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1200 Euro - jeden Monat, einfach so

31. Mai 2021

Am Dienstag geht es los: Drei Jahre lang erhalten einige Auserwählte jeden Monat 1200 Euro. Im Gegenzug müssen sie nur Fragen für eine wissenschaftliche Studie beantworten. Der Andrang war riesig.

100- und 300-Euro-Geldscheine auf einem Stapel
Bild: picture-alliance/dpa/H. Punz

Mehr als zwei Millionen Menschen hatten sich beworben, am Ende wurden 122 ausgewählt. Sie erhalten ab dem 01.06.2021 drei Jahre lang jeden Monat 1200 Euro. Der Verlauf wird wissenschaftlich untersucht und ist Teil eines Pilotprojekts, das die Wirkung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) untersuchen will.

Die Teilnehmer mussten keine Bedürftigkeit nachweisen und dürfen während des Projekts so viel oder wenig arbeiten, wie sie wollen. Gegenüber den Geldgebern haben sie keine Verpflichtung, "außer innerhalb der drei Jahre Studienzeit sieben Online-Fragebögen auszufüllen", heißt es auf der Webseite des Projekts.

Weitere 1380 Menschen füllen ebenfalls alle sechs Monate die Fragebögen aus, erhalten aber kein Grundeinkommen, sondern nur eine Aufwandsentschädigung. Ausgewählt wurde per Zufall.

Das Geld stammt von rund 150.000 privaten Spendern und ist für die Empfänger nicht steuerpflichtig. Es entspricht einem Geldgeschenk von 43.200 Euro pro Teilnehmer, insgesamt rund 5,2 Millionen Euro - und das alles initiiert von einem gemeinnützigen Verein in Berlin.

Realitätsferner Traum?

Die Initiatoren von "Mein Grundeinkommen", so heißt der Verein, sind überzeugt, dass eine bedingungslose Geldzahlung an alle Bürger viele Probleme des heutigen Lebens lösen würde. Wenn der Druck auf den Einzelnen wegfiele, genug Geld für sein Überleben verdienen zu müssen, so die Annahme, würden die Menschen freier, kreativer und insgesamt glücklicher.

Ob diese Utopie auch der Realität standhält, soll im Rahmen des Projekts auch wissenschaftlich untersucht werden. "Wir testen, was die Menschen machen, wenn sie drei Jahre lang eine materielle Sicherheit haben", sagt Studienleiter Jürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Geben sie das Geld aus oder bilden sie finanzielle Rücklagen? Hören sie auf zu arbeiten oder arbeiten weniger? Werden sie sozialer und spenden mehr?"

Was macht das Geld mit Menschen? Jürgen Schupp vom DIW begleitet das Projekt wissenschaftlichBild: picture-alliance/dpa/W. Kumm

All das lasse sich bei diesem Großversuch feststellen, erläutert Schupp im DW-Wirtschaftspodcast "Menschen und Märkte". Selbst Veränderungen im Stresslevel können anhand von Haarproben einiger Probanden untersucht werden, denn vielleicht haben sie ja dank des Grundeinkommens weniger Druck.

Ideologische Gräben

Die Diskussion um ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) wird seit Jahren äußerst ideologisch geführt. Im Kern steht die Frage, was Menschen tun, wenn sie nicht müssen. Viele Gegner halten das BGE für eine Utopie linker Fantasten, die auf Kosten der Gemeinschaft faulenzen wollen.

Befürworter sehen es dagegen als Lösung aktueller und zukünftiger Probleme: Soziale Aspekte - von Erziehung über Nachbarschaftshilfe bis zur Pflege - würden aufgewertet, und es würden frühzeitig Modelle entwickelt für eine Zukunft, in der klassische Arbeitsplätze wegen der zunehmender Digitalisierung und Automatisierung rar werden.

Macht Geld mutig?

DIW-Forscher Schupp erhofft sich auch Erkenntnisse über Themen, die gerade den Gegnern eines Grundeinkommens am Herzen liegen - Innovationskraft und Unternehmertum: "Vielleicht werden Empfänger eines Grundeinkommens ja mutiger in ihren Entscheidungen, etwa um sich selbstständig zu machen oder sich beruflich zu verändern."

Auffällig ist zumindest, dass viele bekannte Unternehmer - von Bill Gates über Marc Zuckerberg und Jeff Bezos bis zu den deutschen Samwer-Brüdern - nicht gerade Existenzängste hatten, als sie die Gründung ihrer Firmen wagten.

Mutig? Bill Gates brach sein Studium an der Elite-Uni Harvard ab, um Microsoft zu gründenBild: Imago Images/ZUMA/J. Rojas

"Wir wollen es wissen", lautet ein Motto des Pilotprojekts. Und Michael Bohmeyer vom Verein "Mein Grundeinkommen" gibt zu, dass ihn der zu erwartende Erkenntnisgewinn nervös macht. "Es kann natürlich bei diesem Pilotprojekt auch herauskommen, dass das Grundeinkommen gar nicht die Wirkung hat, die wir annehmen", sagt er in einem Video auf der Webseite des Projekts.

Fraglich ist allerdings, ob die Debatte um ein Grundeinkommen nach Abschluss des Projekts in drei Jahren weniger ideologisch geführt werden wird. Schon jetzt gibt es Kritiker, die den Ansatz grundsätzlich in Frage stellen. Ein Argument: Schon die Begrenzung auf drei Jahre lasse keine Rückschlüsse darauf zu, wie sich Menschen verhalten, wenn das Grundeinkommen immer gezahlt wird.

Parteien halten sich zurück

Hinzu kommen all die großen Fragen, die das Projekt gar nicht beantworten kann: Wie entwickeln sich die Preise, wenn alle ein Grundeinkommen erhielten? Hätten wirklich kranke oder wirklich bedürftige Menschen letztlich weniger Geld zur Verfügung als derzeit? Und wie hoch müssten die Steuern sein, um all das zu finanzieren?

"Unsere Studie wird keineswegs sämtliche Fragen rund um das Grundeinkommen lösen", gibt Jürgen Schupp zu. Doch er freut sich schon auf Antworten auf seine Kernfrage: "Was macht das Geld mit den Menschen? Das ist eine spannende wissenschaftliche Frage, zu der es weltweit noch keine belastbaren Studien gibt."

Will es wissen: Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins "Mein Grundeinkommen"Bild: picture-alliance/dpa/W. Kumm

Immerhin gab es schon Versuche, mehr über die Wirkung eines Grundeinkommens herauszufinden. Die Ergebnisse eines auf den Arbeitsmarkt konzentrierten Experiments in Finnland blieben uneindeutig. Eine größer angelegte und mit öffentlichen Mitteln finanzierte Untersuchung in Kanada wurde von der Politik aus Kostengründen nach kurzer Zeit wieder beendet.

Auch in Deutschland fehlt einem Bedingungslosen Grundeinkommen die politische Unterstützung. Bisher setzt sich keine der großen Parteien dafür ein.

Nach Abschluss der nun angelaufenen dreijährigen Studienphase will das Projekt Grundeinkommen in zwei weiteren Studien die Grundlagen der Finanzierung wissenschaftlich untersuchen.

 

Dieser Artikel wurde aktualisiert, um neue Entwicklungen zu berücksichtigen. Erstveröffentlichung war am 25.08.2020.

Andreas Becker Wirtschaftsredakteur mit Blick auf Welthandel, Geldpolitik, Globalisierung und Verteilungsfragen.
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