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Politik

Orban - Held in Ungarns Schulbüchern

Daniel Nolan, Budapest/ cb2. Oktober 2016

Staatlich verordnete Geschichtsbücher zeigen Ungarns Premier als unparteiischen Landesvater. Auch eine Anti-Immigrationsrede von ihm wird zitiert. Das ärgert viele Lehrer, berichtet Daniel Nolan aus Budapest.

Seiten aus einem ungarischen Schulbuch. (Foto: DW/D.Nolan)
Bild: DW/D.Nolan

Ein neues Geschichtsbuch sorgt in Ungarn seit dem Schulanfang für kontroverse Diskussionen. In "Geschichte 8" wird eine Rede von Ministerpräsident Viktor Orban zur Flüchtlingskrise zitiert. Allgemein kommt Orban in dem Werk, das sich mit der Geschichte von 1945 bis heute befasst, ausgesprochen gut weg. Er wird in vielen Texten erwähnt und taucht auf mehreren Fotos auf, auch eine Aufnahme seines Treffens mit Papst Johannes Paul II. ist zu sehen. Orban sei, so lernen die Kinder, "eine prägende Figur für das moderne Ungarn".

Der am heftigsten umstrittene Abschnitt des Buches, das bereits an viele Achtklässler ausgeteilt wurde, stellt die Frage: "Warum, glaubst du, haben ehemalige westliche Kolonialstaaten eine andere Einstellung zu Immigranten?"

In der Antwort zitieren die Autoren von "Geschichte 8" eine Rede, die Orban 2015 vor dem Europäischen Parlament hielt.

"Als ehemaligen Kolonialisten ist ihnen die imperialistische Mentalität wohl bekannt, nach der es natürlich ist, dass viele Menschen aus den ehemaligen Kolonien zu ihnen ins Land kommen. Sie sind darauf vorbereitet, sie leben damit, es ist Teil ihrer Kultur. Ungarn war niemals so ein Land und es wird niemals so ein Land werden", sagte Orban damals. "Wir halten an der Tatsache fest, dass Ungarns kulturelle Homogenität, unsere Mentalität und unsere zivilisatorischen Gewohnheiten wahre Werte sind. Wir halten das für wichtig und wollen es nicht opfern"

Gehören aktuelle Ereignisse in den Geschichtsunterricht?

Agnes Kunhalmi, die Vorsitzende des Kulturausschusses im ungarischen Parlament und Abgeordnete für die Sozialistische Partei, sagt: "Wir sind an einem Punkt in dieser Autokratie angelangt, an dem Orban mit seiner Meinung zum Thema Einwanderung in einem Schulbuch zitiert wird. Was für eine Regierung schreibt seine eigene politische Hasskampagne in ein Geschichtsbuch?"

Auch ein Treffen von Orban und Papst Johannes Paul II. ist in dem neuen Buch zu sehen (unten links)Bild: DW/D.Nolan

Die deutschen Politiker Angela Merkel und Horst Seehofer tauchen ebenfalls im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auf. Die Autoren waren angewiesen worden, Orban in dem Buch zu erwähnen, aber die Tonart und das, was viele als fehlende Neutralität bezeichnen, haben zu scharfer Kritik aus der Lehrerschaft geführt. Außerdem stieß das Schulbuch eine Debatte darüber an, was überhaupt als Geschichte bezeichnet werden kann.

Laszlo Miklosi, der Vorsitzende der Unabhängigen Geschichtslehrer-Vereinigung in Ungarn, stellt in Frage, ob man aktuelle Ereignisse wie Orbans Rede zur Migration überhaupt Geschichte nennen kann.

