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Literatur

Handke über Toilettenpapier und leere Fragen

Sabine Peschel mit dpa
6. Dezember 2019

Journalisten mit ihren Fragen interessieren ihn nicht, doch bei einer Pressekonferenz in Stockholm stellt sich der Nobelpreisträger 2019 ihnen trotzdem. Mit einem Plädoyer für Literatur und gegen Meinungen.

Peter Handkes Auftritt bei der Pressekonferenzen der Schwedischen Akademie
Peter Handke kommt gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Nobelkomitees, Anders Olsson, zur PressekonferenzBild: picture-alliance/TT/A. Wiklund

Zum gewöhnlichen Ablauf der Tage vor der Nobelpreisverleihung gehören die Pressekonferenzen der Schwedischen Akademie mit den Preisträgern. Die beiden Literaturnobelpreisträger, Olga Tokarczuk für 2018 und Peter Handke für 2019, stellten sich am Freitagnachmittag (6.12.19) den Fragen der internationalen Journalisten.

Mit großer Spannung war Handkes Auftritt erwartet worden, den der schwedische TV-Sender SVT live übertrug. Beachtung fand im Vorfeld schon die Tatsache, dass sich der viel kritisierte Autor überhaupt bereit fand, die Pressekonferenz zu absolvieren. Zumal am Vormittag noch bekannt geworden war, dass das langjährige Akademie-Mitglied Peter Englund aus Protest gegen die Auszeichnung Peter Handkes diesmal an keinen Feierlichkeiten rund um die Literaturnobelpreisvergabe teilnehmen wird. "Peter Handkes Nobelpreis zu feiern, wäre von meiner Seite grobe Heuchelei", hatte Englund, der in den 1990er Jahren als Reporter über den Balkankrieg berichtete, in schwedischen Medien wissen lassen.

"Ich hatte nie eine Meinung"

Die Fragerunde mit dem österreichischen Schriftsteller begann versöhnlich mit einem Ständchen für den Jubilar an seinem 77. Geburtstag – wenngleich deutlich herauszuhören war, dass nicht alle in der versammelten Journalistenrunde bei "Happy Birthday " miteinstimmten. Die Einstiegsfrage des Akademie-Sprechers Mats Malm, ob ihn der Nobelpreis verändert habe, konnte Handke noch gelassen beantworten. Nein, habe er nicht, er werde seine Lebensreise so fortsetzen wie bisher. "I continue as I started to travel throughout life."

Peter Handke zitiert auf der Pressekonferenz der Schwedischen Akademie aus einem LeserbriefBild: picture-alliance/TT/A. Wiklund

Aber schon wenig später wirkte Handke äußerst angespannt. Auf Fragen zu seiner umstrittenen Haltung zum Jugoslawien-Konflikt reagierte er gereizt. Er ziehe das Toilettenpapier, das ihm jemand anonym geschickt habe, den "hohlen Fragen" von Journalisten vor, sagte er. Seine Meinung hätte er nie geändert, denn er habe gar keine. "I never had an opinion", sagte er auf die Frage, ob er seine Ansichten zum Balkankonflikt geändert habe. "Ich schreibe nicht mit Meinungen. Ich habe niemals eine Meinung gehabt, ich hasse Meinungen." Er möge Literatur, nicht Meinungen.

Dialog sei nicht möglich

Als er noch einmal gefragt wurde, warum er in seinen Büchern nicht über Fakten zum Völkermord im Balkankrieg schreibe, über die sich die internationale Gemeinschaft einig sei, weigerte er sich, diese oder ähnliche Fragen weiter zu beantworten. Lieber sprach er über den Zuspruch seiner Leser und all die Briefe, in denen sie ihn beglückwünscht hätten. Unter den vielen sei nur ein einziger gewesen, eben jener mit dem Toilettenpapier, in dem verächtlich nach seiner Haltung zum Genozid gefragt wurde. Handkes Hände zitterten deutlich sichtbar, als er aus dem Brief des Lesers zitierte.

Die Frage, wie er mit den für Dienstag (10.12), dem Tag der Preisverleihung, zu erwartenden Protesten umgehen wolle, gab Handke an die Journalisten zurück. Man solle ihm doch einen guten Rat geben, er würde ihn annehmen. Nach einer möglichen Versöhnungsgeste gefragt, zeigte er sich hilflos. Er habe zwei Mütter treffen wollen, die ihre Söhne im Balkankrieg auf verfeindeten Seiten verloren hätten. Deshalb habe er einen Freund in Bosnien gefragt, was er tun könnte. "Im Moment ist das nicht möglich", hatte dieser ihm geantwortet. Er glaube nicht daran, dass ein Dialog zustande kommen könne.

"Meine Leute sind die Leser"

Handke erinnerte an die Proteste, die es schon 2014 bei der Ibsen-Preisvergabe in Oslo gegen ihn gab. Damals habe er versucht, mit Demonstranten zu sprechen. "Es gab eine Menge 'Faschist, Faschist'-Rufe. Ich habe angehalten, wollte mit diesen Damen und Herren sprechen. Aber sie wollten nicht."

Handkes Abschiedsworte an die Journalisten haben es dann noch einmal in sich: "My people are readers, not you." Die Medienmenschen interessierten ihn nicht, er richte sich allein an seine Leserschaft.

Olaga Torkarczuk während der PressekonferenzBild: picture-alliance/AP Photo/TT/A. Wiklund

Nobelpreis für eine Schriftstellerin, nicht für eine Frau

Die große öffentliche Aufmerksamkeit für den österreichischen Preisträger ließ den Auftritt Olga Tokarczuks, die vor Handke auf dem heißen Stuhl saß, etwas in den Hintergrund treten. Die polnische Autorin der "Jakobsbücher" zeigte sich selbstbewusst und stolz, die 15. Frau zu sein, die den Nobelpreis erhält, 110 Jahre nach der ersten Frau, Selma Lagerlöf. "Ich bin davon überzeugt, dass ich ihn nicht bekomme, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich Bücher schreibe", sagte die Preisträgerin.

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