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Warum Piraten in der Popkultur nicht untergehen

8. Juli 2026

Seit Jahrhunderten beflügeln Piraten die Phantasie. Mit "Assassin‘s Creed Black Flag Resynced" können Gamer nun ein weiteres Piratenabenteuer erleben. Doch wie hat sich das Piratenbild in der Popkultur gewandelt?

Screenshot aus dem Videospiel "Assassin's Creed Black Flag Resynced" zeigt Protagonist Edward Kenway in der Rückenansicht am Steuer eines Segelschiffs, das übers Meer segelt. Neben ihm steht eine weitere Person und blickt zum Horizont.
Sonne, Palmen und eine leichte Brise: "Assassin's Creed Black Flag Resynced" schickt die Spieler in die KaribikBild: Ubisoft

Unter einem hellblauen, fast wolkenlosen Himmel klatschen Wellen gegen die "Jackdaw". Die Segel flattern im Wind. In der Ferne schippern Einmaster auf dem Ozean. An Steuerbord erstrecken sich einsame, mit Palmen bewachsene Sandstrände. Ich stehe am Steuerrad meines Piratenschiffes und lausche der Crew, die zum nächsten Shanty angesetzt hat. Der süße Duft der Freiheit weht mir ins Gesicht - dabei sitze ich tatsächlich nur auf der Couch und spiele "Assassin's Creed Black Flag Resynced".

Das Videospiel ist eine komplett überarbeitete Neuauflage des erfolgreichen Piratenabenteuers von 2013. Dass auch das neue Spiel mit frischer Grafik und einigen zusätzlichen Missionen unter Gamern gut ankommen wird, ist wahrscheinlich, denn Piratenabenteuer kommen einfach nicht aus der Mode. In der Popkultur haben sie eine lange Tradition.

In seiner Rolle als "Captain Blood" wurde Errol Flynn Mitte der 1930er-Jahre zum Weltstar. Das Publikum liebte seine AbenteuerfilmeBild: World History Archive/picture alliance

Schriftsteller wie Emilio Salgari (1862-1911) und Rafael Sabatini (1875-1950) schrieben unzählige Piratengeschichten, die wiederum Vorlagen für erfolgreiche Hollywoodproduktionen waren, darunter "Unter der Piratenflagge" (1935) (Originaltitel: Captain Blood) und "Der Seeräuber" (1942) (Originaltitel: The Black Swan).

Auch Robert Louis Stevensons Abenteuerroman "Die Schatzinsel" (1883) (Originaltitel: Treasure Island) ist mehrfach verfilmt worden. Die "Pirates of the Caribbean"-Themenfahrt im Freizeitpark "Disneyland" inspirierte Spieleentwickler Ron Gilbert zur "Monkey Island"-Videospielreihe. Der erste Ableger wurde 1990 veröffentlicht. Das Disney-Spektakel und das Spiel dienten wiederum als Vorbild für die "Fluch der Karibik"-Filme (Originaltitel: Pirates of the Caribbean).

Im Jahr 2026 erscheinen gleich mehrere Piratenspiele: das Städtebauspiel "Corsair Cove" sowie die Actionspiele "Windrose" und "Assassin's Creed Black Flag Resynced".

Historisches Vorbild: "Goldenes Zeitalter der Piraterie"

Zwar sind Piraten seit der Antike historisch verbürgt, doch unser Bild stützt sich auf das so genannte "Goldene Zeitalter der Piraterie", das Ende des 18. Jahrhunderts begann und nur wenige Jahrzehnte andauerte. In dieser Epoche bauten die europäischen Mächte ihre Kolonien in der Karibik und an der afrikanischen Westküste aus. Handelsschiffe transportierten Waren aus ihren Heimatländern dorthin und zogen Güter aus den Kolonien ab. Piraten überfielen die Handelsschiffe, verprassten ihre Beute und fuhren wieder zur See. Doch die meisten von ihnen wurden nicht alt. Viele wurden gefangen und getötet.

Plündern gehörte zum Piratenalltag: Doch anders als im Spiel legten sich Piraten meist nur mit leicht bewaffneten Handelsschiffen anBild: Ubisoft

Für den Historiker Jann M. Witt sind Piraten schlichtweg Kriminelle. "Der Pirat, den man sich heute vorstellt, hat nichts mit der Realität zu tun. Das ist ein romantisiertes Bild", sagt er der DW. Zugleich gibt es auch Wissenschaftler, die Piraten als progressive Anhänger einer neuen, demokratischen, gemeinwohlorientierten Gesellschaftsform ansehen. Doch belegen lässt sich das nicht. Zu dünn ist die Quellenlage. Charles Johnsons "A General History of the Pyrates" (1724) werde zwar gerne als Quelle herangezogen, aber die Sammlung sei keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern "Sensationsjournalismus", sagt Witt.

