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Pferdesport: 2026 keine Nationenpreise in Deutschland?

17. November 2025

Wegen der Reitsport-WM findet der CHIO Aachen 2026 nicht statt. Nun sagen die geplanten Ersatzorte die Nationenpreise im Springreiten und der Dressur ab und der deutsche Reitverband kämpft mit Finanzproblemen.

Springreiterin Jana Wargers überquert auf Dorette beim Nationenpreis in Aachen ein Hindernis vor vollbesetzter Tribüne
Der Nationenpreis im Springen gehört beim CHIO Aachen zu den spektakulärsten Wettbewerben - wird es 2026 keinen Ersatz geben?Bild: Stefan Lafrentz/IMAGO

Der zuletzt von Krisen gebeutelte deutschen Reitsport-Verband FN steht vor der nächsten Blamage. Nach zwei kurzfristigen Absagen gibt es derzeit keine Turniere, bei denen im kommenden Jahr die prestigeträchtigen Nationenpreise in den olympischen Disziplinen Springen und Dressur stattfinden können.

"Das wäre sehr traurig, wenn es keinen Nationenpreis gäbe", kommentierte Otto Becker, Bundestrainer der Springreiter, das Schreckensszenario. "Ich fände es sehr schade."

Ähnlich bewertet es auch Mannschafts-Olympiasieger Marcus Ehning. Der 51-Jährige ist jedoch darauf aus, das Positive in den Fokus zu rücken. "Es ist sehr schade, dass wir als Standort Deutschland wohl keinen Fünf-Sterne-Nationenpreis haben", sagte Ehning der Deutschen Presse-Agentur (dpa) beim Turnier in Stuttgart. "Andersherum haben wir die Weltmeisterschaft in Aachen, das ist auch etwas ganz Besonderes für uns."

Klaus Roeser, Equipechef des deutschen Dressurteams, antwortete auf die Frage zum drohenden Ausfall im kommenden Jahr: "Das wäre mehr als bedauerlich."

FN steht massiv unter Druck

Wegen der Weltmeisterschaft, die zum zweiten Mal nach 2006 in Aachen stattfindet, fallen die traditionsreichen Wettbewerbe für Nationalteams, die normalerweise zum Programm des alljährlichen CHIO in Aachen gehören, im kommenden Jahr aus. 

Die Abkürzung steht für Concours Hippique International Officiel (Internationaler offizieller Pferdesport-Wettbewerb). Jedes Land, das Mitglied im Internationalen Reiterverband FEI ist, hat nur einen CHIO. Es muss ein Turnier sein mit Prüfungen auf schwierigstem Niveau in mehr als einer Reitsport-Disziplin. In Deutschland ist das seit 1933 Aachen. Hier finden normalerweise die Nationenpreise im Springreiten, der Dressur, der Vielseitigkeit, dem Vierspännerfahren und dem Voltigieren statt.

Die Vielseitigkeitsreiter wissen bereits, wo ihr Nationenpreis 2026 stattfindet - für Springen, Dressur und Gespannfahren wird noch gesuchtBild: Rene Schulz/IMAGO

Als Ersatzort für die Dressur war Donaueschingen vorgesehen, doch das Turnier wurde wie bereits im Vorjahr komplett abgesagt. Das Mannheimer Turnier erhielt den Zuschlag für den Nationenpreis im Springen, gab ihn aber vor knapp einer Woche ebenfalls wieder zurück. 

Nun muss die FN bis zum Sommer geeignete Ersatzorte zu finden, doch die Alternativen an hochkarätigen Freiluft-Turnieren sind rar. Zumal die Veranstalter innerhalb weniger Monate sehr viel zusätzliches Geld auftreiben müssten.

"Wir bedauern es sehr, dass sie sich finanziell nicht in der Lage sehen, diesen Kraftakt, der mit der Ausrichtung eines Nationenpreises verbunden ist, zu stemmen", sagte der FN-Vorstandsvorsitzende Dennis Peiler. Er sei aber "zuversichtlich, dass auch im Jahr 2026 Nationenpreise in Dressur und Springen in Deutschland stattfinden werden".

Mehrkosten von mehr als einer Million Euro

Auf eine bis eineinhalb Millionen Euro schätzt der Mannheimer Organisator Peter Hofmann die Mehrkosten. "Aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Lage sieht sich der Reiter-Verein Mannheim als Veranstalter nicht in der Lage, das für ein CSIO [Concours de Saut International Officiel = Offizielles Internationales Springturnier, Anm.d.Red.] mit fünf Sternen aufzubringende Budget darzustellen", sagte er dem deutschen Fernsehen. Organisatorisch wäre ein Nationenpreis kein Problem gewesen.

