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Glaube

Pilgerreisen im Zeichen des Massentourismus

27. September 2025

Pilgerströme füllen Santiago und Assisi. Zwischen Glauben, Selfies und Lärm geraten heilige Orte an ihre Grenzen – was bleibt von der Spiritualität? Ein Beitrag der katholischen Kirche.

Gelbes Muschelsymbol des Jakobswegs auf Baumrinde
Bild: Sujo26/Zoonar/IMAGO

Es wirkt widersprüchlich, ist aber oft ein bitterer Teil der Realität: Pilger treten in Wallfahrtsorten immer öfter nicht nur als stille, andächtige Einkehrer auf, sondern unterscheiden sich teils nur marginal von Partytouristen. Damit reihen sich auch einige Pilgerstätten in eine endlos lange Liste von Touristenorten ein, die keine mehr sein wollen. 

In Santiago de Compostela geht es oft alles andere als heilig zu. Tausende Pilger strömen jedes Jahr in den spanischen Wallfahrtsort. Die Freude über die Ankunft schlägt nicht selten in exzessive Feierlaune um. 2024 verhängten die Behörden fast 400 Strafen wegen „unzivilisierten Verhaltens”.  Darunter viel u.a. lautes Grölen, öffentliches Urinieren oder sogar die unerlaubte Benutzung von Megafonen. 

Auch in Assisi sind die Gassen längst am Limit. Millionen Besucher drängen sich durch die umbrische Kleinstadt und italienische Altstädte sind nun nicht unbedingt für ihre breiten Boulevards bekannt. Seit Kurzem liegt hier zudem der Leichnam des Cyber-Apostels Carlo Acutis. Für viele Einwohner ist dies mehr Fluch als Segen. Fremdenführer berichten von immer enger getakteten Touren. Die Stadt ächzt unter dem Ansturm. 

Und auch die Pilger selbst klagen. Es beginnt bei kleinen Dingen, etwa schnarchenden Mitreisenden, oder schlicht über die Tatsache, dass so viele andere Menschen denselben Ort ansteuern. Massentourismus, das sind schließlich immer die anderen. Dabei ist das Phänomen keineswegs neu. Schon im Mittelalter finden sich Berichte über chaotische Zustände an bedeutenden Wallfahrtsorten. Viele Menschen an einem Ort, das bringt Probleme mit sich. Doch im Zeitalter des globalen Tourismus ist die Dimension eine andere. 

Der 27. September ist der Internationale Welttourismustag. 1980 von der Welttourismusorganisation ins Leben gerufen, soll er die Bedeutung des Tourismus für die internationale Gemeinschaft betonen. Zweifelsohne entfaltet dieser eine starke integrative und konstruktive Kraft. Doch auch die Kehrseite ist unübersehbar: verstopfte, verdreckte, überteuerte Innenstädte. 

Alarmierend ist weniger die bloße Überfüllung, sondern die Haltung vieler Reisender. Einkehr und Gebet treten in den Hintergrund. Durch das „Abhaken“ heiliger Orte verkommt die Wallfahrt zur bloßen Tautologie: Das Ziel ist das Ziel, nicht mehr der Weg. Fremdenführer in Assisi erzählen, dass viele Menschen so viele heilige Stätten wie möglich sehen wollen, um dann nach zahlreichen Selfies und einem Souvenir wieder weiterzuziehen. 

Gerade in Wallfahrtsorten offenbart sich so die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders deutlich. Was bleibt von Spiritualität, wenn sich Glaube und Gebet im Gewühl verlieren? Der Welttourismustag ist ein guter Anlass, innezuhalten. Pilgern wie Reisen könnten ein Gegenentwurf zum beschleunigten Alltag sein, ein Moment des Respekts und der Demut. Man kann diese außeralltägliche Erfahrung als Chance begreifen, ob am Strand oder vor einer Reliquie. Es müssen nicht möglichst viele Heiligtümer in kürzester Zeit abgearbeitet werden, nur um erzählen zu können, man war da. Nicht jedes Reise- und Wallfahrtsziel muss zu einer Trophäe in den sozialen Medien stilisiert werden. Und vielleicht ist das Verhalten, dass man zu Hause niemals an den Tag legen würde, dann auch nicht für eine Pilgerreise angebracht. 

 

Kurzvita: Jonas Over studiert Geschichte in Heidelberg. Praktika führten in die Medienarbeit der Erzdiözese München-Freising, Radio Vatikan und zuletzt in die Katholische Fernseharbeit. 

Dieser Beitrag wird redaktionell von den christlichen Kirchen verantwortet.