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Pakistan: Kein Platz für Darwins Evolutionstheorie?

S. Khan
28. Oktober 2023

Die Islamisierung des pakistanischen Bildungssystems schreitet voran. Geistliche zwingen einen Professor zu der Erklärung, die Evolutionstheorie widerspräche islamischem Recht. Akademiker in Pakistan sind besorgt.

Screenshot X Professor Sher Ali Inquisition
Professor Sher Ali (Mitte) musste erklären, dass er alle wissenschaftlichen Meinungen, die der Scharia und den göttlichen Geboten zuwiderlaufen, für falsch hältBild: X/Niazbeen

In der Provinz Khyber Pakhtunkhwa im Nordwesten Pakistans haben islamische Geistliche einen College-Professor kürzlich gezwungen, die Evolutionstheorie von Charles Darwin zu verurteilen. Unter den Akademikern des südasiatischen Landes hat dies eine Welle der Besorgnis ausgelöst.

In seinem 1859 veröffentlichten bahnbrechenden Werk "Über die Entstehung der Arten" hatte der britische Naturforscher argumentiert, biologische Arten würden sich im Laufe der Zeit verändern, weil sie Eigenschaften annähmen, die ihr Überleben und ihre Fortpflanzung begünstigen. Darwins Theorien revolutionierten das damalige wissenschaftliche Denken.

Warum haben die Geistlichen eingegriffen?

Die Ablehnung  von Darwins Theorien durch islamische Geistliche alarmiert nun Akademiker in ganz Pakistan. College-Professor Sher Ali, der am Government Post Graduate College, einer staatlichen Hochschule in Bannu, als Assistenzprofessor für Zoologie tätig ist und dort auch Darwins Evolutionstheorie lehrt, zog den Unmut der Geistlichen nach einer Rede über die Rechte der Frauen im Islam auf sich. Kurz zuvor hatte es in der Stadt Proteste gegen Frauen gegeben, die sich nicht an die traditionelle islamische Kleiderordnung hielten.

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Nach seiner Rede Anfang Oktober beschuldigten Geistliche den Professor, Ausschweifungen Vorschub zu leisten und sich nicht nur in seiner Rede, sondern auch in seinen Vorlesungen gegen den Islam auszusprechen.

Ali wies darauf hin, dass Darwins Evolutionstheorie in einem der Kapitel der in seinem Kurs verwendeten Lehrbücher behandelt würde und es somit seine Aufgabe sei, in seinen Vorlesungen darauf einzugehen.

Wie Rafiullah Khan, ein Mitglied des Ortsverbandes Bannu der pakistanischen Menschenrechtskommission, berichtet, hatte Ali seine Position in den sozialen Medien, in denen ihm mehr als 20.000 Menschen folgen, dargelegt.

"Ali bat jene, die ihm Vorhaltungen machen, dass er Darwins Evolutionstheorie unterrichtet, sich an die Gerichte zu wenden und dafür zu sorgen, dass dies verboten würde. Er betonte, dass es seine Aufgabe sei, die Evolutionstheorie zu unterrichten und dass er dafür von der Regierung bezahlt würde."

Öffentliche Verurteilung von Darwins Theorien

Vergangene Woche wurde Ali jedoch gezwungen, sich öffentlich für seine Ansichten und für die Lehre von Darwins Theorien zu entschuldigen. In den sozialen Medien gingen Videos viral, die Ali - umgeben von Geistlichen  - bei einer öffentlichen Stellungnahme zeigen. Darin heißt es, er erachte alle wissenschaftlichen Meinungen, die der Scharia, dem islamischen Gesetz, widersprechen – wie die Evolutionstheorie Darwins - für falsch.

"Gemäß der Scharia sind Frauen den Männern intellektuell unterlegen", liest Ali in seiner eidesstattlichen Erklärung vor. Eine Kopie dieser Erklärung liegt der DW vor.

"Damit ist für mich zu diesem Thema alles gesagt. Ich bin überzeugt, dass Frauen sich von Kopf bis Fuß verhüllen müssen, wenn sie das Haus verlassen, und dass sie dies nur tun sollten, wenn es unumgänglich ist", heißt es weiter in der Erklärung.

Zahlreiche Akademiker weisen darauf hin, dass die Evolutionstheorie schon immer zu Debatten und Meinungsverschiedenheiten geführt hat. Laut Farhat Taj, einem prominenten paschtunischen Intellektuellen und Professor, war Darwins Evolutionstheorie auf pakistanischen Lehrplänen schon immer ein Streitpunkt.

"Wer auch immer durchscheinen ließ, dass er ansatzweise an diese Theorie glaubt, wurde lächerlich gemacht. Das ist noch immer so. In Bannu wurde ein Professor von Geistlichen traumatisiert, weil er Evolutionstheorie unterrichtete."

In Pakistans Bildungsinstitutionen geht die Angst um

Faizullah Jan ist Professor an der Universität von Peschawar. Er ist überzeugt, dass ein objektiver Unterricht nicht nur in Bezug auf Darwins Evolutionstheorie unmöglich ist, sondern auch bei einer Reihe anderer Themen. Denn erst kürzlich hat die Regierung Universitätsrektoren in einem Schreiben aufgefordert, das Thema Feminismus aus dem Lehrplan zu streichen. 

"In dem Schreiben stand, dass die Gefahren von Atheismus und Feminismus sich in pakistanischen Institutionen wie eine Krankheit ausbreiten und das moralische Gefüge der pakistanischen Gesellschaft zerstören würden", so Faizullah Jan.

Er ist überzeugt, dass diese Einschränkungen nicht das Ende sein werden. "Heute halten wir Lehrer davon ab, über Darwins Theorie zu sprechen. Morgen werden wir sie auffordern, nichts über die negativen Seiten des Patriarchats zu sagen. Und dann werden andere Themen folgen."

Darwins Theorien führen nicht nur in Pakistan zu AuseinandersetzungenBild: Nicolas Economou/NurPhoto/picture alliance

Aktivisten zufolge beschränkt sich die erdrückende Atmosphäre und der Einfluss der Geistlichen nicht nur auf einige Regionen oder Provinzen, sondern ist mittlerweile in ganz Pakistan und auch jenseits der Grenzen zu spüren. Viele konservative Religionsgruppen und Staaten hätten Schwierigkeiten damit, wissenschaftliche Belege für die Evolution anzuerkennen oder lehnten sie ganz ab.

So erweiterte Indiens Nationaler Rat für Bildungsforschung und Ausbildung, der für die Entwicklung von Lehrplänen und Lehrbüchern zuständig ist, zu Beginn des Jahres die Liste der nicht zu behandelnden Themen unter anderem um Darwins Evolutionstheorie.

Laut Professor Abdul Hameed Nayyar, der früher an der Quaid-i-Azam University in Islamabad lehrte, haben solche Veränderungen in der Bildung seit den 1980ern Fahrt aufgenommen. In Chemie wurde Schülern zum Beispiel beigebracht, dass sich Sauerstoff und Wasserstoff nicht automatisch zu Wasser verbinden, erläutert Nayyar gegenüber der DW.

"Stattdessen erzählte man ihnen, dass sie sich durch den Willen Gottes zu Wasser verbinden. Das zeigt, wie weit die Islamisierung von Bildung und Lehrplänen fortgeschritten ist."

Nayyar ist überzeugt, dass dies vollständig im Widerspruch zum wissenschaftlichen Denken steht. "Wissenschaftliches Denken zeigt uns, welche wissenschaftlichen Fakten existieren. Das ist überall auf der Welt gleich."

 Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.

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