1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Mosambik im Visier des Dschihad

Antonio Cascais
30. April 2020

In der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado haben islamistische "Gotteskrieger" leichtes Spiel: Sie treffen auf eine verarmte Bevölkerung, einen schwachen Staat und eine praktisch wehrlose Armee.

Symbolbild | Im Norden Mosambiks sind 50 Zivilisten von Dschihadisten ermordet worden
Bild: AFP/J. Nhamirre

 "Sie fielen in das Dorf Xitaxi ein und schlachteten 52 Menschen bestialisch ab. Sie hackten ihnen mit Macheten die Köpfe ab oder erschossen sie mit Maschinengewehren", berichtet der investigative Journalist Estácio Valói im DW-Interview. Xitaxi liegt im Nordosten Mosambiks, in der Provinz Cabo Delgado, nahe der Grenze zu Tansania, einer Gegend mit islamischer Bevölkerungsmehrheit im multireligiösen und laizistischen Mosambik.

Journalist Estácio Valói: investigative Recherchen zum Thema Islamismus in AfrikaBild: privat

"Jahrhundertelang lebten die verschiedenen Religionsgruppen - Muslime, Christen und Animisten - hier friedlich miteinander, aber das hat sich geändert", erklärt Valói. "Immer öfter tauchen Islamisten auf, quasi aus dem Nichts, und stellen die Leute vor die Wahl: 'Seid ihr für oder gegen uns? Wollt ihr leben oder sterben?' Und sie töten diejenigen, die sich weigern, sich ihnen zu unterwerfen." In Cabo Delgado tobe ein asymmetrischer Krieg aus dem Hinterhalt, der bereits mehr als tausend Todesopfer gefordert habe, so der Journalist. Das Massaker von Xitaxi vom 8. April 2020 sei nur einer von vielen islamistischen Angriffen in den letzten Jahren gewesen. Die Opfer hätten sich geweigert, sich den Dschihadisten zu unterwerfen, deshalb seien sie getötet worden.

Lesen Sie mehr: Die mysteriöse Terrorserie in Nord-Mosambik

Bereits Ende März hatten radikale Islamisten, ganz in der Nähe von Xitaxi, die zwei Distrikthauptstädte Quissanga und Mocímboa da Praia erobert, geplündert und stundenlang besetzt. Nach unbestätigten Angaben wurden bei den Angriffen etwa 30 Soldaten und Polizisten getötet.

Laut dem katholischen Erzbischof von Cabo Delgado, Dom Luis Fernando Lisboa, wurden in den vergangenen drei Jahren mindestens 200.000 Menschen in Mosambiks Nordosten aus ihren Dörfern vertrieben. "Das Leid der Menschen ist groß", sagt der Erzbischof im DW-Gespräch. "Die Dschihadisten zerstören nicht nur katholische Kirchen und Missionen, sondern auch Märkte, Häuser und sonstige Infrastruktur." Die 52 jungen Menschen, die in Xitaxi ermordet wurden, seien die "wahren Märtyrer", weil sie ihr Leben für den Frieden geopfert hätten, so Erzbischof Luis Fernando Lisboa. 

Der katholische Erzbischof von Cabo Delgado, Luiz Fernando Lisboa, sucht den Dialog mit den MuslimenBild: DW/D. Anacleto

Die Spur führt nach Tansania
Die lokale Bevölkerung in Nordmosambik nennt die Dschihadisten "Al-Shabaab" nach der in Somalia operierenden Terrormiliz. Sie selbst nennen sich "Ahlu Sunna Wa-Jamah" - Jünger der Tradition des Propheten. Ihre Anführer sind nicht bekannt. In einem Internet-Video, das nach der Einnahme von Quissanga auftauchte, stellten sie konkrete Forderungen: "Wir wollen die Scharia, das Gesetz des Korans", heißt es da. Eines scheint inzwischen klar: Die Gruppe versteht sich als Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). In einigen Orten konnten sie vorübergehend die Flagge des IS hissen. Doch woher kommen sie?

