Pingtok: Teenager im Drogenrausch auf TikTok
6. Februar 2026
Große Pupillen, zugedröhnt vor der Kamera und meist allein. Auf TikTok zeigen immer mehr junge Menschen öffentlich ihren Drogenrausch. Die Videos erreichen ein Millionenpublikum – oft unter dem Hashtag #Pingtok.
Der Trend steht für eine neue Sichtbarkeit von Drogenkonsum auf Social Media. Was früher im Verborgenen stattfand, wird heute gefilmt, ästhetisiert und öffentlich geteilt – mit lebensbedrohlichen Folgen und oft unsichtbar für Eltern. "Seit ich über Sucht auf TikTok aufkläre, bekomme ich sehr viele Nachrichten. Und das ist erschreckend, weil es oft Minderjährige sind", sagt Influencerin Sarah im Interview mit der DW.
Mit 15 Jahren wurde sie selbst drogenabhängig. Heute klärt die 26-Jährige auf TikTok über ihre Sucht und den Entzug auf. Viele ihrer Follower, die über TikTok an Drogen geraten, seien sogar noch jünger. "Sie haben niemandem, mit dem sie darüber reden können – und die schreiben mir teilweise heftige Sachen über ihre Erlebnisse und Traumata", so Sarah. Wie konnte es so weit kommen?
Ein Klick zur Droge
TikTok zeigt, wie leicht es für junge Menschen geworden ist, mit Drogeninhalten in Kontakt zu kommen. Eine kurze Suche nach dem Hashtag #Pingtok genügt – und es erscheinen reihenweise Videos von Teenagern im Drogenrausch. Je länger man scrollt, desto mehr Clips spielt der Algorithmus aus.
Auf DW-Anfrage, warum TikTok nicht stärker gegen die Verbreitung solcher Inhalte vorgehe, erklärt eine TikTok-Sprecherin:
"Die Sicherheit und das Wohlergehen unserer Community hat für uns Priorität. Wir verbieten die Darstellung, die Werbung oder den Handel mit Drogen oder anderen kontrollierten Substanzen und entfernen diese von der Plattform – über 99 Prozent der Inhalte, die gegen diese Regeln verstoßen, werden entfernt, bevor sie gemeldet werden."
Was hinter Pingtok steckt
Doch wie einfach es ist, diese Regeln auszutricksen, zeigt Pingtok. Nutzer sprechen in Codes. Sie nutzen Emojis, Sounds und neue Begriffe, um die Moderation der Plattform zu umgehen. Statt sichtbaren Drogenkonsum zeigen sie etwa nur ihre stark geweiteten Pupillen.
Daher stammt auch der Begriff Pingtok. "Ping" gilt als umgangssprachlicher Code für das Konsumieren der Droge MDMA.
Diese sogenannte Algorithmussprache, auch "Algospeak" genannt, macht es schwer, Inhalte eindeutig zu erkennen – und schnell zu entfernen.
Selbst wenn Begriffe gesperrt werden, passen sich Nutzer rasch an: Der Hashtag #Pingtok ist inzwischen von TikTok blockiert. Nun kursieren Varianten wie #Pingtokk oder #Pintok.
Drogen dealen auf TikTok
Besonders problematisch: TikTok wird zum informellen Marktplatz. "Du musst nicht mal mehr das Haus verlassen. Du bekommst alles, was du willst – allein in dein Zimmer", sagt Influencerin Sarah. Ein Blick in die Kommentarspalten der Videos zeigt, was sie meint. Dort stoßen Suchanfragen wie "Wer verkauft?" oder "Brauche was in Berlin" auf direkte Antworten von Verkäufern. Über Symbole wie einen Ladestecker signalisieren Dealer ihre Verkaufsbereitschaft und laden Nutzer anschließend in Chatgruppen des Messengers Telegram ein.
Öffentlichkeit verändert den Konsum
Jugendliche haben schon immer mit Drogen experimentiert. Doch die Öffentlichkeit verändere alles, findet Sarah. Früher habe man die Gardinen zugezogen und im Verborgenen mit anderen konsumiert. Heute schalte man die Kamera ein und nehme allein Drogen – für Klicks auf TikTok.
Wie gefährlich dieser unkontrollierte Drogenkonsum sein kann, zeigen aktuelle Daten. Laut Bundeskriminalamt haben sich die drogenbedingten Todesfälle in Deutschland innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt. Bei den unter 30-Jährigen stiegen die Todeszahlen 2024 um 14 Prozent.
Studien aus den USA zeigen zudem: Mehr als zwei Drittel tödlicher Überdosen passieren zu Hause – oft, weil niemand eingreifen kann. Ein direkter Zusammenhang mit TikTok-Trends wie Pingtok ist nicht belegt. Doch Experten warnen, dass Isolationund die Konfrontation mit Drogeninhalten in sozialen Medien den Drogenkonsum gefährlicher machen können.
Regierungen erwägen Social-Media-Verbot
International wächst der politische Druck auf soziale Medien. Erste Regierungen wollen Jugendliche stärker vor schädlichen Inhalten schützen.
Großbritannien, Dänemark und zuletzt auch Frankreich planen ähnliche Einschränkungen. Auch die EU prüft derzeit, ob Plattformen ihren Verpflichtungen im Jugendschutz ausreichend nachkommen, und diskutiert über Zugangsbeschränkungen. Doch sind Verbote wirklich die Lösung?
Nicht alles ist Verherrlichung
"Es gibt eine Seite, die in der Debatte über Drogenkonsum und soziale Medien oft untergeht", sagt die Forscherin Layla Bouzoubaa im Gespräch mit der DW. "Dass es Menschen gibt, die diese Plattformen nutzen, um Unterstützung zu finden – und das hat nichts mit Verherrlichung zu tun."
Bouzoubaa und ihr Team haben hunderte von TikTok-Videos zum Thema Substanzkonsum analysiert. Ihr Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Inhalte beschäftigt sich mit Drogenprävention, dem Wegkommen von der Sucht oder dem Wunsch nach Hilfe.
Ein pauschales Entfernen aller Inhalte oder der Verbot der Plattform könne für diese Zielgruppen gefährlich sein, findet Bouzoubaa.
"Wir wollen den Menschen nicht diese Lebensader abschneiden, während wir gleichzeitig die Inhalte dort extrem streng moderieren. Wenn Plattformen etwas verändern wollen, müssen sie die betroffenen Communities einbeziehen."
Prävention findet heute online statt
Das ist auch Sarahs Ansatz. Heute nutzt sie TikTok nicht, um Drogen zu verherrlichen, sondern um vor den realen Folgen von Sucht zu warnen.
"Drogenbeauftragte und Sozialarbeiter sollten sich darauf einstellen, dass das meiste heutzutage online passiert", sagt sie.
"Es ist gut, wenn sie auf die Straße oder in die Schulen gehen. Aber sie müssen auch den Onlinebereich im Blick haben – gerade weil viele Nutzer dort minderjährig sind."