Nobelpreisträger Bjaljazki: "Post-Stalin-System in Belarus"
16. Dezember 2025
Der bekannte belarussische Menschenrechtsaktivist Ales Bjaljazki, Gründer des Menschenrechtszentrums Wjasna und Friedensnobelpreisträger von 2022, saß bis zum vergangenen Wochenende in einem belarussischen Gefängnis. Dort verbüßte er eine zehnjährige Haftstrafe, die ihm im März 2023 von einem Minsker Gericht auferlegt worden war. Es befand Bjaljazki des "Schmuggels" und "wiederholter Verstöße gegen die Vorschriften zur Organisation und Durchführung von Massenveranstaltungen" für schuldig.
Am 13. Dezember 2025 wurde der Menschenrechtsaktivist dank US-amerikanischer Vermittlung aus der Haft in Belarus entlassen. Wenige Tage später gab Bjaljazki der DW in Litauen, wohin er nach seiner Freilassung gebracht worden war, ein Interview.
Deutsche Welle: Herr Bjaljazki, wir freuen uns sehr, Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen und wie steht es um Ihre Gesundheit?
Ales Bjaljazki: Wenn man sich über längere Zeit unter so harten Lebensbedingungen befindet, steht man ständig unter enormem Druck. Wenn man wieder in Freiheit ist, ist es eine völlig andere Situation und man muss sich erst einmal psychisch daran gewöhnen. Ich durchlaufe gerade diese Phase. Ein Teil von mir begreift es, aber der andere Teil - der rein körperliche - kann es noch nicht so recht fassen.
Die Ärzte halfen so gut sie konnten. Aber ihre Behandlungsmöglichkeiten waren begrenzt. Sie hatten meist nur eine kleine Auswahl an Medikamenten, es mangelte an Ausrüstung und es war schwierig, bei ernsten Erkrankungen in ein Krankenhaus überwiesen zu werden. Ich denke, ich werde bald wieder gesund sein, arbeiten und ein normales Leben führen können, wie alle anderen Menschen in Freiheit.
Die meisten freigelassenen politischen Gefangenen wurden in die Ukraine gebracht. Warum kamen Sie nach Litauen?
Das weiß ich nicht. Wir waren zehn Personen, die direkt nach Vilnius gebracht wurden. Dies hängt mit Vereinbarungen zwischen der US-Delegation sowie den belarussischen und ukrainischen Behörden zusammen. Wie wir erfahren haben, gab es auf Ebene von Präsident Wolodymyr Selenskyj intensive Verhandlungen. Ich bin allen, die an unserer Freilassung beteiligt waren, zutiefst dankbar.
Sehr wichtig ist jetzt eine entschiedene Haltung der gesamten EU, um eine Freilassung aller politischer Gefangenen und ein Ende der Repression in Belarus zu erreichen. Einerseits werden politische Gefangene freigelassen, andererseits werden neue inhaftiert. Von meinen Kollegen in der Wjasna-Bewegung weiß ich, dass führende Aktivisten der Zivilgesellschaft weiterhin festgenommen werden.
Ich appelliere an die Zivilgesellschaft, an die Menschen, die politische Entscheidungen treffen. Wir müssen weiterhin Druck auf die belarussischen Behörden ausüben, damit diese alle politischen Gefangenen freilassen und die täglichen politischen Repressionen beenden, die die Belarussen nicht frei atmen und leben lassen.
Sie waren bereits von 2011 bis 2014 inhaftiert und als politischer Gefangener eingestuft. Inwiefern unterschied sich ihre zweite Haftstrafe von der ersten?
Die ersten Monate in U-Haft erinnerten mich sehr an früher. Die Arbeitsabläufe in der Anstalt waren dieselben, und meine Zelle befand sich in unmittelbarer Nähe von der, in der ich früher saß.
