Patchwork-Weihnachten
24. Dezember 2013
Eine kleine Stadt bei Aachen, direkt an der belgischen Grenze. Ein buntes Holzhaus am Ortsrand, dahinter ein Feld und Wald. Vor dem Haus steht ein Tipi, ein echtes Indianerzelt. Im Garten gibt es einen Hühnerstall und einen Kräuterhügel, alles ist hübsch angelegt, naturverbunden und alternativ. Hier lebt die 52-jährige Susa mit ihrer Patchworkfamilie. Patchwork extrem allerdings, denn es gibt hier nicht nur zwei Partner, die ihre Kinder aus anderen Beziehungen "zusammengeworfen" haben:
Aus ihrer ersten Ehe hat Susa drei Kinder. Ihr zweiter Mann hatte bereits zwei Kinder. Zusammen bekamen sie noch einen Sohn. Das Paar trennte sich später, und beide fanden wieder neue Partner. Susa und ihr dritter Mann Markus haben noch eine gemeinsame Tochter bekommen. Markus hat auch schon zwei Kinder aus einer früheren Beziehung. Vor drei Jahren haben sie noch ein Pflegekind in die Familie geholt. Mitzählen wird schon schwierig.
So kompliziert das alles klingt - es funktioniert: Susas Männer sind gute Freunde, die Frauen respektieren sich. Die Kinder, Stiefkinder, Halbgeschwister und deren PartnerInnen sind fast alle erwachsen und untereinander befreundet, mache sind kaum zu trennen. Die 16-jährige Shadé hat nun auch einen Freund, der sich schnell an die bunte Familie angepasst hat. Gerade hat Susas ältester Sohn geheiratet, die älteste Tochter hat einen kleinen Jungen. Susa ist also auch schon Oma.
Immer wieder spannend, wer kommt
Wenn Susa ihren "Clan" um sich versammelt, ist die kleine patente Frau der Mittelpunkt. "Ich gucke, wer kommt, und dann plane ich, was es zu essen gibt." Das lässt Susa sich nicht aus der Hand nehmen. Die meisten Familienmitglieder kommen zur Wintersonnenwende drei Tage vor Weihnachten zusammen. Dann wird der Geburtstag des jüngsten Sohnes gefeiert. Traditionell wird im Tipi ein Feuer gemacht, erzählt und gesungen. Heiligabend ist der Familienkreis etwas kleiner, trotzdem ist an Weihnachten jede Menge los in Susas Haus.
Tochter Shadé findet es jedes Jahr aufs Neue spannend. "Es ist cool. Man weiß ja nie, wer kommt. So wird es nie langweilig, weil man jedes Jahr andere Leute sehen kann." Shadé ist in der Vorweihnachtswoche damit beschäftigt, Geschenke selbst zu machen. Zusammen mit ihrem Freund setzt sie Granatapfelessig an, der später in hübsche Flaschen gefüllt wird. Vor ihnen liegt ein Buch, in dem Rezepte und Anleitungen zu finden sind. "Das Buch ist ein Geschenk aus dem letzten Jahr", lacht Susa, "und ist seitdem im Dauereinsatz."
Praktisch und mit Liebe gemacht
Beim Thema "Geschenke" sind sich alle einig: Jedem etwas schenken, das kann sich niemand leisten, gar nichts zu schenken ist aber auch nicht schön. Also wird gewichtelt: Jeder bringt zwei Geschenke mit, nicht zu teuer, nach dem Motto: lesenswert, sehenswert und "mit Liebe selbst gemacht". Die Pakete landen auf einem Haufen und werden dann verteilt. "Der Hit ist dann, wenn die Tauscherei anfängt", erzählt Susa. "Die Geschenke werden so lange herumgetauscht, bis jeder tatsächlich sein Geschenk in den Händen hält. Der Handel macht Spaß, und es wird sehr viel gelacht."
Der Weihnachtsbaum fehlt auch hier nicht. "Wir Großen könnten drauf verzichten, aber für unseren Pflegesohn stellen wir doch einen auf. Der braucht einfach einen", sagt Susa, die den jetzt 13-Jährigen aus zerrütteten Verhältnissen in ihre Familie geholt hat.
Mehr "Kultur" hat für sie die Krippe, deren Figuren über Jahre in der Familie entstanden sind. Immer ist etwas Neues dazu gekommen, was die Kinder in Kindergärten und Schulen gebastelt haben. Das Bild, das sich dann am Weihnachtsabend bietet, hat für Susa eine ganz besondere Stimmung: "Ich liebe das sehr, zu sehen, was durch meine Kinder entstanden ist."
Ein anderer Familienbegriff
Susas große Familie ist ein seltenes Beispiel dafür, dass die Lebensform "Patchwork" funktionieren kann. Bei vielen getrennten Familien läuft Weihnachten nicht so harmonisch ab. Oft müssen Gerichte klären, wie sich die Eltern ihre Kinder an Weihnachten teilen. Manche einigen sich darauf, zwei mal Weihnachten zu feiern. Verschiedene Modelle gibt es dafür, etwa dass ein Elternteil mit den Kindern am Wochenende vor Weihnachten feiert.
Für Susa war es nicht immer leicht, wenn sie bei großen Festen nicht alle Kinder um sich haben konnte. "Ich musste lernen zu akzeptieren, dass sie ihr eigenes Leben haben. Aber ich liebe sie alle und kann sie jetzt auch alle laufen lassen." Auch wenn sich das alles sehr harmonisch anhört, hat Susa lange Zeit hart an sich gearbeitet. Die Trennungen gingen nicht spurlos an ihr und den Kindern vorüber. Bei jeder neuen Konstellation musste die Familie neu justiert werden. Alle haben jedoch immer den Fokus auf die neuen Möglichkeiten gelegt, die so eine große Familie bieten kann. Susa erzählt von einer Schulkonferenz, zu der sie zitiert wurde, weil ihr Sohn auf dem Schulhof in eine Prügelei verwickelt war. "Da sind wir dann zu fünft gekommen, unser Sohn und seine vier Eltern. Die hatten keine Chance gegen uns."
Shadé, die als letztes Kind in die Großfamilie hineingeboren wurde, kann sich eine Familie, in der es nur einen Papa und eine Mama gibt, gar nicht vorstellen. Für sie ist es ganz normal, dass sie von Stief- und Halbgeschwistern umgeben ist – alle sind ihre Brüder und Schwestern, egal, wer deren Vater oder Mutter ist. Alle gehören dazu. Und dann bringt sie es auf den Punkt: "Der Begriff 'Familie' hat Größe und Weite bekommen."