Nuba‑Berge: Unsicherer Rückzugsraum im Krieg im Sudan
15. April 2026
Hassan Koko sitzt auf einem einfachen, selbstgezimmerten Holzbett und blickt über die Hügel von Süd-Kordofan. Die Landschaft ist ruhig, fast idyllisch. Doch der 50-jährige medizinische Helfer wirkt angespannt.
Am 29. November hatte er gerade eine Schulung beendet und trank Tee, als eine Drohne auftauchte. Beim Einschlag der Geschosse wurden mehrere seiner Kollegen getötet. "Die Drohne schlug einmal zu und kam dann zurück - und traf die, die schon verletzt waren."
Koko überlebte, aber der Angriff hat Spuren hinterlassen. In seinem linken Knie steckt noch immer ein Metallsplitter. "Meine Familie war froh, dass ich lebe. Sie dachten, ich würde sterben. Aber mein Leben ist nicht mehr dasselbe." Manchmal laufe er zum Markt in der Nähe, meistens jedoch sitze er zuhause fest.
Ein Krieg, der nie wirklich endete
Die Situation in den Nuba-Bergen wird von Ereignissen bestimmt, die bis ins Jahr 2011 zurückreichen. Damals wurde die Region bei der Unabhängigkeit Südsudansvon Sudan außen vor gelassen. Das heißt: Die Region wurde nicht Teil des Abkommens, das zur Unabhängigkeit Südsudans führte. Für die vielen ethnischen Gruppen in einem Gebiet von der Größe Österreichs verschärfte das bestehende Spannungen. Ein Bruch, der bis heute nachwirkt.
Seitdem werden die Nuba-Berge von der Rebellenbewegung SPLM-N kontrolliert, die sich gegen eine Marginalisierung der Bevölkerung in der Region einsetzt. Seit Jahren kommt es immer wieder zu Angriffen durch die sudanesische Armee.
Vor drei Jahren begann der aktuelle Krieg im Sudan - er löste eine der weltweit schwersten humanitären Krisen aus. Verschiedenen Schätzungen zufolge hat er mehr als 150.000 Todesopfer gefordert und zur Vertreibung von rund 14 Millionen Zivilisten geführt.
Im Februar 2025 kam es zu einer überraschenden Entwicklung: Die SPLM-N verbündete sich mit den Rapid Support Forces (RSF) - einer Miliz, die früher selbst an Angriffen auf die Region beteiligt war.
Die Allianz gilt als heikel. Doch sie folgt einer eigenen Logik, sagt Analystin Jalale Getachew Birru: "Beide Seiten haben ein gemeinsames Interesse. Deshalb arbeiten sie im Moment zusammen - gegen die sudanesische Armee." Denn beide wollen ein neues föderales System.
Eine Region am Limit
In den meisten Orten der Nuba-Berge sind RSF-Kämpfer inzwischen sichtbar präsent. Sie sitzen in Cafés, bewegen sich frei auf Märkten und verkaufen Waren, die offenbar aus Plünderungen in anderen Teilen des Landes stammen: Betten, Treibstoff, Dünger, elektronische Geräte, sogar Autos.
Gleichzeitig wächst die Zahl der Geflüchteten dramatisch. In Kauda, dem Verwaltungszentrum der SPLM-N, koordiniert Jalal Abdulkarim die humanitäre Hilfe Rebellenbewegung. Er legt Zahlen vor, die das ganze Ausmaß des Flüchtlingsthematik belegen: 2.885.393 steht auf einem gelben Zettel, den er überreicht. Fast 2,9 Millionen Menschen sind seit Beginn des Krieges in die von der SPLM-N kontrollierten Region geflohen.
Die Unterstützung für die Geflüchteten kommt vor allem von internationalen Organisationen - doch deren Mittel schrumpfen. "Während eine Nichtregierungsorganisation früher ein oder zwei Millionen Dollar gespendet hat, sind es heute vielleicht noch 500.000 oder 200.000", sagt Abdulkarim. "Das reicht einfach nicht." Ein Grund für die geringeren Mittel ist auch die Demontage der US-Agentur für internationale Entwicklung (USAID) durch US-Präsident Donald Trump.
Leben im Provisorium
Im Lager Umm Dulo haben Zehntausende Menschen notdürftige Unterkünfte gebaut - aus Ästen, Plastikplanen und allem, was sie finden konnten.
Hier lebt auch die 76-jährige Fatma Eisa Kuku. Sie floh aus der Stadt Kadugli. "Ich konnte nicht schlafen. Jede Nacht ging es nur so rat-tat-tat-tat", sagt sie und macht die Geräusche der Schüsse nach.
Im Lager findet sie etwas Ruhe. Doch die Erinnerungen bleiben. Vor allem an drei Angehörige, die entführt wurden: "Sie kamen irgendwann am Tag - und seitdem habe ich meine Brüder nie wieder gesehen."
Misstrauen und Unsicherheit
Die neue Allianz bringt zusätzliche Spannungen. Die RSF bleiben meist unter sich, viele Einheimische begegnen ihnen mit Misstrauen. Gleichzeitig werden Orte wie Märkte oder Krankenhäuser durch die Präsenz bewaffneter Gruppen zu möglichen Angriffszielen.
Wie stabil das Bündnis ist und wie genau die Vereinbarungen zwischen den RSF und SPLM-N aussehen, bleibt unklar. Analystin Birru spricht von glaubhaften Berichten, wonach die RSF Trainingslager in der Region aufgebaut haben. Gleichzeitig gab es bereits Streit zwischen den Partnern, etwa nach militärischen Rückschlägen. "Wir haben genau beobachtet, ob das ein Zeichen für das Ende der Allianz ist", sagt Birru. Noch aber hält sie.
Zuflucht - vorerst
Im "Mother of Mercy"-Krankenhaus haben drei verletzte RSF-Kämpfer ihre Betten nach draußen in den Schatten gezogen, um der Hitze zu entgehen.
Die Miliz gilt gemeinhin als brutal, ihr werden systematische Tötungen und Kriegsverbrechen vorgeworfen. Doch die Soldaten sehen sich selbst anders. "Wir kämpfen, weil die Regierung zu wenig tut", sagt einer von ihnen, ein Mann namens Hassan Hamid. "Es fehlt an Krankenhäusern, Infrastruktur, Schulen."
Für ihn sind die Nuba-Berge inzwischen mehr als ein Einsatzort. "Ich möchte hier bleiben", sagt er. "Ich will für immer in den Nuba-Bergen leben."