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Parmalat-Gründer vor Gericht

28. September 2005

Die Milliardenpleite des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat ist der "Betrug des Jahrhunderts", sagt ein Staatsanwalt. Welche Schuld daran Firmengründer Calisto Tanzi trägt, ermittelt nun ein Mailänder Gericht.

Bild: dpa


Er hat aus der kleinen Konservenfabrik seines Vaters einen der größten Lebensmittelkonzerne der Welt gemacht, sein Name steht für das Wirtschaftswunder der 1970er Jahre in Italien: Calisto Tanzi. Von diesem Mittwoch an steht er vor Gericht, weil er der Drahtzieher der Milliarden-Pleite des Parmalat-Imperiums sein soll. Vor knapp zwei Jahren brach der Konzern zusammen, zehntausende Anleger verloren ihr Geld. Tanzi und seinen Ex-Finanzdirektoren Fausto Tonna und Luciano Del Soldato drohen im Fall eines Schuldspruchs bis zu 15 Jahre Haft.

Ex-Parmalat-Chef Calisto TanziBild: dpa

Falschinformationen

Neben Tanzi müssen sich auch über ein Dutzend weitere Manager sowie zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und eine Bank vor Gericht verantworten. Vorgeworfen werden ihnen betrügerischer Bankrott, Kursmanipulation, Behinderung der Börsenaufsicht und Bilanzfälschung. Der Prozess soll vor allem klären, welche Verantwortung der 66-jährige Tanzi und seine Vertrauten dafür tragen, dass die Finanzmärkte zum Teil jahrelang mit falschen Informationen gefüttert werden konnten. Denn dies führte dazu, dass rund 135.000 italienische Kleinanleger ihr Geld erst dem Lebensmittelgiganten anvertrauten und schließlich verloren.

Bild: dpa

Unrühmliche Rolle der Banken

"Es handelt sich um den Betrug des Jahrhunderts", sagt der stellvertretende Staatsanwalt Francesco Greco. Für ihn steht fest, dass die Banken über Tanzi und seine Helfer einen Schutzschild hielten: Erst das habe es den Parmalat-Verantwortlichen erlaubt, die Kurse über Jahre hinweg nach Belieben zu manipulieren. Parmalat-Verwalter Enrico Bondi hat deswegen einen Feldzug gegen die Banken gestartet: Gegen zahlreiche Institute - darunter auch die Deutsche Bank - reichte er Klagen auf Schadenersatz ein.

"Ein Bilanzloch von 14 Milliarden Euro kann nicht ohne Mitwirkung der Finanzinstitute entstehen", sekundiert Bondis Anwalt Marco De Luca. "Tanzi und zwei Parmalat-Buchhalter können ein solches Desaster gar nicht allein anrichten." Explizit um die Rolle der Banken wird es in einem möglichen weiteren Gerichtsverfahren gehen. Ende Juli hatte die Mailänder Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Deutsche Bank AG und deren italienischen Arm sowie gegen weitere internationale und italienische Banken sowie 13 Einzelpersonen erhoben. Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zur Verbreitung falscher Finanzinformationen.

Neuausrichtung

Parmalat beschäftigte einst 36.000 Menschen in mehr als 30 Ländern. Dann kam - ausgerechnet zu Weihnachten 2003 - ans Licht, dass es sich bei einigen Auslandsguthaben des Unternehmens um pure Luftbuchungen handelte. Die Nettoschulden beliefen sich schließlich auf über 14 Milliarden Euro. Seit Ende 2003 arbeitet Parmalat unter juristischer Aufsicht und steckt mitten in einem schmerzhaften Erneuerungsprozess. Der Lebensmittelriese will sich wieder voll auf das Geschäft mit Frischware und Obstsäften konzentrieren. Seine Gewinne machte Parmalat in der Vergangenheit mit pasteurisierter Milch. "Wir waren die ersten, die Milch zum Produkt gemacht und sie als Dienstleistung betrachtet haben", erklärte Tanzi stolz, als die Firma noch bessere Zeiten kannte. (arn)

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