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PolitikBulgarien

Parlamentswahl: Wählt Bulgarien einen Richtungswechsel?

Mihail Ivanov
18. April 2026

Ex-Präsident Rumen Radew führt mit neuer Partei die Umfragen an. Zwischen Korruptionskampf, Inflationsangst und pro-russischem Kurs könnte die Wahl Bulgariens Verhältnis zur EU grundlegend verändern.

Bulgarien Sofia 2026 | Wahlplakat der Koalition „Progressives Bulgarien" mit Radew darauf auf einer Anzeigetafel in einem Wohngebiet
Wahlkampfplakat der Partei Progressives Bulgarien mit Rumen RadewBild: NurPhoto/picture alliance

Ob am Flughafen der bulgarischen Hauptstadt Sofia oder entlang der Straßen, die die Städte des Landes verbinden: Das Gesicht des ehemaligen Präsidenten Bulgariens ist derzeit allgegenwärtig. Plakatwände und Banner, die für Rumen Radew und seine neu gegründete Partei Progressives Bulgarien (PB) werben, prägen das Straßenbild im ganzen Land. Während andere Parteien im Wahlkampf traditionell mehrere Kandidaten präsentieren, dreht sich bei PB alles um ihren Vorsitzenden.

Wer ist Rumen Radew?

Radew, ein ehemaliger Militärpilot und Bewunderer des scheidenden ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, stellte sich gegen die Einführung des Euro in Bulgarien Anfang dieses Jahres. Zweimal schon, 2016 und 2021, wurde er zum Präsidenten gewählt. 

Als Präsident zurückgetreten, um als Premierminister zu regieren: Rumen RadewBild: Borislav Troshev/Anadolu Agency/IMAGO

Seine Kritik an den Parteien der verschiedenen Regierungskoalitionen brachte ihm hohe Zustimmungswerte ein. So hohe, dass Radew im Januar ein Jahr vor Ablauf seiner regulären Amtszeit als Präsident zurücktrat, um für das Parlament zu kandidieren. "Unser Ziel ist klar: die Oligarchie zu stürzen", erklärte er zu Beginn seines Wahlkampfs.

Worum geht es in den Wahlen?

Einen guten Monat vor Radew war auch die Regierung zurückgetreten. Im Dezember vergangenen Jahres hatten sich an einem Haushaltsentwurf landesweite Massenproteste gegen Korruption entzündet und waren in Rücktrittsforderungen gegen die Regierung kulminiert. Die Koalition zerbrach und es wurden vorgezogene Neuwahlen für diesen Sonntag (19. April 2026) angesetzt - die achten Parlamentswahlen innerhalb von fünf Jahren.

Dementsprechend stand der Kampf gegen Korruption und Inflation im Zentrum des Wahlkampfs. Und das spielte Radew in die Hände: Mit einem Versprechen, das "korrupte Modell" der etablierten Parteien zu kippen, führt er die Umfragen an.

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Angesichts seiner pro-russischen Haltung während seiner Präsidentschaft und des Fehlens klarer politischer Partner könnte ein Sieg Radews die Innen- und Außenpolitik des Landes erheblich verändern - insbesondere auch Bulgariens Verhältnis zur EU.

"Letzte Hoffnung für das Land"

Um sich ein eigenes Bild zu machen, reiste die DW im Vorfeld der Wahlen durch Bulgarien und sprach mit Menschen vor Ort. Viele von ihnen blicken überwiegend positiv auf ihren ehemaligen Präsidenten. Viele bezeichnen ihn angesichts der politischen Instabilität der letzten fünf Jahre als "die letzte Hoffnung für das Land". 

Andere, darunter auch junge Wähler, stehen Radew skeptisch gegenüber. Sie trauen der "neuen messianischen Figur" nicht, als die ihn viele in ihren Augen verklären.

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Radew präsentiere sich als einigende Persönlichkeit, die verschiedene gesellschaftliche Gruppen übergreift, sagt Boriana Dimitrova, geschäftsführende Gesellschafterin des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Alpha Research. Damit fülle er große Veranstaltungssäle und bringe die anderen Parteien in Bedrängnis: "Als neuer Akteur auf der politischen Bühne zieht er Wähler von den meisten Parteien ab. Die haben sich dann darauf konzentriert, zumindest das zu bewahren, was sicher ist."

In einer Umfrage von Alpha Research sieht PB auf Kurs: Mit 34,2 Prozent der Stimmen läge Radews Partei vor dem Mitte-Rechts-Bündnis GERB-SDS, das auf 19,5 Prozent zurückgefallen ist. Die DPS, die Partei unter Führung des Oligarchen Deljan Peewski, gegen den die USA und Großbritannien Sanktionen verhängt haben, lag zuletzt mit 9,4 Prozent knapp hinter dem liberalen Anti-Korruptionsbündnis PP-DB, das auf 11,6 Prozent kam.

Worum es dem bulgarischen Wahlvolk geht

In der zersplitterten politischen Landschaft Bulgariens ist keine klare Mehrheit in Sicht. Folglich konzentrieren sich die Parteien auf das, was sie als ihre bisherigen Erfolge ansehen. So propagiert die GERB Bulgariens vollständige Integration in die EU, das Bündnis PP-DB wirbt mit Justizreformen zur Korruptionsbekämpfung. Doch nach Daten von Alpha Research dominiert bei den alltäglichen Sorgen der Menschen ein anderes Thema. 

