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„Online-Partizipation ist entscheidend“

Vera Tellmann
4. November 2019

Jeder Mensch muss Zugriff auf das Internet ­erhalten – frei von Gewalt, Angst und Einschüchterung, sagt Adrian Lovett. Fragen an den Mann an der Spitze der World Wide Web Foundation.

Artikelbild Weltzeit 4-2019: „Online-Partizipation ist entscheidend“: Adrian Lovett, World Wide Web Foundation
Bild: Belinda Lawley/Southbank Centre

Junge Menschen nutzen das Internet besonders intensiv, sind am stärksten vernetzt. Was können gerade sie dafür tun, damit das Internet den größtmöglichen Nutzen für die Gesellschaft hat?

Um sicherzustellen, dass das Internet den Menschen Vorteile bringt, braucht die Jugend eine starke Stimme in der Debatte über dessen Zukunft. Regierungen sind für Gesetze und Vorschriften verantwortlich, Unternehmen spielen eine große Rolle bei der Entwicklung der Technologien, die wir alle verwenden. Ihre Entscheidungen müssen sich jedoch an den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung orientieren. Deswegen müssen wir die Sorgen, Energien und Fähigkeiten der Menschen bündeln und eine globale Bewegung zum Schutz des Internets aufbauen. 

Wir haben gesehen, wie erfolgreich öffentlicher Druck sein kann: In den USA blockierten Aktivisten zwei Gesetzesvorschläge, die die freie Meinungsäußerung im Netz hätten behindern können. In Benin und Ungarn haben Proteste erreicht, dass geplante Internetsteuern zurückgenommen wurden. Junge Menschen haben den größten Anteil an der Zukunft des Internets. Sie werden in dieser Bewegung führend sein, so wie sie es heute in der Umweltbewegung sind. Jugend braucht eine starke Stimme in der Debatte über die Zukunft des Internets.

Adrian LovettBild: World Wide Web Foundation

Ist das Internet tatsächlich so vielfältig, wie wir annehmen?

Es ist der vielfältigste Raum, den die Welt je erlebt hat. Es gibt jedoch große digitale Gräben, die es zu überbrücken gilt. Fast 50 Prozent der Weltbevölkerung haben keinen Zugang, Frauen sind unverhältnismäßig oft betroffen. In Industrieländern nutzen über 80 Prozent der Menschen das Internet, in Entwicklungsländern weniger als 20 Prozent. Das Netz hat das Potenzial, eine große ausgleichende Kraft zu sein, aber auf dem Weg, diese Missverhältnisse zu beheben, werden sich bestehende Ungleichheiten zunächst eher verschärfen. 

Universeller Zugang zum Internet ist noch Vision. Was sind die Gründe und was muss sich ändern? 
Der Hauptgrund für die enorme Ungleichheit beim Internetzugang sind die Kosten. In Afrika müssen die Menschen im Schnitt sieben Prozent ihres Monatseinkommens für ein Gigabyte an mobilen Daten ausgeben. Zudem müssen wir eine weitaus größere Vielfalt an Online-Inhalten fördern. Beispielsweise sind nur fünf Prozent der Weltbevölkerung englische Muttersprachler, ­trotzdem sind derzeit 50 Prozent der Webseiten nur auf Englisch verfügbar. Plattformen und Tools müssen so konzipiert werden, dass sie mehrere Sprachen unterstützen und dass die Menschen mit der Technologie, der Konnektivität und den Fähigkeiten ausgestattet werden, die sie für die Erstellung von Inhalten benötigen.

Ihre Stiftung hat ermittelt, dass Nutzerinnen in der Minderheit sind und Frauen auch seltener online ihre Stimme erheben. Gilt dies weltweit?

Bild: Belinda Lawley/Southbank Centre

Ungleichheiten im Digitalen sind vor allem begründet durch Ungleichheiten in Bildung und Einkommen. Geht es um Unterschiede aufgrund des Geschlechts, deuten Untersuchungen darauf hin, dass patriarchalische Gesellschaftsstrukturen ein weiterer wichtiger Faktor sind. Unter Gewalt und Beläs­tigung im Netz leiden Frauen in allen Ländern, auch in den USA, Großbritannien und Deutschland. Auch hier werden Journalistinnen, Aktivis­tinnen und Politikerinnen häufig Opfer von Bedrohungen und ­Angriffen. Regierungen müssen sicherstellen, dass die Rechte der Frauen auch im Netz geschützt werden. Jeder Mensch muss Zugriff auf das Internet erhalten – frei von Gewalt, Angst und Einschüchterung. Online-Partizipation ist entscheidend für die freie Meinungsäußerung und das ­öffentliche ­Engagement.

Adrian Lovett ist CEO und Präsident der seit 2008 bestehenden World Wide Web Foundation. Ziel der gemeinnützigen Organisation ist es, Menschen den Zugang zum Internet zu ermöglichen und Freiheit und Sicherheit im Netz sicherzustellen. Die Stiftung arbeitet mit Regierungen, Unternehmen und Vertretern der Zivilgesellschaft zusammen. Sie führt Studien durch und steuert internationale Projekte. Das jüngste Projekt ist der Contract of Web, in dem sich Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zur Einhaltung bestimmter Prinzipien für ein offenes und freies Internet verpflichten.

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