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Wie Pestizide krank machen

12. Januar 2022

Weltweit werden immer mehr Pestizide gespritzt mit verheerenden Folgen für Mensch und Natur. Der Druck für eine Agrarwende wächst. Der Pestizidatlas zeigt Fakten und Trends.

04.09.2012 DW Global 3000 WZ Pestizide Indien

"Wir machen den Atlas, um auf das ganz große Thema Pestizide aufmerksam zu machen. Das Thema begegnet einem überall, wenn man sich mit Landwirtschaft, Gesundheit, Artenverlust und Gewässerbelastung beschäftigt. Es ist ein großes Querschnittsthema", sagt die Agraringenieurin Susan Haffmans vom Pestizid Aktions-Netzwerk, die federführend an der Entwicklung des Pestizidatlas mitgewirkt hat. Zusammen mit der grünnahen Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und der internationalen Monatszeitung "LE MONDE diplomatique" wurde er in Berlin vorgestellt und veröffentlicht.

Auf 50 Seiten skizzieren Experten das Milliardengeschäft mit Pestiziden, die Folgen und Konsequenzen. "Der Atlas gibt Daten, Informationen und fokussiert bestimmte Bereiche. Was sind das eigentlich für Stoffe? Wo gibt es Probleme? Was bewirken Pestizide beim Kleinbauern im globalen Süden? Wie gefährdet sind Menschen in unterschiedlichen Erdteilen? Pestizide begegnen uns überall, selbst wenn wir nicht am Ackerrand wohnen", so Haffmans.

Bauern werden häufig vergiftet

Laut einer aktuellen wissenschaftlichen Studie, die in der Fachzeitschrift Public Health veröffentlicht wurde, erkranken jährlich 385 Millionen Menschen in der Landwirtschaft an akuten Pestizidvergiftungen. Die Landarbeiter und Bauern fühlen sich nach Vergiftungen schlapp, haben Kopfschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Hautausschläge, Störungen im Nervensystem oder werden ohnmächtig. Bei schweren Verläufen versagen Herz, Lunge oder Nieren. Etwa 11.000 Menschen in der Landwirtschaft sterben pro Jahr an den akuten Vergiftungen. Suizide mit Pestiziden wurden in der Studie nicht mitgezählt.

Besonders stark von Pestizidvergiftungen betroffen sind Landarbeiter und Kleinbauern im globalen Süden. In Asien gibt es demnach rund 256 Millionen akute Pestizidvergiftungen, in Afrika 116 Millionen und in Lateinamerika rund 12,3 Millionen. In Europa erleiden deutlich weniger Menschen in der Landwirtschaft akute Pestizidvergiftungen (1,6 Millionen in West- und Südeuropa).

"Wir sehen das 44 Prozent aller Arbeiterinnen und Bäuerinnen weltweit mindestens eine Vergiftung pro Jahr erleiden. Und in bestimmten Ländern sind es sehr viel mehr. In Burkina Faso als Beispiel werden 83 Prozent der Landarbeiter zumindest einmal durch Pestizide krank", sagt Haffmans. "Und das sind nur die akuten Vergiftungen. Das Ausmaß dieser akuten Vergiftungen sind auch ein Indiz für chronische Dauerbelastung, die dann wiederum noch mit ganz anderen chronischen Erkrankungen in Verbindung gebracht wird."

Für die deutlich höhere Anzahl von Vergiftungen in den Ländern des Südens gibt es laut Atlas mehrere Gründe: Zum einen würden dort besonders viel hochgefährliche Pestizide gespritzt, häufig auch solche, die zum Beispiel in Europa verboten sind.

Hinzu käme, dass viele Kleinbauern dort keine Schutzkleidung tragen und nicht über die Gefahren aufgeklärt würden. "Zum Teil werden Pestizide von Händlern in kleine Plastiktüten oder Plastikflaschen einfach abgefüllt, ohne Etikett, ohne Sicherheitshinweise, wie man das verwendet und ohne Warnhinweis. Dann kommt das immer wieder zu ungewollten Vergiftungen, weil das Pestizid falsch angewendet wird oder jemand zur Flasche greift und denkt da ist vielleicht eine Limo drin", sagt Haffmans.

Laut aufgeführter Umfrage im Atlas unter Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Ghana tragen zum Beispiel weniger als 30 Prozent beim Umgang mit Pestiziden Handschuhe, Schutzbrille und Mund-Nasenschutz. Und laut einer anderen Umfrage in Äthiopien kennen nur sieben Prozent der Bäuerinnen und Bauern den Warnhinweis, dass nach dem Gebrauch von Pestiziden die Hände zu waschen sind.

