Geschmierte Mediziner
2. November 2008
Im ungarischen Ort Mezötúr genießen einige Frauen die herbstlichen Sonnenstrahlen im Hof des Krankenhauses. Der Bauch einer jungen Frau spannt sich schon beträchtlich unter dem weißen Bademantel. Ihr Kind kommt bald – und dann ist Zahltag: Sie wird "hálapénz", das in Ungarn weit verbreitete Schmiergeld, an den Geburtshelfer zahlen müssen.
Bis zu 170 Millionen Euro fließen jährlich in die die Taschen korrupter Ärzte, schätzt das Meinungsforschungsinstitut Tárki. In Ungarn ist das überall bekannt. "Wenn man den Ärzten kein Geld gibt, behandeln sie einen nicht vernünftig", sagt eine Rentnerin. Das gelte auch für die Schwestern. Mit 5000 Forint, 20 Euro, gäben sich einige nicht zufrieden. "Da sagen manche: ‚Da kann ich mir nicht mal einen Kaffee für kaufen‘."
Zusätzliches Geld zum Leben
Besonders anfällig für das illegale Zubrot sind Geburtshelfer, Kinderärzte und Chirurgen wie Dr. Attila Pálfi. Er leitet die Chirurgische Abteilung des Klinikums Békéscsaba in der Nähe der rumänischen Grenze. Das Thema Schmiergeld ist ihm unangenehm – aber freiwillig verzichten möchte er nicht auf das finanzielle Plus, das sein Gehalt manchmal sogar verdoppelt. Er rechnet vor, dass er ohne dieses zusätzliche Geld nicht leben könnte. Er verdiene nicht einmal 600 Euro netto im Monat, sagt er. "Das ist nicht viel: Ein Haus zu bauen kostet 30 Millionen Forint, etwa 120.000 Euro. Eine Familie kostet Geld, man will essen." Mit versteuertem Gehalt müsse er dafür 80 Jahre arbeiten, das sei unmöglich. "Es muss ja einen Gegenwert geben für diesen ständigen Stress, den Frust", rechtfertigt er sich.
Wenn die Gehälter steigen würden, würde auch das "hálapénz" verschwinden, glaubt der junge Arzt. Obwohl auch er das Geld annimmt, hält er es für schädlich, denn es untergrabe die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Aus diesem Grund will auch die Ärztekammer höhere Gehälter durchsetzen.
Ratlose Regierung
Die Regierung ist allerdings ratlos. Die Praxisgebühren, die helfen sollten, das Schmiergeld abzuschaffen, wurden durch ein Volksbegehren der Opposition verhindert. Und so setzt der sozialistische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány auf chirurgische Ambulanzen. Sein Kalkül: Wer kein Bett belegt, kann auch schlechter zur Kasse gebeten werden.
Ein Budapester Arzt geht seit Jahren aber einen anderen Weg: Er stellte korrupte Ärzte an einen Internet-Pranger - bis der oberste Datenschützer einschritt. Aber der Arzt József Telkes ist pfiffig: Die Namen sind gelöscht, seine Seite nennt er jetzt "Forum". "Das ist eine ‚Speakers Corner‘ – jeder kann schreiben, was er will", erklärt er.
Doch trotz der massiven Kritik an den Schmiergeldern, sind die Patienten pessimistisch. "Schmiergeld wird es immer geben", sagt eine Patientin. "Ich bin oft krank. Und entweder ich werde behandelt, ohne zu schmieren, oder ich verrecke eben."