Pakistan, Indonesien: Teil der Gaza-Stabilisierungstruppe?
21. November 2025
Sie soll - unter anderem - die Grenzen des Gazastreifens sichern, die Zivilbevölkerung schützen, humanitäre Hilfe leisten, militärische und terroristische Infrastruktur zerstören und nichtstaatliche bewaffnete Gruppen entwaffnen: Ist sie irgendwann gebildet, fallen der vom UN-Sicherheitsrat Anfang der Woche autorisierten Internationalen Stabilisierungstruppe (International Stabilization Force, ISF) eine ganze Reihe von Aufgaben zu.
Grundlage ihres Engagements ist die UN-Resolution 2803. Deren politisches Fundament wiederum ist der von US-Präsident Donald Trump Ende September präsentierte 20-Punkte Plan zur Beendigung des Gaza-Konflikts (Comprehensive Plan to End the Gaza Conflict). Er ist der Resolution als Anhang beigefügt.
Die Resolution setzt der Stabilisierungsgruppe eine weitere Bedingung: Sie muss von dem - ebenfalls noch zu schaffenden - Board of Peace (BoP) akzeptiert werden, einer internationalen Übergangsverwaltung, die den strukturellen Rahmen für den politischen Übergang sowie die Koordinierung und Finanzierung des Wiederaufbaus setzen soll. Dessen Mandat ist befristet bis zum Ende des Jahrs 2027.
Noch ist nicht abschließend geklärt, welche Länder sich an der ISF beteiligen werden. Bereitschaft haben bislang Ägypten, die Türkei und Aserbeidschan signalisiert, zudem ein süd- und ein südostasiatisches Land: Pakistan und Indonesien.
Bislang ausnahmslos muslimische Länder
Dass es sich bei sämtlichen Staaten um islamische Länder handelt, sei kein Zufall, sagt Hussain Haqqani, Journalist und ehemaliger Botschafter Pakistans in den USA, im DW-Interview. Während die meisten westlichen Länder, darunter die Europäische Union, die USA und Deutschland, die Hamas - ihr Angriff auf Israel im Oktober 2023 hatte den Krieg in Gaza ausgelöst - als Terrororganisation betrachten, sähen viele Muslime weltweit sie als Organisation, die gegen Israel kämpfte.
"Darum sind die pakistanische Bevölkerung, Israel und die pakistanische Regierung der Ansicht, dass die Stabilisierung des Gazastreifens nicht allein westlichen Streitkräften anvertraut werden kann", so Haqqani. "Ich denke, auch Präsident Trump erkennt das an. Deshalb stammen alle Länder, die er um Truppen für die Gaza-Stabilisierungstruppe gebeten hat, aus der muslimischen Welt. Denn es wäre beruhigender für die Palästinenser und die Bevölkerung im Gazastreifen, wenn die dort stationierten Stabilisierungstruppen nicht als Unterstützer Israels wahrgenommen würden."
Pakistan und Indonesien: Vorbedingungen für Engagement
Allerdings gebe es für Pakistan mehrere Vorbedingungen für ein Engagement, so Haqqani zur DW. Eine Voraussetzung sei, dass sich auch andere muslimische Länder an der Stabilisierungstruppe beteiligten. "Zweitens möchte Pakistan ein klares Signal, dass die Stabilisierung des Gazastreifens ein Schritt hin zur Anerkennung eines palästinensischen Staates als endgültige Lösung ist. Drittens will Pakistan nicht in eine Situation geraten, in der seine Truppen beispielsweise gegen die Hamas oder die israelischen Streitkräfte kämpfen müssen."
Eine solche Entwicklung wäre für die pakistanische Regierung höchst riskant, sagt Katja Mielke, Pakistan-Expertin von bicc, dem Bonn International Centre for Conflict Studies . "Es gibt in Pakistan starke liberal-linke Kräfte, die sich vehement für palästinensische Interessen einsetzen", sagt sie im DW-Gespräch. "Diese Gruppe argwöhnt mit Blick auf den Trumps 20-Punkte-Plan - der der Resolution ja beiliegt - bereits jetzt, dass ein Engagement in der ISF die Interessen der Palästinenser unterlaufen könnte und Pakistan sich zum Handlanger des israelischen Staats macht. Das ist für die Regierung in Islamabad innenpolitisch durchaus ein Risiko."
