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Oulu und Trenčín: Europas Kulturhauptstädte 2026

3. Januar 2026

Von Finnland bis in die Slowakei: 2026 werden Oulu und Trenčín Europas kulturelle Aushängeschilder. Was hinter dem Konzept der Europäischen Kulturhauptstädte steckt - und wie es Städte nachhaltig verändert.

Slowakei Trencin 2025 | Blick auf Mariensäule und Burganlage der Kulturhauptstadt 2026
Weithin sichtbar und Wahrzeichen der Stadt: Die Burg TrenčínBild: Michael Heitmann/dpa/picture alliance

Trenčín ist eine malerische Stadt in der Westslowakei. Ihr Wahrzeichen ist eine historische Burg, die auf einem Felsen über der Stadt thront. Das Stadtzentrum bildet ein ovaler Platz mit Cafés und Kneipen.

In der Altstadt steht auch die Synagoge, die gerade renoviert wurde. Ein starkes Zeichen an die jahrhundertealte jüdische Gemeinde in Trenčín. Sie ist Herz der Stadt, Sehenswürdigkeit und Veranstaltungsort.

Die frisch renovierte Synagoge: Kulturzentrum und BegegnungsstätteBild: Robert Poorten/imageBROKER/picture alliance

Trenčín hat 55.000 Einwohner. Wie das gesamte Land leidet die Stadt an der tschechischen Grenze unter Abwanderung - die Gründe sind vor allem politischer Natur. Die Menschen sind unzufrieden mit der linkspopulistischen Regierung unter Robert Fico, die mit Nationalisten zusammenarbeitet und mit der EU und der NATO auf Konfrontationskurs geht. Gegen die russlandfreundliche Regierung gehen die Menschen in der Slowakei regelmäßig auf die Straßen.

Festival für die ganze Stadt

Das Kulturhauptstadtjahr soll mit dem Motto "Awakening Curiousity" (Neugier erwecken) nun dagegen halten - nicht mit Hochkultur, sondern mit einem Festival für alle. Es soll Bühnen für Kleinkunst geben, Stadtviertelfeste und Aktionen, die den Zusammenhalt fördern. Vor allem für junge Menschen soll die Stadt attraktiver werden.

Friedensplatz in der Altstadt von TrenčínBild: Robert Poorten/imageBROKER/picture alliance

Statt eines Opernhauses gibt es in Trenčín ein Kulturzentrum, das gerade für acht Millionen Euro saniert wurde. Es ist ausgestattet mit Tanz- und Theatersälen, Ateliers, Werkstätten und einem hochprofessionellen Filmstudio. Damit sollen Menschen aus dem Kunst- und Kulturbereich angelockt und zum Bleiben bewegt werden - ganz nach dem Vorbild der slowakischen Stadt Košice, die den Titel Kulturhauptstadt 2013 hatte, und bis heute davon profitiert.

Oulu: "Kultureller Klimawandel"

Finnland im hohen Norden Skandinaviens gehört zu den Ländern mit den weltweit glücklichsten Menschen. Es ist bekannt für seine Eishockeyspieler, für seine Saunen, für düstere Heavy Metal-Bands sowie skurrile Weltmeisterschaften - sei es in Frauentragen, Gummstiefelweitwurf oder Luftgitarrespielen. Mit dem Telekommunikationsriesen Nokia ist Finnland zudem ein weltweit wichtiger Technologiestandort - und das Land bringt eine große und reiche Kulturszene hervor.

Treffpunkt an der Hafenpromenade von OuluBild: Hilda Weges/Zoonar/picture alliance

All dies möchte Oulu im Jahr 2026 repräsentieren. Die nordfinnische Stadt mit ihren rund  220.000 Einwohnern liegt ca. 600 Kilometer von der Hauptstadt Helsinki entfernt. Nokia hat in Oulu einen Campus errichtet, der sich auf 5G- und 6G-Technologien konzentriert, Forschung und Bildung werden großgeschrieben. Und ebenso groß ist die Kunstszene, die geprägt ist von enger Verbundenheit mit der Natur.

Eis, Saunen und Licht

Das Konzept, das über allen Veranstaltungen steht, klingt ambitioniert: Neues und Unerwartetes soll miteinander kombiniert und Menschen durch Kultur zusammengebracht werden. Auch Kunst und Natur sollen auf bisher unbekannte Weise verbunden werden. Auf dem Programm stehen "typisch finnische" Themen wie Schnee, Eis, Saunen, Licht und Dunkelheit. Die vier Jahreszeiten spielen bei der Programmgestaltung eine besondere Rolle.

Das Motto in Oulu ist - passend dazu - "Kultureller Klimawandel". Damit ist nicht nur eine dauerhafte Bereicherung des Kulturlebens gemeint - sondern auch eine große ökologische Verantwortung.

