Tanker-Beschlagnahmung der USA: Wird es Reaktionen geben?
11. Januar 2026
Die US-Operation gegen den Frachter Bella 1, später in Marinera umbenannt, entfacht eine Kontroverse über die Folgen für die amerikanisch-russischen Beziehungen. Im Zentrum der Debatte steht die Frage, was mit den Schiffen passiert, die mutmaßlich zur sogenannten Schattenflotte Russlands zählen und unter Verstoß gegen US-Sanktionen Öl für Länder wie Venezuela, Russland und den Iran transportieren.
Nach einer Verfolgungsjagd hatte das US-Militär am 7. Januar den Tanker vor der Küste Islands beschlagnahmt. Ursprünglich war das Schiff auf dem Kurs nach Venezuela gewesen. Dann hatte die Besatzung aus russischen, ukrainischen und indischen Staatsbürgern laut US-Angaben den Kurs geändert, um einer Durchsuchung zu entgehen. Zu diesem Zweck soll das Schiff in Marinera umbenannt worden sein. Ferner wurde die Registrierung geändert und die Besatzung malte die russische Flagge auf den Rumpf des Schiffes - was aber das US-Militär nicht abhielt, die Verfolgung fortzusetzen. Großbritannien bestätigte, die USA bei der Operation unterstützt zu haben. Moskau kritisierte die Festsetzung des Schiffes durch die US-Armee.
Ein Schlag gegen Russland oder Venezuela?
Experten sehen in der Operation gegen die Marinera ein beispielloses Ereignis, da das US-Militär erstmals direkt gegen einen Tanker vorgegangen ist, der mutmaßlich Teil der russischen Schattenflotte ist.
"Bei mehreren versuchten Beschlagnahmungen durch europäische Länder gab es immer rechtliche Probleme. Diesmal haben die USA die Operation durchgeführt. Und durch ihren stärkeren Einfluss ist es eine einschneidende Entwicklung", erläutert im DW-Gespräch Lea Allonier, Mitbegründerin der Dark Water Initiative, einem dänischen Projekt zur Analyse der russischen Schattenflotte.
Allonier stellt den Vorfall aber eher in einen Zusammenhang mit der "Öl-Quarantäne" gegen Venezuela, die US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte. Künftig sei eher damit zu rechnen, dass Washington venezolanische und möglicherweise iranische Tanker festsetzt, nicht aber solche der russischen Schattenflotte.
Die Amerika-Expertin Alexandra Filippenko glaubt, dieser Präzedenzfall werde die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Washington und Moskau zwar weiter verschärfen, nicht aber zu ihrem Abbruch führen. Anders wäre es, wenn Russland noch mehr Tanker von seinen Seestreitkräften eskortieren ließe und zu Vergeltungsmaßnahmen greifen würde. "Beschlagnahmungen von ein oder zwei Tankern werden keine schwerwiegenden Folgen haben", so Filippenko im DW-Gespräch.
Zu einem Problem könnten die Besatzungsmitglieder der festgesetzten Marinera werden, unter denen auch russische Staatsbürger sind. Die amerikanische Seite hat angekündigt, gegen die Seeleute zu ermitteln. Filippenko geht davon aus, dass Moskau versuchen wird, die Männer so schnell wie möglich nach Russland zu holen. Die Entwicklung in dieser Sache sowie die Dynamik in den russisch-amerikanischen Beziehungen generell würden aber von Russlands weiterem Vorgehen abhängen, so die Expertin.
Nur einen Tag nach der Festsetzung des Tankers schrieb der republikanische Senator Lindsey Graham in seinem Blog, Donald Trump habe einem überparteilichen Gesetzentwurf zugestimmt, der hohe Zölle gegen Länder vorsehe, die inmitten des andauernden Ukraine-Krieges russisches Öl kaufen.