Innenminister Amade Miquidade, Verteidigungsminister Jaime Neto und Präsident Filipe Nyusi, erklärten wiederholt, es handele sich vor allem bei den Hintermännern um "eingereiste Islamisten". Die terroristischen Angriffe seien "aus dem Ausland gesteuert". Mosambik sei ins Fadenkreuz des internationalen Dschihadismus geraten und ziehe radikale Islamisten aus ganz Afrika an, vor allem aber aus dem nördlichen Nachbarland Tansania, berichteten auch einflussreiche Medien, wie die regierungskritische Wochenzeitung "Savana", aber auch das staatliche "Rádio Moçambique".

Brücke über den Grenzfluss Rovuma: viele islamististen in Mosambik stammen aus dem Nachbarland TansaniaBild: DW/Estácio Valoi

Und auch der Journalist Estácio Valói geht davon aus, dass die "ideologischen Wortführer und Hintermänner" aus dem Ausland stammen: "Immer wieder ist von einem Anführer die Rede, der vor Jahren aus Tansania gekommen sein soll", sagt Valói. Natürlich gebe es unter den Hasspredigern auch viele Mosambikaner: "Das sind aber zumeist Leute, die in jungen Jahren in arabische Länder gegangen sind, um sich dort in Koranschulen ausbilden zu lassen, und später nach Mosambik zurückgekehrt sind, um hier ihre radikale Interpretation des Islam zu verbreiten", so Valói.

Der Generalinspektor der Polizei von Tansania, Simon Sirro, will diese Hinweise weder bestätigen noch dementieren. Im DW-Interview sagt er lediglich, dass man eng mit der mosambikanischen Polizei zusammenarbeite und sachdienliche Hinweise und Informationen austausche. Die Zusammenarbeit funktioniere gut und das sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Wichtigste.

Erdgas: Segen oder Fluch?

Cabo Delgado spielt wegen der geplanten Erdgasförderung für Mosambik eine zentrale Rolle, auch wenn dort nur 2,5 Millionen der insgesamt 30 Millionen Einwohner des Landes leben. Erdgas ist die Zukunftshoffnung Mosambiks, das zu den ärmsten Ländern der Welt gehört - und Cabo Delgado verfügt über eines der größten bekannten Gasvorkommen weltweit. Mosambik kann mit Milliardeninvestitionen rechnen und will mögliche Sicherheitsrisiken beseitigen.

Strasse bei Mocímboa wird asphaltiert, um die Installation von Flüssiggasfabriken zu ermöglichenBild: DW/Estácio Valoi

Entsprechend alarmiert zeigt sich die Regierung: "Unsere erwarteten Steuereinnahmen in der Region Cabo Delgado konnten nicht realisiert werden, denn die Investoren haben ihre Aktivitäten aufgrund der Gewaltakte einschränken müssen", sagte Präsident Nyusi vergangenen Freitag in seiner Regierungserklärung, 100 Tage nach Beginn seiner zweiten Amtszeit: "Die unsichere Lage in der Region behindert unsere Bemühungen um mehr Wohlstand und Entwicklung."

Gefahr der "Somalisierung"

"Die Dschihadisten gewinnen immer mehr Terrain und setzen dabei vor allem auf Terror und Angst. Gleichzeitig versuchen sie, das Wohlwollen der ärmeren Bevölkerungsschichten zu gewinnen, indem sie Handys, Fahrzeuge, Sprit oder gestohlene Lebensmittel an loyale Einwohner verteilen", sagt Journalist Valói. Mehr als 1000 Männer hätten sich inzwischen der mosambikanischen "Al-Shabaab" als Kämpfer angeschlossen. Sie würden militärisch ausgebildet und mit immer besseren Waffen ausgestattet. "Früher hatten sie nur Macheten, jetzt haben sie moderne Maschinengewehre und sogar Hubschrauber."

Auch ihre Propaganda werde immer aggressiver und professioneller, sagt Estácio Valói. "Unmittelbar nach jedem Angriff lancieren sie Propagandavideos, die im Internet kursieren." All diese Beobachtungen bringen den Journalisten zu der düsteren Prognose: "Wenn sich die mosambikanischen Sicherheitskräfte weiterhin so zurückdrängen lassen, drohen der Region mittelfristig politische Zustände wie in Somalia."

Mitarbeit: Rashid Chilumba

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen