Palantir-Manifest: Kommt nun der "Techno-Faschismus"?
21. April 2026
"Das Silicon Valley hat seine Orientierung verloren." So beginnt das erste Kapitel des Buchs "The Technological Republic", in dem Alex Karp seine Weltsicht ausbreitet. Karp ist nicht irgendwer: Der Milliardär steht auf der aktuellen "Time 100", also der vom Time Magazine kuratierten Liste der 100 einflussreichsten Personen. Denn er ist CEO des auf Datenanalyse spezialisierten Softwareunternehmens Palantir Technologies.
Palantir hat über seinen offiziellen Unternehmens-Account auf X am Wochenende eine Zusammenfassung von Karps Buch in 22 Thesen gepostet. Der Post liest sich wie ein politisches Manifest des Unternehmens - und hat bei Tech- und Politik-Interessierten für viel Gesprächsstoff gesorgt.
Was steht in dem Manifest?
Palantir positioniert sich mit den Thesen als entschlossener Akteur an der Schnittstelle zwischen Technologie und Sicherheitspolitik. Grob lassen sich die Thesen in verschiedene Bereiche einteilen:
- Geo- und Sicherheitspolitik: "Das Atomzeitalter neigt sich dem Ende", heißt es etwa - Abschreckung werde künftig nicht mehr durch Nuklearwaffen herbeigeführt, sondern durch KI-Systeme. Und noch deutlicher: "Die Frage ist nicht, ob KI-Waffen gebaut werden, sondern wer sie baut und zu welchem Zweck." Gegner würden sich nicht in theatralischen Debatten verlieren, sondern voranschreiten. An anderer Stelle postuliert Palantir die Notwendigkeit Software-gestützer "harter" Machtinstrumente: "Die Grenzen der Soft Power und hochtrabender Rhetorik sind offengelegt worden." Außerdem habe amerikanische Macht einen außerordentlich langen Frieden ermöglicht. Teilweise wird das Manifest politisch sehr konkret: "Die Kastration Deutschlands und Japans nach dem Krieg muss rückgängig gemacht werden." Das bis heute schwach gerüstete Europa zahle nun einen hohen Preis für die deutsche Entwaffnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wenn die "hoch theatralische Hingabe zu japanischem Pazifismus" weitergeführt werde, drohe eine Machtverschiebung in Asien.
- Verhältnis zwischen Gesellschaft und Politik: Palantir stellt die These in den Raum, dass im aktuellen Diskurs "verboten" sei, über unterschiedliche Erfolgsbilanzen verschiedener "Kulturen" zu sprechen. Außerdem müsse Amerika der Versuchung eines "leeren und hohlen Pluralismus" widerstehen. Beide Punkte docken an die MAGA-Ideologie aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump an. Eine offene Anbiederung, wie Teile des Silicon Valley sie pflegen, vermeidet Palantir jedoch. "Die Psychologisierung moderner Politik führt uns in die Irre", heißt es. Erfüllung in Politikern zu suchen, werde zu Enttäuschung führen. An anderer Stelle ruft das Unternehmen dazu auf, beim Sieg über Feinde innezuhalten anstatt zu jubeln.
- Die Rolle der Tech-Branche: Immer wieder geht es auch um das Verhältnis zwischen Tech-Konzernen und dem US-amerikanischen Staat: "Das Silicon Valley steht moralisch in der Schuld des Landes, das seinen Aufstieg ermöglicht hat", lautet etwa die erste These. Palantir wirbt dafür, über die Grenzen von Apps hinaus zu denken und für eine Tech-Wirtschaft, die weiter Wachstum und Sicherheit generiert. "Das Silicon Valley muss eine Rolle im Kampf gegen Gewaltverbrechen spielen", heißt es wörtlich von der Firma, die ihre Produkte an Sicherheitsbehörden auf der ganzen Welt verkauft.
Was sagen Kritiker dazu?
Der Ökonom und frühere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis teilte den Originalpost mit dem Kommentar: "Wenn das Böse twittern könnte, das wäre der Inhalt!"
Der niederländische Populismusforscher Cas Mudde las Palantirs Manifest als Forderung nach einer von autoritären USA dominierten und von Tech-Überwachungsfirmen kontrollierten Welt - "Technofaschismus pur!" Seiner Ansicht nach disqualifiziert das Manifest Palantir "als Geschäftspartner für jedes anderes Land", schrieb Mudde bei LinkedIn. Europa solle nicht nur jegliche neue Zusammenarbeit stoppen, sondern alle Investitionen "in diese technofaschistische Firma" beenden.
Der britische Blogger und Gründer der Investigativplattform Bellingcat Eliot Higgins merkte zu den gesellschaftspolitischen Punkten Kulturdebatte und Pluralismus ironisch an, es sei "extrem normal und in Ordnung", dass Firmen solche Statements veröffentlichten.
Was ist Palantir überhaupt?
Der Name Palantir stammt aus J.R.R. Tolkiens Fantasy-Epos "Der Herr der Ringe". Darin gibt es die sogenannten "sehenden Steine", mächtige Kommunikationswerkzeuge im Besitz der Bösewichte, die die freien Völker Mittelerdes unterwerfen wollen.
Ko-Gründer und maßgeblicher Investor ist Peter Thiel, dessen Unterstützung auch als maßgeblich für den politischen Aufstieg Donald Trumps gilt. Thiel ist im deutschen Frankfurt geboren, wo übrigens später auch Alex Karp mehrere Jahre gelebt hat.
Palantir wirbt auf seiner Webseite mit Software, die in Echtzeit Entscheidungen in Regierungen und Unternehmen unterstützen soll - "von Fabriken bis zur Front".
Wer nutzt die Überwachungs-Software?
Viele staatliche Stellen in den USA nutzen Palantir - so wurde das Programm Vantage speziell als Betriebssystem für die US Army entwickelt. Im Krieg gegen den Iran hat die KI-gestützte Zielerfassungssoftware Maven Daten für zahlreiche Luftschläge geliefert.
Die Datenanalyseplattform Foundry wird von Behörden in den USA, aber auch Europa, für verschiedene Zwecke genutzt - so nutzten die Niederlande und Griechenland den Dienst, um die Ausbreitung des Coronavirus nachzuverfolgen.
Die wohl bekannteste Palantir-Anwendung heißt Gotham und wird von Sicherheitsbehörden eingesetzt, um rasch Informationen über Personen aus öffentlichen und nichtöffentlichen Quellen zusammenzutragen. Auch hier sind US-Behörden wie CIA oder ICE wichtige Kunden, aber auch europäische Sicherheitsorgane.
Auch mehrere Landespolizeien deutscher Bundesländer setzen modifizierte Versionen von Palantir ein, darunter Hessen und Bayern. In Nordrhein-Westfalen läuft im Oktober ein mehrjähriger Vertrag aus - das Bundesland hat eine neue Ausschreibung für eine Recherche-Software veröffentlicht, an der sich Palantir sowie seine Konkurrenten beteiligen können.
In Deutschland will die Bundesregierung derzeit außerdem ein Gesetz auf den Weg bringen, das es Software erlauben würde, massenhaft öffentlich zugängliche Aufnahmen, etwa von Stimmen und Gesichtern in Social-Media-Beiträgen, auszulesen und daraus biometrische Profile zu erstellen. Das würde Recherchen der Sicherheitsorgane mit Palantir oder Konkurrenzanwendungen erleichtern. Aus Sicht von Kritikern wäre es jedoch ein Schritt zu einem Überwachungsstaat.