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Belgische Justiz sucht weitere Verdächtige

Barbara Wesel21. März 2016

Die Verhaftung von Salah Abdeslam am vergangenen Freitag in Brüssel hat den belgischen Behörden Luft verschafft. Jetzt dehnen sie die Ermittlungen aus und suchen weitere Terrorhelfer der Pariser Attentate.

Belgien Polizisten bei einer Festnahme in Molenbeek
Bild: picture-alliance/dpa/Belga Photo/D. Waem

"Wir haben eine ganze Menge Teile des Puzzles. In den letzten Tagen sind auch noch einige dazu gekommen. Aber wird sind weit entfernt davon, das ganze Bild zu kennen", erläutert der belgische Generalstaatsanwalt Frederic van Leeuw am Montag in Brüssel. Es sind immer noch Fragen offen: Wer gab die Befehle für die Anschläge von Paris, wer half bei der Vorbereitung, wer sind die Hintermänner in Syrien? Das Netzwerk ist größer als man dachte, hatte schon am Freitagabend der französische Präsident Francois Hollande gesagt. Die Polizei sucht also weiter: Aktuell wird dringend nach zwei Verdächtigen gefahndet, auf die man durch Auswertung neuer Spuren stieß.

Zwei weitere Komplizen auf der Fahndungsliste

Einer der mutmaßlichen Mittäter, der lange mit falschen Papieren unentdeckt blieb, ist jetzt identifiziert: Najim Laachraoui, 25 Jahre. Er hielt sich angeblich 2013 in Syrien auf. Seine DNA wurde auf einigen der Sprengstoffgürtel von Paris gefunden, sowie in mehreren Verstecken in Belgien, bei Namur und im Brüsseler Stadtteil Schaarbeek. Er war im September an der österreichisch-ungarischen Grenze kontrolliert worden, als er gemeinsam mit Salah Abdeslam und Mohamed Belkaid, einem der mutmaßlichen Planer der Pariser Anschläge, im Auto unterwegs war. Aber Laachraouis falsche Papiere fielen nicht auf. Belkaid wurde am Dienstag voriger Woche bei der Durchsuchung einer Wohnung im Stadtteil Forêt in Brüssel im Laufe eines Feuergefechts erschossen.

Web-Video Foto von Najim Laachraoui, Verdächtiger der Pariser AnschlägeBild: picture-alliance/epa/Belgium Federal Police

Ebenfalls gesucht wird Mohamed Abrini, ein Jugendfreund und Nachbar von Abdeslam in Molenbeek. Auch gegen ihn besteht - wie gegen Laachraoui - ein internationaler Haftbefehl. Einer der Brüder von Abrini soll in Syrien für den IS kämpfen, er selbst soll als Fahrer und Organisator an den Pariser Anschlägen beteiligt gewesen sein. So wurde seine Spur in mindestens einem der Verstecke gefunden, die von der Terrorgruppe vor den Angriffen genutzt wurden.

Frankreich besteht auf Auslieferung von Abdeslam

Der oberste Anti-Terror-Staatsanwalt aus Paris betonte die gute Zusammenarbeit mit den belgischen Behörden bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Brüssel. Allerdings machte er auch klar, was er von seinen Partnern erwartet: Nachdem die französische Justiz einen Europäischen Haftbefehl gegen Salah Abdeslam erlassen hat, sei es jetzt "an der belgischen Justiz, sich zu dieser Frage zu äußern", sagte Francois Molins.

Abdeslams Anwalt, Sven Mary, arbeitet mit allen Tricks der StrafverteidigungBild: picture-alliance/dpa/S. Lecocq

Belgien hat wohl kein Interesse, den aufwändigen Prozess gegen den einzigen Überlebenden der Attentate von Paris selbst zu führen. Andererseits scheint Abdeslam mit den belgischen Ermittlern ziemlich offen zu reden. Sein Anwalt Sven Mary bestätigte das: Er sei sein Gewicht "in Gold wert". Gleichzeitig will Mary die Auslieferung anfechten. Der Anwalt ist einer der bekanntesten Strafverteidiger von Belgien und trat schon im Dutroux-Prozess auf. Er wird mit allen Tricks für seinen Mandanten kämpfen.

Juristisch aber führt am Ende kein Weg an der Überstellung nach Frankreich vorbei: Abdelslam ist französischer Staatsbürger und die Taten fanden in Paris statt. Er kann allenfalls etwas Zeit gewinnen und die belgischen Ermittler hoffen, noch weitere Details über Hintermänner und Zusammenhänge zu erfahren, bevor sie ihn nach Paris überstellen müssen.

Belgische Justiz und Polizei überlastet

Nur ein einziger leitender Untersuchungsrichter beschäftigt sich derzeit mit der Akte Abdeslam, drei weitere Richter arbeiten an verbundenen Fällen. Die belgischen Behörden sind mit der steigenden Menge der Verfahren überlastet. "Jede Woche bekommen wir zwei bis drei neue Dossiers dazu", klagt Generalstaatsanwalt van Leeuw. Auch deshalb beschwören die Belgier inzwischen die enge Zusammenarbeit mit den Franzosen - bei den Durchsuchungen und Verhaftungen in jüngster Zeit waren meist französische Beamte dabei. Sie können Unterstützung dringend brauchen.

Die Sicherheitsmaßnahmen in Brüssel bleiben hochBild: ppicture-alliance/abaca/A. Belot

Wieder Ruhe in Molenbeek

Inzwischen ist in den Straßen von Molenbeek wieder Ruhe eingekehrt, jedenfalls oberflächlich betrachtet. Die jüngsten Versuche des Bezirks, sein weltweites Image als "Wiege des Dschihadismus" loszuwerden, dürften aber vorerst gescheitert sein. Auch wenn der Festnahme von Abdelslam ein Hinweis der Öffentlichkeit zugrunde liegen soll: Islamistische Strukturen scheinen dort weiter zu bestehen, ohne dass Polizei und Justiz die Ressourcen haben, sie zu untersuchen.

So ist Fatima Aberkan, in deren Wohnung in der Rue des Quatre Vents Abdeslam und seine zwei Komplizen Unterschlupf gefunden hatten, örtlich als "Mutter Jihad" bekannt. Drei junge Männer aus ihrer Familie sollen in Syrien für den IS kämpfen. Und der belgische Innenminister Jan Jambon hält es unterdessen für möglich, dass weitere Gesinnungsgenossen sich für "die Verhaftung von Abdeslam rächen würden". Die akute Terrorgefahr in Brüssel bestehe weiter und die Ermittlungen werden fortgesetzt.

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