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#JeSuisSickofThisShit

Suzanne Cords 23. Juli 2016

Der Terror schlägt immer öfter zu, nach jeder neuen Attacke überschlagen sich die Reaktionen im Netz. Tommy Kempert spricht den Usern mit seinem Hashtag aus der Seele. Doch der PR-Experte übt auch (Selbst-)Kritik.

Aktion #JeSuisSickofThisSh-T
Bild: Tommy Kempert

Als die ersten Nachrichten aus München in den Medien auftauchten, dachte Tommy Kempert, wie wohl die meisten Menschen, zuerst an einen vom IS "inspirierten" Anschlag. Schon im Januar 2016 hatte er den Hashtag #JeSuisSickofThisShit kreiert - nach dem Selbstmordanschlag in Istanbul, der zehn Touristen in den Tod riss. Im DW-Interview spricht der PR- und Marketingexperte unter anderem darüber, warum Tweets auch Anlass zur selbstkritischen Betrachtung geben sollten.

DW: Ein Anschlag in München - und alle denken sofort an den IS ...

Tommy Kempert: Ich glaube, das ist so kurz nach den Geschehnissen in Nizza und Würzburg auch verständlich. Twitter und Facebook tragen natürlich dazu bei, dass relativ schnell und ungeprüft Informationen kursieren, die mitunter schlicht falsch sind. Daher habe ich erst nach einiger Zeit wieder die Nachrichten verfolgt, in der Hoffnung, fundiertere Informationen zu bekommen. Wir tun alle gut daran, Ruhe zu bewahren und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen - auch wenn es wohl in der Natur des Menschen liegt, möglichst schnell einen Schuldigen ausmachen zu wollen. Insofern hat der Terror schon viel verändert und uns als Gesellschaft hysterisch gemacht.

Sie haben Anfang des Jahres den Hashtag #JeSuisSickofThisShit kreiert und damit im Netz einen Nerv getroffen. War das eine spontane Aktion nach einem weiteren Attentat?

Der Hashtag #JeSuisSickOfThisShit ist streng genommen eine Variation eines Memes, das ich erstellt habe. Als Reaktion auf den Terroranschlag in Istanbul wollte ich meine Anteilnahme zeigen und merkte dabei, wie die Namen der Städte, die man an das "Je suis ..." anhängt, zu austauschbaren Variablen geworden sind. Mein erster Gedanke war, "ich bin" es vor allem leid ...

Woher kam die gestalterische Idee? Zu viele #JeSuis Charlie, #JeSuisParis, JeSuisBruxelles, #JeSuisNice? Mittlerweile wird die Liste leider immer länger ...

Der Gedanke dahinter ist auch ein wenig selbstkritisch. Wir bekunden unsere Anteilnahme inzwischen beinahe automatisiert. Vorgefertigte Meme, gewohnte Hashtags und die immer gleiche Bildsprache. So austauschbar wie die gestalterische Umsetzung erscheint mir auch unsere digitale Anteilnahme.

Mit "Je suis Charlie" fing alles anBild: picture-alliance/dpa

Viele User haben das von Ihnen entworfene Original variiert, stört Sie das?

Nein. Es ging und geht mir um die Botschaft. Da kann es nur gut sein, wenn sich möglichst viele Menschen damit auseinandersetzen. Wenn sie diese Botschaft durch ihren eigenen Variationen verbreiten, dann ist das ausschließlich wünschenswert.

Der Hashtag bezieht sich auf islamistisch motivierte Attentate. Würden Sie Ihn auch in München anwenden, wo der Täter offenbar nicht aus religiösen Gründen zuschlug?

Ich sehe das anders. Für mich bezieht sich der Hashtag vor allem auf die schrecklichen Bilder der Gewalt, des Krieges und der Trauer. Für unmittelbare Opfer dürfte es erst einmal relativ unerheblich sein, welche Motivation der oder die Täter hatten. Da geht es erst mal darum, den Schock, Verlust oder die Angst zu bewältigen. Ich würde ihn immer dann anwenden, wenn sinnlose Gewalt zu Toten und Verletzten führt.


Die Anteilnahme im Netz nach den schrecklichen Anschlägen der IS - oder wie in München bei einem Amoklauf - ist riesig. Was, glauben Sie, bewirken Hashtags? Sind sie nur ein Statement, oder können sie auch Dinge bewegen?

Hashtags bewirken erst einmal gar nichts. So wie auch Blumen an einem Grab nichts bewirken. Sie sind lediglich Zeichen der Anteilnahme. Es scheint jedoch so, als würden einige Menschen glauben, mit dem Posten eines Hashtags oder Memes wäre ihre gesellschaftliche Pflicht getan. In Wahrheit fängt doch die eigentliche Aufgabe, nämlich die Trauerbewältigung, die Aufklärung der Tat, die Analyse und vor allem die Ursachenforschung, erst dann an, wenn die meisten Menschen wieder Katzenbilder twittern.

Das Interview führte Suzanne Cords.

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