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Laut einer für den Bulgarischen Nationalrundfunk durchgeführten Umfrage fürchten die Bulgaren nach der Einführung des Euro am 1. Januar und dem Anstieg der Energiepreise vor allem die wachsende Inflation. Das sei höchst ungewöhnlich, sagte Dimitrova der DW: "Die Angst vor Inflation war seit der Hyperinflationskrise im Jahr 1997 in Umfragen nicht mehr aufgetaucht - nicht einmal während der Folgen der Finanzkrise von 2008. Der Kampf gegen die Korruption folge erst auf Platz zwei der drängendsten Themen. 

Radew hat dieses Thema in seinem Wahlkampf direkt mit der Korruption "der Oligarchen" verknüpft: "Lasst uns unser Land zurückerobern, damit es in dem europäischen Bulgarien keine armen Menschen mehr gibt."

Radew bleibt bewusst unkonkret

"Radews Wählerschaft setzt sich zu nahezu gleichen Teilen zusammen aus Russland-Anhängern und diejenigen, die sich Sorgen um Korruption machen", sagte Daniel Smilow, Politikwissenschaftler und außerordentlicher Professor an der Universität Sofia "St. Kliment Ohridski", der DW. Aus diesem Grund vermeide Radew es, in seinen Botschaften allzu konkret zu werden. Andernfalls, so Smilow, riskiere er, eine der beiden gegensätzlichen Gruppen zu verärgern und dadurch ihre Unterstützung zu verlieren.

Dimitrova beschreibt Radews Anhänger etwas anders. Die meisten von ihnen verträten eine ausgeprägte pro-russische Haltung und stammten sowohl aus rechtsextremen Kreisen als auch aus verschiedenen konservativen und linken Parteien, die zusehends an Boden verlieren.

Radew hat sich EU-kritisch und Russland-freundlich geäußert. Wäre seine Regierung ein weiterer Stresstest für die EU?Bild: John Wreford/Zoonar/IMAGO

So werde Radew beispielsweise von vielen Menschen unterstützt, die zuvor für die Bulgarische Sozialistische Partei (BSP) gestimmt haben. Die BPS ist die Nachfolgepartei der Kommunistischen Partei, die das Land 45 Jahre lang regierte und Radews erste Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2016 unterstützte. Heute droht der BSP, an der Sperrklausel für den Einzug ins Parlament von vier Prozent zu scheitern.

Folgt Radew Orban als Störfaktor in der EU?

Radew hat seine pro-russischen Standpunkte stets offen vertreten. Mit seiner Weigerung, Putin als Aggressor im Ukrainekrieg zu bezeichnen, löste er als bulgarischer Präsident jedoch heftige Kritik aus.

Obwohl Radew sich nie für einen Austritt Bulgariens aus der EU ausgesprochen hat, deckten sich seine Positionen oft mit denen der Premiers von Ungarn, Viktor Orban, und der Slowakei, Robert Fico. So sprach sich Radew gegen eine Unterstützung der Ukraine aus und erklärte, er halte Sanktionen gegen Russland für wirkungslos.

EU-kritische Minsterpräsidenten: der Slowake Robert Fico (l.) und der Ungar Viktor OrbanBild: Omar Havana/AP Photo/picture alliance

Nach der Niederlage von Viktor Orban bei den Wahlen am 12. April sieht das US-Nachrichtenportal "Politico" Radew als möglichen Nachfolger für dessen Rolle als Hauptstörfaktor der EU, sollte er Premierminister werden. 

Harte Koalitionsverhandlungen stehen bevor 

"Es ist unklar, ob Progressives Bulgarien und Radew den Begriff 'progressiv' im amerikanischen, linksgerichteten Sinne verstehen oder in dem Sinne, wie ihn Serbiens Regierungschef Aleksandar Vucic verwendet", meint Smilow in Anspielung auf die konservative Serbische Fortschrittspartei. Die Antwort auf diese Frage werde wahrscheinlich in den Bündnissen liegen, die PB auf nationaler Ebene eingehen will. 

Bislang haben Parteimitglieder erklärt, sie seien offen für Bündnisse auf der Grundlage gemeinsamer politischer Ziele, wie etwa "Nulltoleranz gegenüber Korruption". Dies würde die Tür für eine mögliche Partnerschaft mit der pro-europäischen PP-DB öffnen. 

Doch die unterschiedlichen außenpolitischen Positionen der beiden Parteien könnten sich als erhebliches Hindernis für die Bildung einer stabilen Regierung erweisen. Andererseits haben beide eine Koalition mit GERB und DPS ausgeschlossen. Den Umfragen zufolge wären PB und PP-DB also aufeinander angewiesen, um zu regieren.

Diese Konstellation wirft Smilow zufolge zwei zentrale Fragen auf: "Ob Bulgarien zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Mehrheit haben wird, die nicht pro-europäisch ist, und ob das Korruptionsmodell im Land endlich zerschlagen werden kann."


Aus dem Englischen von Jan D. Walter

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