auch die Preise für Dienstleistungen: "Der größte Faktor dabei sind für die meisten die Mieten. Diese Mieterhöhungen sind als Bewältigungsstrategie für die allgemein steigenden Lebenshaltungskosten im Land zu betrachten."
Wird der Wegfall der Subventionen künftig Verbesserungen bringen? "Wenn einige der Reformen, sofern sie umgesetzt werden, von der Regierung weiterverfolgt werden, sollten sie langfristig tatsächlich helfen", sagt dazu Effiong. Aber gleichzeitig hegt er gewisse Zweifel: Da die Präsidentschaftswahlen 2027 näher rücken, würden sich Politiker mehr darauf konzentrieren, ihre Wiederwahl zu sichern, als für eine gute Regierungsführung zu sorgen, fürchtet Effiong.
Mitarbeit: Olisa Chukwumah in Lagos