Oulu trägt jedes Jahr die Weltmeisterschaft im Luftgitarrenspiel aus.Bild: Eeva Riihela/Lehtikuva/dpa/picture alliance

Kultur als Motor: Warum Europa seine Städte feiert

Als die griechische Kulturministerin Melina Mercouri und ihr französischer Kollege Jacques Lang 1985 die Idee der "European City of Culture" ins Leben riefen, wollten sie Europa nach Jahrzehnten des Kalten Krieges kulturell verbinden. Athen war die erste Stadt, die den Titel trug - und damit begann ein Konzept, das heute zu den erfolgreichsten Kulturprogrammen der EU zählt.

Laut der Europäischen Kommission sollen die Kulturhauptstädte "die kulturelle Vielfalt Europas sichtbar machen, das Zugehörigkeitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger zu einem gemeinsamen Kulturraum stärken und den Beitrag der Kultur zur Entwicklung von Städten fördern", wie es auf der Homepage der EU-Kommission heißt.

Anfangs waren es noch Metropolen wie Athen (oben) - später aber bekamen die kleineren Städte den TitelBild: Sofia Kleftaki/DW

Seit 1985 haben über 70 Städte - neben Metropolen wie Paris, Amsterdam oder Madrid auch zahlreiche kleine Städte - den Titel getragen. Und tatsächlich lassen sich Erfolge messen. Eine EU-Wirkungsanalyse von 2023, die im Auftrag der EU-Kommission durchgeführt wurde, ergab, dass zwischen 2013 und 2022 die Gastgeberstädte durchschnittlich 1.000 bis 1.200 kulturelle Aktivitäten pro Titeljahr veranstalteten, die insgesamt 38,5 Millionen Menschen anzogen. Die Besucherzahlen stiegen in den ausgewählten Städten um durchschnittlich 30 bis 40 Prozent an. Das gab der internationalen Sichtbarkeit und dem Kulturtourismus enormen Auftrieb.

Erfolge und Misserfolge

Das schottische Glasgow (1990) beispielsweise wandelte sich dauerhaft von der Industrie- zur Kulturstadt. Liverpool (2008) konnte sich von seinem heruntergekommenen Negativ-Image befreien. Essen/Ruhrgebiet (2010) nutzte den Titel, um sich ein neues postindustrielles Gesicht zu geben: Zechen wurden Kulturorte, Industriebauten UNESCO-Welterbe. Matera 2019 wurde vom "Armenhaus Italiens" zu einem Symbol europäischer Wiedergeburt.

Der Palazzo Lanfranchi in Materas StadtzentrumBild: De Simone-AGF/Bildagentur-online/picture alliance

Manche Städte allerdings schafften den Wandel nicht - wie etwa Weimar 1999, das zwar sieben Millionen Touristinnen und Touristen anlockte, dennoch nachher mit einem Defizit von 13 Millionen Euro dastand. Die bulgarische Kulturhauptstadt 2019, Plovdiv, verzeichnete große Erfolge - doch nicht alle Menschen profitierten davon - wie etwa die Roma-Minderheit der Stadt.

Gerade ist für die ostdeutsche Stadt Chemnitz das Kulturhauptstadtjahr zu Ende gegangen. Mit dem Titel wollte Chemnitz  unter anderem sein rechtsextremes Image abschütteln, das seit den Ausschreitungen von 2018 an der Stadt haftet. Doch im Programm fand sich kaum eine Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus, so die Kritik.

Weihnachtssingen beim Finale in ChemnitzBild: Hendrik Schmidt/dpa/picture alliance

Trotz riesiger Event-Feuerwerke und großzügiger finanzieller Förderung seitens der EU verpufften in manchen ehemaligen Kulturhauptstädten die Bemühungen um einen nachhaltigen Kulturstandort, wenn sie den Titel nicht mit einer langfristigen Kulturstrategie verknüpften. "Eine Kulturhauptstadt ist kein Festivaljahr, sondern ein Veränderungsprozess", betonte EU-Kulturkommissarin Iliana Ivanova bei der Vorstellung der Wirkungsanalyse im Jahr 2023.

Fokus auf Nachhaltigkeit

Inzwischen bemühen sich immer mehr Kulturhauptstädte um Nachhaltigkeit, soziales Engagement und digitale Innovation. Viele EU-Programme fördern Projekte, die Kunst mit Stadtökologie, Kreislaufwirtschaft oder kulturellem Erbe verbinden. Und die vor allem die "kleinen" Projekte unterstützen.

Wald und Wiesen in Finnlands Norden

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In diesem Sinne ist auch Oulu 2026 eine Art europäisches Experimentierfeld: Kultur als Werkzeug gegen den Klimawandel. Trenčín wiederum setzt auf soziale Nachhaltigkeit - Neugier, Bildung und Teilhabe als Basis einer demokratischen Gesellschaft.

Und genau das ist die Kernidee dieses europäischen Leuchtturmprojekts: Kultur als gemeinsame Sprache, die weit über nationale Grenzen hinausreicht und zeigt, dass Gemeinschaft nicht nur politisch, sondern kulturell erfahrbar ist.

Silke Wünsch Redakteurin, Autorin und Reporterin bei Culture Online
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