Pestizide erhöhen Krebsrisiko

Laut Atlas werden Pestizide vom Wind viele hundert Kilometer verteilt. Der Einsatz von Pestiziden hat Folgen für alle: Die Ackergifte sind in Flüssen und Grundwasser. Insekten, Vögel und Wassertiere sterben, die Artenvielfalt ist bedroht. Darüber hinaus gibt es oft Rückstände in Lebensmitteln. Pestizide lassen sich bereits bei vielen Menschen im Urin nachweisen.

Pestizide verursachen chronische Erkrankungen. "Studien belegen beispielsweise einen Zusammenhang mit Parkinson, Diabetes Typ II oder bestimmte Krebsarten", so Haffmans. Auch werden sie mit Asthma, Allergien, Fettleibigkeit und Störungen der Hormondrüsen in Verbindung gebracht, sowie mit Fehlgeburten und Missbildungen in besonders belasteten Regionen.

Für Schlagzeilen sorgt vor allem immer wieder der Unkrautvernichter Glyphosat - das meistverwendete Pestizid. 2015 stufte die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Glyphosat als "wahrscheinlich Krebserregend" ein. Eine wissenschaftliche Metastudie der Universität Washington von 2019 ermittelte zudem ein erhöhtes Risiko für bösartige Lymphknotengeschwülste durch Glyphosat, dem sogenannten Non-Hodgkin-Lymphom.

Profite wichtiger als Gesundheitsschutz

Der Verkauf von Pestiziden ist lukrativ. Die vier größten Pestizidproduzenten sind Syngenta (Schweiz/China), Bayer und BASF (Deutschland) und Corteva (USA). Laut Atlas erzielten sie in 2020 zusammen einen Umsatz von 31 Milliarden Euro. In den letzten Jahren wuchs der globale Pestizidabsatz im Durchschnitt um vier Prozent pro Jahr.

Für Gesundheits- und Umweltschäden zahlen die Konzerne in der Regel jedoch nichts, beziehungsweise nur dann, wenn es entsprechende Gerichtsurteile gibt, wie in den USA. Dort erkrankten Menschen schwer, die das Pestizid Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat gespritzt hatten, 125.000 von ihnen klagten gegen Bayer. Der Konzern zahlte bereits an einige Kläger, rund 10 Milliarden Euro wurden zur Schadensbegleichungen von Bayer dafür in der Bilanz zurückgestellt.

Trotz dieser Fälle werden von Bayer und anderen Konzernen hochgiftige Pestizide weiter verkauft, auch solche, die in der EU wegen ihrer Gefährlichkeit verboten sind. Derzeit bemühen sich die Pestizidhersteller um eine neue Zulassung für Glyphosat in der EU. Neun EU-Länder votierten bereits 2017 für ein Verbot, 18 für eine Verlängerung, nun soll das Verbot ab 2024 kommen.

Pikant war damals, dass die zuständigen EU-Behörden die Zulassung für Glyphosat laut Atlas nicht ausreichend prüften. "Das ist alarmierend und erschreckend, man muss sich wirklich Sorgen um die Unabhängigkeit hier machen", so Haffmans. Ein weiterer Beleg für mangelnde Sorgfalt bei Aufsichtsbehörden sind laut Atlas unabhängige Studien: Von denen kommen demnach drei Viertel zu der Feststellung, dass Glyphosat erbgutschädigend sei.

Bewegungen für Agrarwende

"Wir müssen von diesem Agrarsystem weg, das auf chemischen Pestiziden basiert", sagt Haffmans. Nur mit einer veränderten Landwirtschaft ließe sich Gesundheit und Umwelt nachhaltig schützen.

Die 30 Autoren vom Atlas zeigen in Artikeln und Grafiken die Zusammenhänge und wie die Politik handeln kann. "In den letzten zwei Dekaden hat Sri Lanka mit dem Verbot von gefährlichen Pestiziden nachweislich knapp 10.000 Menschenleben gerettet, weil sie sich nicht mehr mit Pestiziden umgebracht haben. Oder es gibt die Beispiele aus Indien. Einige Regionen wirtschaften dort bereits ganz oder weitestgehend pestizidfrei. Das wiederum regt zur Nachahmung an in anderen Regionen", so Haffmans. 

Eine sehr klare Haltung für Veränderungen zeigen auch junge Menschen. Laut repräsentativer Umfrage in Deutschland für den Atlas will eine deutliche Mehrheit der 16- bis 29-jährigen eine Landwirtschaft die Gewässer, Böden und Insekten schützt, die fair und ohne Gentechnik und synthetische Pestizide produziert sowie auf natürliche Schädlingsbekämpfung setzt. Bis 2035 sollten deshalb alle Pestizide verboten werden und Bauern beim Umstieg auf eine umweltfreundliche Produktion unterstützt werden, sagten 63 Prozent der Befragten. Nur 11 Prozent lehnten diese Forderung ab.

Vergiftetes Land - Parkinson, die Bauern und die Gärtner

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