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"War komplett kaputt": Das Olympia-Comeback von Samer Tawk

John Duerden
11. Februar 2026

Samer Tawk war 2018 der erste Skilangläufer aus dem Libanon bei den Olympischen Spielen. Ein Jahr später drohte ihm nach einem Skiunfall ein Leben im Rollstuhl. Nach langem Kampf startet er nun in Mailand und Cortina.

Skilangläufer Samer Tawk aus dem Libanon beim Langlauf-Qualifikationsrennen bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld 2019
Skilangläufer Samer Tawk aus dem Libanon geht in Mailand-Cortina zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen an den StartBild: Georg Hochmuth/APA/AFP/Getty Images

"Ich war jung und verrückt und bin an einem Ort Ski gefahren, an dem ich nicht hätte sein sollen", erzählt Samer Tawk der Deutschen Welle (DW). "Ich bin 14 Meter in die Tiefe gestürzt und war komplett kaputt." Tawks Hüften waren an vier Stellen gebrochen, sein linkes Bein war zu 40 Prozent gelähmt. "Ich habe die Harnröhre zerrissen, hatte innere Blutungen und mir den Ellenbogen und die Hand gebrochen."

Ein Jahr vor seinem Unfall hatte Tawk libanesische Sportgeschichte geschrieben: 2018 war er in Pyeongchang als erster Skilangläufer seines Heimatlands bei Olympischen Winterspielen gestartet.

Nach seinem Sturz auf Alpinskiern wurde er im Eiltempo in ein Krankenhaus gebracht und verbrachte zunächst mehr als eine Woche auf der Intensivstation. "Zunächst dachte ich nur daran, ob ich überleben würde, und dann, ob ich behindert sein würde", erinnert er sich heute.

Beschwerlicher Weg zurück

Damals, im Jahr 2019, ging es für Tawk zunächst darum, ob er überhaupt jemals wieder würde gehen können. Heute steht er vor seiner Rückkehr zu den Olympischen Spielen. In Mailand und Cortina d'Ampezzo wird er einer von zwei libanesischen Startern sein. Sein Landsmann, der 17-jährige Andrea Elie Antoine El-Hayek, geht im Alpinski an den Start.

Hinter Tawk liegt eine lange und beschwerliche Genesung. Der Gedanke daran, wieder Ski zu fahren, sei immer da gewesen, sagt der Wintersportler aus dem Nahen Osten. Am Anfang habe er sich allerdings buchstäblich darauf konzentriert, zunächst einen Schritt nach dem anderen zu machen.

"Ich habe die Dinge nicht verkompliziert, ich habe nicht zu viel nachgedacht. Ich wollte einfach mein Bestes geben, und das habe ich den Ärzten gesagt", erzählt Tawk. "Ich habe mit kleinen Schritten angefangen, und wenn ich auch nur winzige Fortschritte sah, war ich glücklich und motiviert."

So sehr, dass er bald wieder darüber nachdachte, erneut zu starten - wenn nicht bei Olympischen Spielen, dann eben bei den Paralympics. "Die meisten Ärzte hielten es für nahezu unmöglich, dass ich mich zu 100 Prozent erhole", sagt Tawk.

Im ersten Jahr habe er versucht, auf Langlaufskiern zu fahren, aber er habe sich keine zehn Meter bewegen können. "Mein linkes Bein konnte es nicht halten, und ich bin immer wieder gestürzt", erinnert er sich.

Lange Zeit machte Tawk nur kleine Fortschritte Das ging etwa zwei Jahre lang so. "Ich bin ein bisschen Ski gefahren, aber meine Technik war deutlich schlechter. Es hat lange gedauert. Nach dreieinhalb Jahren dachte ich: 'Okay, ich kann wieder trainieren und mein Ziel ernsthaft verfolgen.'"

Als "Exot" zu den Olympischen Winterspielen

Skifahren hatte Tawk schon als sechsjähriges Kind gelernt - Alpinski auf den Pisten des Libanon, in der Nähe seines Heimatorts Bischarri in den Bergen, etwa 60 Kilometer nördlich von Beirut.

"Es war so schön, aber teuer, und meine Familie war nicht reich", erzählt Tawk der DW. "Ich musste Trainer bezahlen, eine Saisonkarte kaufen, also bin ich zum Langlauf gewechselt. Das war weniger teuer und ich habe es geliebt."

Der Libanon hat zwar viel Schnee und derzeit sieben Skigebiete, aber organisierte Strukturen im Wintersport gibt es kaum. 2015 verpflichtete der libanesische Verband daher einen Trainer aus Serbien, der Tawk sagte, dass er mit hartem Training innerhalb von drei Jahren die Olympischen Spiele erreichen könne - und 2018 gelang ihm genau das.

Bei seinem ersten Olympiastart, 2018 in Pyeongchang, war Samer Tawk auch Fahnenträger seines LandesBild: Quinn Rooney/Getty Images

"Es war so kalt, es war verrückt, aber eine großartige Erfahrung", sagt Tawk über seinen Olympiastart in Pyeongchang. Im 15-Kilometer-Rennen belegte er den 105. Platz. Tawk absolvierte die Strecke in 47:03 Minuten und war damit rund 14 Minuten langsamer als Olympiasieger Dario Cologna aus der Schweiz. Aber er wurde auch nicht Letzter, sondern ließ immerhin sieben andere Läufer hinter sich.

Die Aussicht, vier Jahre später nach Peking zu fahren, war aufregend. Und selbst nach dem Unfall bestand anfangs noch etwas Hoffnung. "Als ich stürzte, dachte ich, vielleicht bin ich in sechs Monaten wieder auf dem Damm. Aber 2020 war ich immer noch kaputt. Und auch 2021 ging es mir immer noch nicht gut", erinnert sich Tawk.

Er wollte unbedingt nach China, erkannte aber, dass er nicht fit genug war. Also reiste er als Trainer zu den Spielen nach Peking.

"Wunderschönes Land, aber für Athleten nicht toll"

Vier Jahre später kehrt er nun als Athlet in die Loipe zurück. Im Val di Fiemme, wo die Langlaufwettbewerbe ausgetragen werden, geht es für den 27-Jährigen darum, seine eigenen Erwartungen zu erfüllen und sich mit Sportlern aus Ländern auf ähnlichem Niveau zu messen - etwa Mexiko, Saudi-Arabien und Marokko.

Der Libanon hat sieben Skigebiete mit vielen Liften und etlichen PistenkilometernBild: Bilal Hussein/AP Photo/picture alliance

Und vielleicht kann er sein Heimatland inspirieren, den nächsten Schritt zu machen. "Die libanesische Bevölkerung weiß ein bisschen über Wintersport, aber nicht viel", sagt Tawk, der sich mehr Unterstützung von der Regierung wünschen würde.

"Mit Blick auf die Olympischen Winterspiele bin ich frustriert: Wir genießen keinerlei offizielle Anerkennung. Niemand hat offiziell 'Viel Glück!' gesagt. Wir hatten nicht einmal ein Treffen, und ich weiß nicht, ob ich ein offizielles Outfit bekomme", beklagt Tawk. "Der Libanon ist ein wunderschönes Land, aber es ist nicht toll, wenn man als Athlet organisiert arbeiten will."

Der Artikel wurde aus dem englischen Original "Samer Tawk: From intensive care to Winter Olympic return" adaptiert.

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