Popkultur romantisiert das Piratenleben

"Ich weiß, dass viele Vorstellungen der Popkultur über Piraterie romantisiert sind und das ist toll", sagt der Komponist und Shanty-Sänger Seán Dagher im DW-Gespräch. Die Menschen hätten sich nicht in die Piraterie verliebt, sondern in die romantisierte Vorstellung vom Piratenleben. Der Folkmusiker hat selbst viel Zeit auf See verbracht und einige Shantys für das Videospiel "Assassin's Creed Black Flag Resynced" komponiert und eingesungen. Shantys dienten übrigens nicht der Zerstreuung an Bord, sondern hatten einen praktischen Zweck. Ein Shanty-Sänger musste die Crew motivieren. Die Seemannslieder selbst halfen den Seeleuten, ihre Arbeit zu koordinieren, indem sie beispielsweise im gleichen Rhythmus am Tau zogen.

Flucht, Freiheit und Abenteuer

"Was die Leute am Seefahrerleben im Allgemeinen so fasziniert, ist die Vorstellung, einfach irgendwohin zu fahren", sagt Seán Dagher. "Auch wenn das Leben auf einem Schiff hart war, ist der Gedanke, an einen neuen Ort zu gelangen und den Problemen des gegenwärtigen Lebens irgendwie zu entfliehen doch aufregend."

Havanna war im 18. Jahrhundert ein mächtiges Handelszentrum unter der Herrschaft der Spanier und wurde regelmäßig von Piraten angegriffen. 1762 besetzten Briten die StadtBild: Ubisoft

"Piraten üben eine große Faszination auf die Menschen aus, weil sie ihnen ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer vermitteln", meint Paul Fu, Creative Director von "Assassin's Creed Black Flag Resynced" im Gespräch mit der DW. Hier ist er wieder, der Freiheitsgedanke. Freiheit, die auf Piratenschiffen tatsächlich jedoch gar nicht herrschte. Stattdessen gab es strenge Hierarchien. Zudem war das Leben auf See alles andere als romantisch. Die Arbeit war hart, der Proviant knapp und die medizinische Versorgung schlecht. 

Auch im Spiel geht es brutal zu, das verheißt schon der Serientitel. Kämpfe mit versteckter Klinge, mit Degen, Pistolen und Rauchbomben sind Teil der Spielmechanik. Trotzdem ist die Spielwelt bewusst nicht düster gehalten, sondern voller Licht und Wärme. Dafür seien sogar die Tageszeiten angepasst worden, damit die Tage im Spiel deutlich länger sind als Nächte, sagt Paul Fu.

Warum konnte sich das Freiheitsnarrativ durchsetzen?

Die Piratengeschichten hatten von Beginn an eine Funktion. "Piraten wurden schon zu Lebzeiten kulturpolitisch eingesetzt", sagt der Historiker Eugen Pfister der DW. Die Geschichten sollten die Menschen, die sie lasen, im Theater sahen oder auf der Kinoleinwand verfolgten, disziplinieren. Sie erzählten von einem kurzen Ausbruch aus gesellschaftlichen Hierarchien und Strukturen. Bis in die 1950er-Jahre hinein handelten sie oft von einem ehrbaren Mann, der durch unglückliche Umstände zum Piraten wurde und schließlich wieder in den Schoß der Gesellschaft zurückkehrte.

Piratengeschichten faszinieren Menschen seit Jahrhunderten: Sie erzählen von Freiheit, Abenteuern und dem Ausbruch aus der GesellschaftBild: Ubisoft

Piratenerzählungen im Wandel

Dieses Narrativ änderte sich ab den 1990er-Jahren. An die Stelle des ehrbaren Piraten trat der "liberale Adventure-Kapitalist", wie Eugen Pfister ihn nennt. Dieser sei ein egoistischer und an Profit orientierter Mensch, der nur sich selbst und seinen eigenen Regeln verpflichtet ist, so wie Jack Sparrow aus "Fluch der Karibik" oder Edward Kenway aus "Assassin's Creed". Während also frühe Piraten in der Popkultur wieder Teil der Gesellschaft wurden, stehen die gegenwärtigen Piraten gewissermaßen über der Gesellschaft.

Eines ist aber allen Piratengeschichten gemeinsam: Sie scheren sich nicht um historische Genauigkeit. Stattdessen greifen sie auf traumhafte Kulissen exotischer Orte zurück und picken sich aus der überlieferten Piratenfolklore heraus, was gerade zum Zeitgeist passt.

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