Alexandra Filippenko sieht jedoch keinen direkten Zusammenhang zwischen diesem Vorgang und der Operation gegen die Marinera. "Ich glaube, Donald Trump hat ein starkes Interesse an Abkommen mit Russland. Er trennt zwischen den Themen Sanktionen, Venezuela, Tanker und den Verhandlungen über die Ukraine", betont die Expertin, weist aber zugleich darauf hin, dass die US-Operation gegen den Ölfrachter das von Russland aufgebaute System zur Umgehung von Sanktionen durchaus untergrabe.
Für welche Flaggen wird sich Russland entscheiden?
Lea Allonier schließt nicht aus, dass Russland künftig davon absehen könnte, Schiffe unter Flaggen von Drittstaaten wie Kamerun, Sierra Leone und anderen zu fahren. Ihr zufolge fällt es 60 bis 80 Prozent solcher Schiffe der sogenannten Schattenflotte ohnehin inzwischen schwer, beispielsweise ihre Geschäfte zwischen Russland und China zu verbergen.
Die Expertin unterstreicht, dass Schiffe unter russischer Flagge aber nicht mehr die Möglichkeit hätten, aufgrund der geltenden Sanktionen mit bestimmten Ländern in Dollar Geschäfte abzuwickeln. China und Indien würden vom Einsatz russischer Schiffe unter falscher Flagge profitieren. "Sie können sagen, dass sie nicht mit russischem Öl handeln, dass es über ein Drittland gekauft, auf einem Tanker unter der Flagge eines Drittlandes transportiert, dann verarbeitet und weiterverkauft wurde", erläutert Allonier. So würden alle Beteiligten die formale Einhaltung westlicher Sanktionen vortäuschen.
Für europäische Länder würde der Wechsel zur russischen Flagge auf Tankern der Schattenflotte die Anwendung von Sanktionen erschweren, glaubt Allonier. "Aus politischer Sicht ist es viel einfacher, ein Schiff festzusetzen, das beispielsweise fälschlicherweise in Benin registriert ist, als eines, das offen den russischen Staat verteidigt", so die Expertin.
Gleichzeitig könnte ihrer Meinung nach die US-Operation gegen die Marinera aber auch einer vollständigen Umstellung auf russische Flaggen auf solchen Schiffen entgegenstehen. "Man hat gesehen, dass sich die USA nicht von einer russischen Flagge abschrecken lassen", betont sie.
Ein Signal von Donald Trump an Europa?
Allonier findet, die Beteiligung Großbritanniens an der Operation nähre die Hoffnung, dass die EU-Länder diese als Signal für ein entschlossenes Vorgehen gegen Schiffe der Schattenflotte verstehen könnten. Sie merkt an, dass sich die US-Sanktionspolitik stärker auf Iran und Venezuela als auf Russland konzentriere. Alexandra Filippenko sagt in dem Zusammenhang: "Donald Trump hat wiederholt erklärt, dass keine neuen Sanktionen gegen Russland nötig sind, es müssten die bestehenden durchgesetzt werden."
Lea Allonier erinnert daran, wie europäische Länder versucht haben, mutmaßliche Schiffe der Schattenflotte festzusetzen. So hielten estnische Militärs im April 2025 den Tanker Kiwala fest, der einige Wochen später seine Fahrt wieder fortsetzen durfte. Am 1. Oktober wurden zwei Besatzungsmitglieder des Tankers Baracay in Frankreich festgenommen. Und am 31. Dezember übernahm die finnische Grenzpolizei in ihrer ausschließlichen Wirtschaftszone die Kontrolle über das unter der Flagge von St. Vincent und den Grenadinen fahrende Schiff Fitburg, nachdem es ein Telekommunikationskabel im Finnischen Meerbusen beschädigt hatte. Zuvor hatte Finnland den Kapitän des Schiffes Eagle S, einen georgischen Staatsbürger, sowie dessen ersten und zweiten Steuermann beschuldigt, fünf Strom- und Kommunikations-Unterseekabel beschädigt zu haben.
"Finnland und Estland haben Führungsstärke bewiesen und mutige Maßnahmen ergriffen", so Allonier. "Aber einen koordinierten Plan auf EU-Ebene gab es dabei nicht - weder in rechtlicher noch in praktischer Hinsicht."
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk