Christliche Pfadfinder: Hunderte Opfer sexuell missbraucht
27. Januar 2026
Seit Anfang der 1970er Jahre sind mindestens 344 Menschen im Verantwortungsbereich des Verbands Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) Opfer sexualisierter Gewalt geworden. Zu diesem Ergebnis kommt eine sozialwissenschaftliche Studie, die das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP) gemeinsam mit dem Dissens-Institut für Bildung und Forschung e.V. in Kassel präsentierte.
Untersucht wurden sowohl das Ausmaß sexualisierter Gewalt als auch der institutionelle Umgang des Verbands damit. Abgedeckt wird der Zeitraum von 1973 bis 2024, also eine Spanne von gut fünfzig Jahren. Rund 60 Prozent der Betroffenen sind demnach Mädchen, knapp 40 Prozent Jungen. Zwei Drittel der Betroffenen seien bei Tatbeginn zwischen 13 und 17 Jahre alt gewesen.
Mehr als 160 Tatverdächtige
Mindestens 161 Personen hätten sexualisierte Gewalt verübt oder seien dessen beschuldigt, überwiegend Männer, schreiben die Autoren. Nahezu die Hälfte der Taten sei nach dem Jahr 2000 begangen worden, mehr als 50 Prozent bei Pfadfinder-Lagern oder auf Freizeit-Fahrten. In mehr als einem Drittel der Fälle kam es laut der Studie zur Vergewaltigung.
Grundlage der Untersuchung sind 79 qualitative Interviews mit ehemaligen und aktuellen VCP-Mitgliedern sowie Aktenmaterial im Umfang von rund 1300 Seiten. Bei der Vorstellung der Ergebnisse berichteten Betroffene von schweren Folgen. Eine Frau sagte, sie habe typische Verhaltensmuster wie Schuldumkehr und Selbstvorwürfe auch bei sich selbst erlebt. Zugleich ermutigte sie andere Opfer, sich zu melden.
"Eines der dunkelsten Kapitel"
Peter Caspari vom Forschungsinstitut IPP sprach von einem erheblichen Ausmaß des Missbrauchs, Marlene Kowalski aus dem Beirat zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im VCP von einem der "dunkelsten Kapitel" in der Geschichte des Verbands.
"Dieser Verantwortung stellen wir uns", sagte Bundesvorstandsmitglied Peter Keil. Der Verband werde sich intensiv mit den Empfehlungen der Experten auseinandersetzen. Dazu gehöre auch, die proaktive Vorbeugung weiterzuverfolgen und leicht erreichbare Vertrauenspersonen zu benennen.
Bereits im Jahr 2024 hatte der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) eine ähnliche Studie vorgestellt, bei der ebenfalls das IPP federführend war. Jene Untersuchung geht von mindestens 50 Beschuldigten und 123 Betroffenen aus. Der BdP hat in Deutschland nach eigenen Angaben etwa 30.000 Mitglieder, der VCP, der vor allem durch die evangelische Kirche geprägt ist, rund 47.000.
jj/wa (dpa, epd, kna)