Indonesien: Berufung auf Verfassung
Wie für Pakistan ist es auch für Indonesien wichtig, dass sich andere islamische Länder an der ISF beteiligen. Indonesien sei bereit, Truppen zu schicken, wenn arabische Länder grünes Licht gäben, erklärte Presseberichten zufolge der indonesische Verteidigungsminister Sjafrie Sjamsoeddin vor einigen Tagen. Im Blick hat er vor allem die arabischen Golfstaaten, aber auch Ägypten und Jordanien. Unerlässlich sei zudem die Zustimmung Israels zu dem Plan.
Indonesien engagiere sich, weil die Bürgerinnen und Bürger des Landes mit den Palästinensern solidarisch seien, sagt der Jurist Hikmahanto Juwana von der Universität Indonesia, im DW-Interview. Aus Sicht der Bevölkerung halte Israel die palästinensischen Gebiete besetzt. Das indonesische Engagement gründe auf der Präambel seiner Staatsverfassung, sagt Hikmahanto Juwana. Mit Blick auf die niederländische Kolonialherrschaft über das Land steht dort geschrieben, "dass der Kolonialismus aus der Welt beseitigt werden muss."
Auch habe Indonesien sich bereits an anderen UN-Friedensmissionen beteiligt und verfüge darum über entsprechende Erfahrung. "Aus diesen Gründen ist unsere Regierung bereit, Truppen zu entsenden."
In Israel selbst ist der Status der beiden Autonomiegebiete umstritten. Aus dem Gazastreifen hat sich Israel bereits 2005 zurückgezogen, kontrolliert allerdings dessen Außengrenzen. Den Vorwurf, es "kolonialisiere" den Gazastreifen, weist Israel immer wieder zurück.
Distanz zur Hamas
Auch Denis Suarsana, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jakarta, sieht die außenpolitischen Traditionen Indonesiens als starken Grund eines möglichen Engagements im Gazastreifen. "Indonesien sieht sich seit der Asien-Afrika-Konferenz 1955 als eine der Führungsnationen des globalen Südens. Friedensmissionen oder UN-Friedenstruppen und die Beteiligung daran gelten der Staatsführung traditionell als Teil der Süd-Süd-Kooperation, als Akt der Solidarität zwischen den Staaten des globalen Südens", sagt er im DW-Gespräch.
Indonesien engagiere sich für eine Zweistaatenlösung, sagt Suarsana. "Zwar erkennt Indonesien Israel bis heute nicht offiziell an und hat daher auch keine diplomatischen Beziehungen zu dem Land. Aber der indonesische Präsident Prabowo Subianto hat in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung im September deutlich gemacht, dass er im Rahmen einer Zweistaatenlösung die Sicherheit und das Existenzrecht Israels anerkennen würde. Und noch etwas ist wichtig: Die indonesische Regierung akzeptiert bei aller Solidarität mit der palästinensischen Seite die Hamas nicht als die rechtmäßige Vertretung der Menschen in Gaza. Im Gegenteil: Eine weitere Voraussetzung ihres Engagements ist für sie, dass die palästinensische Autonomiebehörde, mit der Indonesien seit Jahrzehnten enge diplomatische Beziehungen pflegt, der ISF zustimmt."
Seien diese Bedingungen erfüllt, sagt Hikamanto Juwana, lasse sich die Stabilität im Gazastreifen aller Wahrscheinlichkeit nach wahren. Dies auch darum, weil sich Indonesien nach derzeitigem Stand mit rund 20.000 Kräften an der IFS beteiligen will. "Auf dieser Grundlage dürfte sich Gewalt, auch eine erneute Aggression zwischen Israel und der Hamas, verhindern lassen."
Pakistan: Risiko und Chance
Darauf käme es auch aus pakistanischer Sicht an, sagt Katja Mieke. "Das Land setzt sich mit seinem Engagement auch international einem gewissen Risiko aus, etwa mit Blick auf Katar, dem ja durchaus gute Beziehungen zur Hamas nachgesagt werden." Noch mehr gilt das mit Blick auf den Iran, der die Hamas ja aktiv unterstützt hat. Hier könnte es unter Umständen zu diplomatischen Spannungen kommen. "Im Gegenzug nähert sich das Land den westlichen Staaten", fährt Mielke fort. "Davon könnte es unter Umständen profitieren - etwa durch ökonomische Zugeständnisse."