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"Nuremberg": Russell Crowe als Hermann Göring

7. November 2025

James Vanderbilts "Nuremberg" ist ein auf Hochglanz polierter Film über den ersten Nürnberger Prozess, inszeniert als Psycho-Duell zwischen Hermann Göring und einem Psychiater der US-Armee.

Filmstill aus "Nuremberg": Ein Mann in hellblauer Uniform (Russell Crowe als Hermann Göring) steht neben einem schwarzen Oldtimer-Mercedes mit Hakenkreuz-Fähnchen.
In "Nuremberg" spielt Russell Crowe NS-Reichsmarschall Hermann GöringBild: Kata Vermes/Sony Pictures Classics

Der neue Film von Regisseur James Vanderbilt behandelt ein Thema von immenser historischer Bedeutung: den Prozess gegen den NS-Reichsmarschall Hermann Göring in Nürnberg. Er besetzt die Hauptrollen mit Oscar-Preisträgern wie Russell Crowe und Rami Malek, die glänzende Darbietungen liefern; und er wirft mit Geld um sich, um ein makelloses und eindrucksvolles Kinowerk zu schaffen. 

Herausgekommen ist ein Psychothriller, der auf Jack El-Hais Sachbuch "Der Nazi und der Psychiater" (engl. Originaltitel: The Nazi and the Psychiatrist) basiert. "Nuremberg" konzentriert sich auf die Gespräche zwischen Göring (Crowe) - Oberbefehlshaber der Luftwaffe und zweitmächtigster Mann des Deutschen Reichs nach Hitler - und dem Armeepsychologen Oberstleutnant Douglas Kelley (Malek), der entscheiden muss, ob der Nazi-Führer geistig in der Lage ist, vor Gericht zu stehen.

Kelley ist jung, ehrgeizig und fasziniert von der Natur des Bösen. "Was wäre, wenn wir das Böse sezieren könnten?", fragt er zu Beginn. "Was unterscheidet die Deutschen von uns?"

In seinem 1961 erschienenen Buch "22 Cells in Nuremberg" (auf Deutsch: 22 Zellen in Nürnberg) zieht Douglas Kelley den Schluss, dass die vor Gericht stehenden Nazis, darunter Hermann Göring, gewöhnliche Männer waren - vielleicht ehrgeizige und grausame Narzissten, aber keine Psychopathen. Er warnte, dass die Fähigkeit zu solch narzisstischer Bosheit nicht nur in Deutschland vorhanden sei, sondern in jeder Gesellschaft, einschließlich der amerikanischen.

Das ist auch der Kern von Vanderbilts Argumentation - die existenzielle Warnung, die über allem schwebt.

Prozessbeginn in Nürnberg vor 80 Jahren

Die Nürnberger Prozesse fanden vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 statt. In dieser Zeit stellten die Alliierten 22 der überlebenden Hauptkriegsverbrecher der Nazis sowie sechs deutsche Organisationen vor Gericht - und legten damit die Grundsätze des Völkerrechts fest. Der Vorsatz, wenn auch in der Realität nicht immer umsetzbar: Verbrechen gegen die Menschlichkeit sollen nicht ungestraft bleiben.

Aber die Erinnerung daran ist verblasst, ebenso wie die Lehren, die angeblich aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust gezogen wurden. Die Parolen, Symbole und Ideologien des Nationalsozialismus sind mit aller Macht zurückgekehrt und werden von extremen Rechten in Europa, den Vereinigten Staaten und darüber hinaus begrüßt. Der Appell "Nie wieder" erscheint dringlicher denn je.

Drei Zeitzeugen erinnern sich

03:55

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Ein Film, der die Zuschauer daran erinnert, scheint ein lohnendes Unterfangen zu sein. Doch die Wirkung von "Nuremberg" ist seltsam hohl. Es ist ein auf Hochglanz poliertes Unterhaltungswerk, das mehr Show als Prozess ist - und als solches darauf abzuzielen scheint, bei der Oscar-Verleihung abzuräumen.

