1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Deutsche Einheit: alte Probleme, neue Ost-Identität

30. September 2026

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung zieht eine gemischte Bilanz und redet über die Symbolkraft von Simson-Mopeds. Was hat das mit Politik zu tun?

Deutschland Berlin 2026 | Elisabeth Kaiser stellt Deutschland-Monitor 2026 vor
Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, sieht beim Stand der Deutschen Einheit Licht und Schatten Bild: Christian Ditsch/epd

Elisabeth Kaiser ist an diesem Mittwoch in Berlin eine besonders gefragte Frau: Die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland muss ein TV-Interview nach dem anderen geben. Anlass ist der unmittelbar zuvor von ihr in einer Pressekonferenz vorgestellte Bericht 2026. Der enthält, wie immer, viele Zahlen und Vergleiche mit dem Westen.   

Weniger Vermögen, weniger Aufstiegschancen?

Die Unterschiede bei wesentlichen Kennziffern sind, wenig überraschend, weiterhin sehr groß: Ostdeutsche verdienen im Durchschnitt schlechter, bekommen geringere Renten, haben weniger Eigentum. Deshalb redet die 1987, drei Jahre vor der Deutschen Einheit, in der DDR geborene Kaiser viel über Vermögensunterschiede.       

Privates Unternehmertum und der Aufbau eines eigenen finanziellen Polsters seien über Jahrzehnte eingeschränkt gewesen. "Und deshalb konnten Familien deutlich weniger Vermögen aufbauen oder weitergeben." Ostdeutsche können also auch weniger vererben. All das gehört für die aus Gera in Thüringen stammende Kaiser zur Frage von Aufstiegschancen.

Wie wichtig sind Beziehungen und die Herkunft?

Und darum scheint es aus Sicht nicht nur der Ostdeutschen schlecht bestellt zu sein. Kaiser verweist auf den von ihr in Auftrag gegebenen Deutschland-Monitor, der zurzeit noch ausgewertet wird - einige Erkenntnisse liegen aber schon vor. Demnach sind rund zwei Drittel der Befragten davon überzeugt, finanzieller und gesellschaftlicher Aufstieg hänge entscheidend von Vermögen, Beziehungen und soziale Herkunft ab.

Diese Wahrnehmung spiegelt sich auch in Zahlen wider. Zwar ist der Anteil ostdeutscher Führungskräfte in den obersten Bundesbehörden nach Kaisers Angaben von 13,9 Prozent im Jahr 2022 auf aktuell 16,3 Prozent gestiegen - aber: "Je höher die Führungsebene, desto geringer ist tatsächlich der ostdeutsche Anteil."        

Überall gibt es nur wenige ostdeutsche Führungskräfte

Die Ostbeauftragte leitet davon eine klare Forderung ab: Zu gleichen Chancen gehöre es, Einfluss auf wichtige Entscheidungen nehmen zu können. "Und deshalb ist auch mein Anspruch, dass Ostdeutsche überall dort am Tisch sitzen, wo Entscheidungen im Land getroffen werden - in den Ministerien, in den Behörden, in der Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz, Kultur und Medien."

Warum der Osten nie das Westniveau erreicht

This browser does not support the audio element.

In allen Bereichen sind Ostdeutsche gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil von knapp 20 Prozent deutlich seltener vertreten. Kaiser kann sich dabei auf Statistiken stützen, die auf dem ebenfalls aus ihrem Haus initiierten Eliten-Monitor stützen. Demnach stieg der Anteil Ostdeutscher in staatlichen wie privaten Führungspositionen im Untersuchungszeitraum 2018 bis 2024 kaum: von 10,9 auf 12,1 Prozent.

In Wirtschaft und Kultur ging die Ost-Quote sogar zurück. Besonders auffällig: Bei den 100 größten deutschen Unternehmen sind alle Führungskräfte westdeutsch, das gilt auch für das Militär. Stark unterrepräsentiert sind Ostdeutsche zudem bei Spitzenpositionen in Justiz, Medien und Kultur.

Die Aussagekraft des Elitemonitors ist mehr als eine Momentaufnahme, denn es handelt sich um eine Langzeitstudie der Universitäten Jena (Thüringen) und Leipzig (Sachsen) sowie der Fachhochschule Zittau/Görlitz (Sachsen). Dabei werden rund 3000 Spitzenpositionen in zwölf Sektoren untersucht.  

Neue Klischeebilder über Ostdeutschland

Die in fast allen gesellschaftlichen Bereichen unzureichende Repräsentanz ostdeutscher Perspektiven scheint auch Folgen für die Selbstwahrnehmung vieler Menschen zu haben. Die zum Zeitpunkt des Berliner Mauerfalls und der Deutschen Einheit geborene Generation, zu der die Ostbeauftragte selbst gehört, habe sich lange nicht als ostdeutsch gefühlt, sagt Kaiser. Erst in der Schule und Ausbildung habe sie gemerkt, dass es Unterschiede zwischen Ost und West gebe, die sie teilweise benachteiligen würden.

Wie sich Sachsen-Anhalt neu erfindet

07:25

This browser does not support the video element.

Das sei wiederum verbunden mit neuen Klischeebildern über Ostdeutschland, die Vergangenheit und die Gegenwart. "Da wird auch politisch zum Teil so eine Ost-Identität geschaffen, weil man nach Orientierung sucht, weil man nach was Verbindendem sucht", weiß Kaiser aus vielen Begegnungen und Gesprächen. Beispielhaft nennt sie die Symbolkraft des zu DDR-Zeiten millionenfach produzierte Simson-Mopeds, das für junge Menschen Mobilität und Freiheit bedeute.

Warum die AfD auf Simson-Mopeds abfährt

"Das wird dann instrumentalisiert", bedauert die Ostbeauftragte - ohne die Alternative für Deutschland (AfD) in diesem Zusammenhang beim Namen zu nennen. Führende Repräsentanten der vom Verfassungsschutz teilweise als rechtsextrem eingestuften Partei nutzen das Kultobjekt gerne bei öffentlichen Auftritten. Einer von ihnen ist Ulrich Siegmund, erfolgreicher Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Debatte um Kult-Mopeds: Simson-Erben gegen AfD

02:55

This browser does not support the video element.

"Das ist eine sehr emotionale Verbindung, die geschaffen wird", sagt Kaiser über den Umgang mit der Marke Simson. Auch zur AfD und ihren Wahlerfolgen im Osten, jüngst auch in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, äußert sich die Ostbeauftragte auf Nachfrage. Von diesen Wahlen gehe ein gefährliches Signal aus: Internationale Investoren und Fachkräfte würden sich fragen: "Gehe ich dahin oder nicht?"

Ist der wirtschaftliche Aufschwung in Gefahr?  

Kaiser nennt insbesondere Bereiche, die in Ostdeutschland als Wirtschafts- und Innovationsfaktor eine wichtige Rolle spielen: Halbleiterindustrie, Batteriezellen-Forschung, Gesundheits- und Biotechnik sowie erneuerbare Energien. Ihre Sorge: Der wirtschaftliche Aufschwung in diesen Branchen könnte darunter leiden.

Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland
Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen