Organspende: Was man wissen muss

Geht es nach Gesundheitsminister Jens Spahn, soll jeder, der nicht widerspricht, automatisch Organspender werden. Was bedeutet das genau und wie argumentieren die Kritiker?

Worum geht es in dieser Debatte?

Die Zahlen der Organspender in Deutschland sinken seit Jahren. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation hatte die Anzahl der Organspender im vergangenen Jahr mit 797 einen Tiefpunkt erreicht. Zwar gab es im ersten Halbjahr 2018 eine leichte Zunahme. Dennoch würden weiterhin rund 10.000 Menschen in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Ende August.

Geht es nach dem CDU-Politiker, soll jeder Deutsche, der nicht explizit widersprochen hat, als potenzieller Spender gelten. Diese Forderung hat eine Diskussion ausgelöst: Spahn will mit einer Neuregelung die Zahl der Organspenden steigern, doch Kritiker weisen auf ethische Probleme hin und bemängeln etwa, dass eine solche Lösung persönliche Freiheits- und Selbstbestimmungsrechte beschneide. Spahn selbst wies die Kritik zurück. Über 80 Prozent der Deutschen stünden einer Organspende zwar grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Viel weniger Menschen besäßen jedoch einen Organspendeausweis, so Spahn. Und den Krankenhäusern fehlten häufig Zeit und Geld, um diese Organspender zu identifizieren. 

Welche Maßnahmen sieht das Gesundheitsministerium bei einer Neuregelung vor?

Das Gesundheitsministerium hat bereits einen Gesetzentwurf erarbeitet, um durch eine bessere Vergütung der Krankenhäuser die Zahl der Organspenden zu erhöhen. Zudem ist eine Stärkung der vor wenigen Jahren eingeführten Transplantationsbeauftragten vorgesehen. Seit 2012 muss jedes Krankenhaus, in dem eine Organspende räumlich und personell möglich ist, einen solchen Beauftragten benennen. Außerdem sollen kleinere Entnahmekliniken durch qualifizierte Ärzte unterstützt werden. Vor allem sollen potenzielle Organspender besser erkannt und gemeldet werden. Dafür werde laut Bundesgesundheitsministerium ein flächendeckendes Berichtssystem eingeführt. "Kliniken werden verpflichtet, anonymisierte Daten an die Koordinierungsstelle zu übermitteln, die eine Analyse aller Todesfälle mit primärer und sekundärer Hirnschädigung ermöglicht", erklärt das Ministerium auf seiner Homepage. Dabei soll die Deutsche Stiftung Organtransplantation als Koordinationsstelle fungieren und auch bei der Verbesserung krankenhausinterner Abläufe beraten. Auch eine bessere Betreuung der Angehörigen ist vorgesehen.

Welche Kritik gibt es?

Kritik üben Patientenschützer: "Kommt die Widerspruchslösung, kann von Organspende keine Rede mehr sein, denn Spenden sind immer freiwillig", sagte Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz der Tageszeitung "Die Welt".

Den Vorstoß von Spahn kritisierte auch die Gesundheitsexpertin der Grünen Kirsten Kappert-Gonther. Sie spricht von strukturellen Problemen. Es gehe weniger um die fehlende Unterstützung in der Bevölkerung. "Potenzielle Organspender werden zu selten identifiziert und gemeldet. Die Widerspruchsregelung würde daran nichts ändern", meinte sie gegenüber der Welt.

Auch Christine Aschenberg-Dugnus, die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, kritisierte die Widerspruchslösung. Sie würde das Selbstbestimmungsrecht missachten. 

Die katholische Kirche äußerte sich ebenfalls ablehnend. Wie die Deutsche Bischofskonferenz mitteilte, hat sie erhebliche ethische Bedenken gegen die Widerspruchslösung. Außerdem zeige sich in anderen Ländern, dass allein die Umstellung auf die Widerspruchslösung nicht zu mehr Organtransplantationen führe. Auch beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) stieß Spahns Vorschlag auf Kritik.

Welche gesetzlichen Regelungen gibt es in Europa?

In Europa ist die Organspende unterschiedlich organisiert. Die gesetzlichen Regelungen bestimmen, wann und unter welchen Umständen die Organe einer verstorbenen Person entnommen werden dürfen.

In Deutschland gilt seit 2012 die Entscheidungslösung. Das heißt, dass eine Organentnahme nur dann zulässig ist, wenn der Betroffene zugestimmt hat. Jede krankenversicherte Person erhält ab dem vollendeten 16. Lebensjahr von ihrer Krankenkasse oder Versicherung Informationsmaterial, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und eine Entscheidung zu treffen.

Bei der engen Zustimmungslösung muss der Verstorbene bereits zu Lebzeiten einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt keine Einwilligung vor, können die Angehörigen darüber entscheiden. Diese so genannte erweiterte Zustimmungslösung gilt beispielsweise in Griechenland, Großbritannien, Dänemark und der Schweiz. 

Die Widerspruchslösung gilt in Ländern wie Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, Österreich, Portugal, Spanien und Ungarn. Sollte die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen haben, beispielsweise in einem Widerspruchsregister, können Organe zur Transplantation entnommen werden. Sollte keine Entscheidung der verstorbenen Person vorliegen, können die Angehörigen in einigen Ländern der Organspende widersprechen. Die Widerspruchsregelung mit Einspruchsrecht der Angehörigen gilt in Belgien, Estland, Finnland, Litauen und Norwegen.

Anfang des Jahres haben die Niederlande ihr Organspendegesetz geändert und jede volljährige Person zum Organspender erklärt. In Europa gilt nun in 16 Ländern die Widerspruchsregelung.

Welche Voraussetzungen müssen bei einer Organspende erfüllt werden?

Neben der Einwilligung des Verstorbenen oder seiner Angehörigen müssen auch medizinische Aspekte beachtet werden. Nur Menschen, bei denen ein Hirntod vorliegt, können Organe spenden. Also erst wenn die Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms unwiderruflich ausgefallen ist und dies von zwei Ärzten festgestellt wurde. Dabei wird das Herz-Kreislauf-System künstlich aufrechterhalten, damit die Organe und Gewebe weiter durchblutet werden. In den meisten Sterbefällen tritt zuerst ein Herzstillstand ein, weswegen die Organspende ohnehin nur für wenige Verstorbene in Frage kommt. Im Gegensatz zur Organspende kann eine Spende von Gewebe noch bis zu drei Tage nach dem Herzstillstand, dem sogenannten Klinischen Tod, vorgenommen werden.

Datum 05.09.2018
Autorin/Autor Nermin Ismail, Rahel Klein