Peter Hofmann (l.), Organisator des Turniers in Mannheim, bei der Siegerehrung mit Richard Vogel im Jahr 2024Bild: Stefan Lafrentz/IMAGO

In der Freiluftsaison gibt es in Deutschland mit Hamburg, Riesenbeck und Münster nur drei Turniere auf Fünf-Sterne-Niveau. Riesenbeck, wo der mehrfache Springreit-Olympiasieger Ludger Beerbaum seine Reit- und Zuchtanlage betreibt, war bereits 2021 während der Corona-Pandemie für Budapest als Austragungsort der Europameisterschaften im Springen und der Dressur eingesprungen.

Der Verband selbst könnte als Finanzier nicht selbst einspringen, da die FN in den Vorjahren wegen einer Finanzkrise in heftige Turbulenzen mit Entlassungen und Rücktritten geraten war. Zwar erwirtschaftete man im abgelaufenen Jahr ein Plus von etwa 140.000 Euro, aber wenige Monate nach Bekanntgabe der schwarzen Zahlen kündigte im September überraschend der Hauptsponsor, dessen finanzielles Engagement bei etwa 600.000 Euro pro Jahr lag, wie FN-Präsident Martin Richenhagen erklärte.

Aachener Turnier wächst weiter

Während die FN finanziell strauchelt und um seine Nationenpreise bangt, wächst der CHIO, das berühmteste Reitturnier der Welt, weiter. Das Turniergelände wird ausgebaut und das Programm ab 2027 um die Para-Dressur erweitert. Mit einer großen deutschen Versicherung als Partner sollen auf dem Aachener Turniergelände eine Reithalle und ein Para- und Jugend-Stadion entstehen.

Zuletzt hatten die Aachener Turnierveranstalter ihr Gelände zur WM 2006 erweitert. Damals wurden unter anderem eine Flutlichtanlage des ausgebauten Hauptstadions, neue Stallgebäude und ein neues Dressurstadion errichtet.

Tierwohldebatte im Reitsport hält an

Während das Aachener Turnier, als Aushängeschild des Pferdesports in Deutschland, weiter boomt, geht auch die Debatte über das Tierwohl und den Tierschutz weiter. Nach mehreren Fällen von Tierquälerei durch prominente Dressurreiterinnen und -reiter wie die britische Olympiasiegerin Charlotte Dujardin und den US-Amerikaner Cesar Parra, fiel zuletzt Springreit-Olympiasieger Christian Kukuk negativ auf. 

Olympiasieger Christian Kukuk auf seiner Stute Just be Gentle beim Weltcup-Turnier in VeronaBild: Andrea Re/IPA Sport/ipa-agency/picture alliance

Ein Video zeigte, wie Kukuk am Rande des Weltcup-Turniers im italienischen Verona bei seiner Stute Just be Gentle die Rollkur anwendet und mit blanken Schlaufzügeln reitet.

Bei der Rollkur, auch Hyperflexion genannt, handelt es sich um eine Praktik, bei der das Pferd dazu gebracht wird, den Hals weit nach unten zu dehnen. Mithilfe des Schlaufzügels werden Pferde ebenfalls in eine bestimmte Haltung gebracht und in ihren Bewegungen eingeschränkt. Beide Praktiken sind im Pferdesport verpönt - entsprechend heftig waren die Reaktionen aus der Reiterszene, durch Tierschutzverbände und auf Social Media.

"Es tut mir leid, dass ich unseren Sport und auch mich selbst damit in so ein schlechtes Bild gestellt habe, denn ich sehe mich als Olympiasieger durchaus in einer Vorbildrolle für unseren Sport", sagte Kukuk einige Tage nach dem Vorfall in einer Medienrunde. "Mein Reiten, das in der kurzen Videosequenz zu sehen ist, war so nicht richtig, solche Bilder werden nicht wieder vorkommen", versprach er

FN-Vorstandschef Peiler gab an, nach dem betreffenden Vorfall das Gespräch mit Kukuk gesucht zu haben. "Wir erwarten, dass er es zukünftig besser macht. Als Kaderreiter und Olympiasieger hat er eine Vorbildfunktion", sagte Peiler: "Wir begrüßen, dass Christian Kukuk die Situation klar anerkennt und Verantwortung übernimmt."

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