Doch es gab auch wesentliche Veränderungen. Die Haftbedingungen für politische Gefangene haben sich deutlich verschärft - ich würde sagen, sie sind sadistischer geworden. Unmenschliche Behandlung war zur absoluten Norm geworden. Korrespondenz und Informationsaustausch waren völlig eingeschränkt. Selbst am Tag meiner Freilassung nahm man mir alle meine Manuskripte weg, alle wenigen Briefe, die mich in dieser Zeit erreicht hatten. Ich habe dort meine Memoiren geschrieben und das alles ist jetzt verloren. Die Briefe meiner Frau und auch die anfänglichen von Freunden bedeuteten mir sehr viel. Im gesamten Jahr 2025 erhielt ich nur einen einzigen Brief von meiner Frau, und sie erhielt keinen von mir. Ich war völlig isoliert.
Außerdem wurden vermehrt zusätzliche Strafen angewendet, beispielsweise die Unterbringung in einer Zelle, in der man sich über mehrere Monate sechs bis zehn Quadratmeter mit einer anderen Person teilen muss. Es war sozusagen ein Gefängnis im Gefängnis. Es gibt auch zusätzliche Strafen, mit denen die Haft um ein oder zwei Jahre verlängert wird, und solche Verfahren können beliebig oft wiederholt werden.
Das Ganze ist heute organisiert in einem System permanenten Drucks auf politische Gefangene - psychischer, moralischer und physischer Natur. Es zielt auf die Gesundheit und das Selbstwertgefühl ab, es will einen zerstören, die Individualität auslöschen und einen zum stummen Sklaven machen. Dieses System ist mittlerweile so perfektioniert, dass es stark an die Stalin-Zeit erinnert. Dieses Post-Stalin-System floriert heute in Belarus.
Wie haben Sie erfahren, dass Sie den Friedensnobelpreis bekommen?
Das war vor drei Jahren. Ich erfuhr es von anderen Häftlingen im Flur der Untersuchungshaftanstalt. Wenige Minuten später traf ich meine Anwältin, und sie bestätigte die Nachricht. Das kam völlig unerwartet für mich, auch wenn ich auf der Liste der Nominierten stand. Ich war schon mehrmals nominiert, doch meine Chancen waren angesichts der vielen anderen Anwärter und Probleme immer gering.
Als es dann passierte, war ich schockiert. Ich konnte es erst nicht fassen. Aber es war real und unsere tragische Situation hat dazu beigetragen. Der Nobelpreis wurde nicht für unsere Erfolge verliehen, sondern für den massenhaften heroischen Mut, den die Belarussen während der Proteste 2020 an den Tag legten, für das Streben von Millionen von Belarussen nach Freiheit und Gerechtigkeit. Das ist die tägliche, jahrelange Arbeit der belarussischen Zivilgesellschaft und insbesondere der Menschenrechtsverteidiger.
Auch der Kontext dieser Auszeichnung ist wichtig, da sie gleichzeitig an russische und ukrainische Menschenrechtsaktivisten verliehen wurde. Wir Belarussen befinden uns inmitten des ukrainisch-russischen Krieges. Wir sind mit der politischen Lage in der Region nach wie vor verbunden. Faktisch herrscht in Belarus das Kriegsrecht, auch wenn es nicht offiziell ausgerufen wurde. Es besteht ständige Kriegsgefahr, auch wenn Friedensverhandlungen laufen. Die Aussichten auf Frieden in naher Zukunft sind sehr ungewiss und es ist unklar, was in fünf bis zehn Jahren sein wird.
Sie sind schon lange aktiv. Im nächsten Jahr wird Wjasna 30 Jahre alt. Gibt es noch Hoffnung auf ein demokratisches Belarus, das die Menschenrechte achtet?
Leider war unsere Zeit im Gefängnis Teil unserer Arbeit. Die Inhaftierung von Menschenrechtsverteidigern verdeutlicht am besten, dass es in dem Land keine Demokratie gibt und Menschenrechte nicht geachtet werden. Wir sehen noch kein Licht am Ende des Tunnels, aber wir müssen voranschreiten, denn ich bin sicher, dass es dieses Licht gibt.
Das Gespräch führte Alexandra Boguslawskaja