"Jedes neue Buch enthält Fehler… Aber diese Edition ist die bisher problematischste, weil sie sowohl prinzipielle als auch inhaltliche Fragen aufwirft", sagte Miklosi. "Dieses Buch hat essenzielle Probleme, die weit über das Oberflächliche hinausgehen. Es geht darum, wie etwas gesagt wird. Auf den Fotos ist Orban als aktive, positive Persönlichkeit zu sehen, die eine Brücke einweiht oder vom Papst empfangen wird. Er steht über der Parteipolitik. Sein Gegner, [der ehemalige Premierminister Ferenc] Gyurcsany, taucht als passiver, parteiischer Akteur auf. Ein Bild zeigt ihn vor dem Logo seiner eigenen Partei. Diese Darstellung ist extrem unausgewogen."

Neuer Lehrplan

Der Herausgeber des umstrittenen Buches, Jozsef Kaposi, verteidigt den Inhalt. Er sagt, Orban müsse im Geschichtsbuch erwähnt werden, da die Regierung 2012 den Lehrplan geändert habe und nun ein Geschichtskurs Pflicht sei, der die Zeit von 1945 bis heute behandelt.

Im neuen Lehrplan von Orbans Regierung müssen die Lehrbücher eines Jahrgangs standardisiert sein. Außerdem dürfen Lehrer pro Fach in einem Schuljahr nur zwei von der Regierung genehmigte Lehrbücher verwenden.

Peter Bencsik, der Co-Autor eines ähnlichen Geschichtsbuches, sagte: "Ich verstehe wirklich nicht, warum es diktatorisch sein soll, wenn eine noch lebende Person in einem Geschichtsbuch auftaucht. Seit der neue Lehrplan 2012 herauskam, wussten wir, dass Orban und weitere Premierminister aus der Vergangenheit… Namen sein würden, die Schüler lernen müssen."

Die neuen Schulbücher richten sich nach dem Lehrplan, den die Regierung 2012 festlegteBild: DW/D.Nolan

Auch die Beschreibung von rechten und linken Politikströmungen im neuen Buch sind umstritten. In "Geschichte 8" lernen Schüler, dass "die rechts-stehenden Parteien sich hauptsächlich durch Konservatismus auszeichnen, während bei den links-stehenden Parteien Radikalismus im Vordergrund steht."

"Heutzutage", so das Buch weiter, "behauptet die Linke gewöhnlich, liberal oder sozialistisch zu sein, aber ein Sozialverständnis kann auch ein Merkmal der rechten Parteien sein. Es steht jedenfalls fest, dass konservative Politiker die wichtigsten Aspekte nationaler Ideale, vergangener Erfolge und gewachsener Werte bei ihren Entscheidungen berücksichtigen. Radikale Gruppen dagegen neigen dazu, die Werte der Vergangenheit zu verunglimpfen."

Kaposi spielt die Bedeutung dieser Passagen herunter. Er sagte, Konzepte wie links und rechts seien in der heutigen Politik nicht mehr aktuell. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass die Texte für 14-Jährige geschrieben seien.

Lehrer als starke Opposition

Orban begann seine aktuelle Amtszeit 2010Bild: T. Charlier/AFP/Getty Images

Seit er 2010 wieder an die Macht kam, erklärte Orban Ungarn zu einer "illiberalen Demokratie" - und das, obwohl er seine politische Karriere selbst als Liberaler begonnen hatte. Orban wird auch beschuldigt, das demokratische System in Ungarn zu zerstören. Da es keine glaubhafte Oppositionspartei mehr im Land gibt, halten viele die Lehrer für die aktivste Oppositionkraft unter Orbans Regime. Lehrkräfte beendeten das vergangene Schuljahr mit Streiks und Demonstration gegen die Bildungspolitik der Regierung. Ihr Motto: "Tanitanek", oder "Ich würde lehren".

Von Orban kam bisher kein Kommentar zur aktuellen Schulbuch-Kontroverse. Auf Anfragen der Deutschen Welle zu diesem Thema hat die Regierung nicht geantwortet.

Die sozialistische Abgeordnete Kunhalmi meint: "Dieser Fall verdeutlicht Orbans Vision für dieses Land - und die Einschüchterung, die in Regierungskreisen um sich greift."

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