Hochglanzproduktion versus realer Horror

Das Thema hat nichts von seiner Brisanz verloren, aber Vanderbilts Film wirkt auf die schlimmste Weise altmodisch - ein Prestigeprojekt, das seinen eigenen Schlussfolgerungen ausweicht, anstatt sich ihnen zu stellen. Vanderbilts Göring ist nie ein gewöhnlicher Mensch, der zu einem Monster wurde, sondern immer eine überlebensgroße Figur. Wie könnte es auch anders sein, wenn er von Russell "Gladiator" Crowe gespielt wird?

Die schauspielerischen Leistungen in "Nuremberg" sind dennoch hervorragend - insbesondere die von Crowe als korpulentem, gerissenem Göring, bei dem jeder Witz und jede Bemerkung auf strategische Wirkung ausgelegt ist.

Die Konfrontationen im Verhörraum und im Gerichtssaal sind scharf inszeniert. Das Produktionsdesign ist so ausgefeilt, wie man es von einer prestigeträchtigen Hollywood-Produktion erwartet.

Hermann Göring wurde unter anderem für Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt. Er entzog sich der Vollstreckung, tötete sich selbst mit ZyankaliBild: Scherl/SZ Photo/picture alliance

Aber der Glanz des Films steht im Widerspruch zum Schrecken des Inhalts. Der Regisseur will einen Film über moralische Abrechnung machen, verliert sich aber in Hochglanz-Posen: die der Schauspieler für die Kamera, die Görings für das Gericht, Hollywoods für sein Gewissen.

In einer Schlüsselszene zeigen die Staatsanwälte Aufnahmen aus Konzentrationslagern; Vanderbilt entscheidet sich dafür, die realen Bilder zu zeigen. Aber anstatt dem Film Ernsthaftigkeit zu verleihen, unterstreichen die Szenen voller geschundener und ausgemergelter Körper nur, wie gekünstelt und konstruiert der Rest des Films wirkt.

Ganz anders war da im letzten Jahr Jonathan Glazers Oscar-prämierter Film "The Zone of Interest", dessen einfache, undramatische Inszenierung - gedreht in natürlichem Licht, aus der Distanz, ohne Filmmusik - die banale Monstrosität des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß noch verstärkt.

Die Folgen der Nürnberger Prozesse

Es gibt mehrere Filme über die Nürnberger Prozesse, darunter Stanley Kramers Klassiker "Das Urteil von Nürnberg" aus dem Jahr 1961 mit Spencer Tracy, Burt Lancaster und Maximilian Schell in den Hauptrollen. Der Film wurde für elf Oscars nominiert und gewann zwei davon. 2013 wurde er von der US-Kongressbibliothek als "kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutend" eingestuft und zur Aufbewahrung ausgewählt.

Maximilian Schell in "Das Urteil von Nürnberg"Bild: United Artists

Was Kramers "Das Urteil von Nürnberg" zum Klassiker machte, war seine Bereitschaft, nicht nur den Deutschen den Spiegel vorzuhalten, sondern auch die historische Rolle der US-Amerikaner kritisch zu hinterfragen.

Das fehlt in "Nuremberg": Vanderbilt stellt die Frage "Was unterscheidet sie von uns?", zieht sich dann aber in die Sicherheit eines aufwendigen Kostümstreifens zurück. Das Ergebnis ist ein Film über das Böse, der zu sorgfältig inszeniert ist, um sich die Hände schmutzig zu machen.

Letztlich scheitert "Nürnberg" nicht an mangelnder Handwerkskunst, sondern an mangelnder Überzeugungskraft. Die Fragen, die der Film aufwirft - nach Verantwortlichkeit, Mittäterschaft und der Fragilität der internationalen Justiz - könnten nicht dringlicher sein. Doch der Film stellt nur die Geschichte nach, ohne sich wirklich mit ihr auseinanderzusetzen.

"Nuremberg" kommt am 7. November in die US-Kinos; ein deutscher Starttermin steht noch nicht fest.

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

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