PISA-Studie 2026: Deutschlands Schüler so schlecht wie nie
8. September 2026
Deutschlands Schülerinnen und Schüler haben beim internationalen PISA-Vergleich so schlecht abgeschnitten wie noch nie. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erreichten die getesteten 15-Jährigen 2025 die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen - schlechter als bei der ersten PISA-Studie im Jahr 2000.
Damals hatten die schwachen Werte eine breite Bildungsdebatte und Reformen ausgelöst, den sogenannten PISA-Schock. Studienleiter Samuel Greiff von der Technischen Universität München will den Begriff für die neuen Ergebnisse nicht verwenden. "Ich möchte nicht bewerten, ob wir jetzt vom nächsten PISA-Schock sprechen müssten", sagte er. "Aber ich kann sagen, dass wir historisch niedrige Kompetenzstände sehen."
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) untersucht mit der PISA-Studie regelmäßig die Kenntnisse und Fähigkeiten von 15-Jährigen. 2025 nahmen weltweit mehr als 760.000 Jugendliche aus 91 Ländern und Volkswirtschaften teil, darunter rund 6700 aus Deutschland.
Ein Drittel ohne grundlegende Kompetenzen
In Lesen und Mathematik erreicht jeweils rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht das von der OECD definierte grundlegende Kompetenzniveau. In den Naturwissenschaften trifft das auf etwa ein Viertel zu. Zugleich liegt der Anteil besonders leistungsstarker Jugendlicher in allen drei Bereichen jeweils unter zehn Prozent.
Bundesbildungsministerin Karin Prien sieht in den PISA-Ergebnissen ein deutliches Warnsignal. "Was wir heute sehen, ist ohne jeden Zweifel ein besorgniserregender Befund", sagte die Politikerin. Besonders problematisch seien der Kompetenzrückgang und die wachsende soziale Kluft.
Deutschland bleibt im Mittelfeld
Trotz der Verschlechterung liegt Deutschland ungefähr im OECD-Durchschnitt. Auch in vielen anderen Staaten sind die Leistungen gesunken, allerdings fällt der Negativtrend in Deutschland nach Einschätzung der Studienautoren besonders deutlich aus. In 14 OECD-Staaten waren die Ergebnisse klar besser, darunter Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich.
"Wir sind zwar nicht dramatisch abgehängt", sagte Greiff. "Aber wir werden unserem eigenen Anspruch als Bildungsnation nicht gerecht. Wir spielen nicht mit unter den Top-Staaten."
Besondere Sorgen bereitet die Lesekompetenz. Nur knapp 70 Prozent der Jugendlichen in Deutschland erreichen das Mindestniveau, bei dem sie etwa die Hauptaussage eines mittellangen Textes verstehen können. In China sind es 93 Prozent. In allen teilnehmenden Ländern hat sich zudem der Anteil der "flüchtig Lesenden" seit 2018 nahezu verdoppelt. Als mögliche Ursachen nennt die Studie längere Bildschirmzeiten und weniger Lesen zum Vergnügen.
Soziale Herkunft prägt Bildungserfolg
Der Bildungserfolg hängt in Deutschland stärker als in vielen anderen Ländern vom Elternhaus ab. Seit 2015 hat sich diese Kluft wieder vergrößert. "Der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und dem Bildungserfolg ist in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada", sagte Greiff. "In Deutschland sind nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern leistungsstark. Unter sozial Privilegierten sind es 25 von 100."
Während die Leistungen sozial privilegierter Jugendlicher seit 2015 weitgehend stabil blieben, verschlechterten sich die Ergebnisse sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler.
Auch die Einstellung zur Schule fällt in Deutschland vergleichsweise negativ aus: Ein Drittel der befragten 15-Jährigen hält Schule für eine "Zeitverschwendung". Im OECD-Durchschnitt sind es 24 Prozent. Bildungsministerin Prien sieht darin auch ein gesellschaftliches Problem: Das Aufstiegsversprechen in Deutschland funktioniere derzeit nicht.
Frühkindliche Bildung soll gestärkt werden
Für den langfristigen Abwärtstrend nennt Greiff mehrere Ursachen. Nach dem ersten PISA-Schock im Jahr 2000 habe Deutschland zunächst erhebliche Fortschritte gemacht. "Nach PISA 2000 haben wir uns deutlich verbessert, das hat unglaubliche Reformkräfte freigesetzt", sagte er. "Aber seit zehn Jahren beobachten wir einen Knick." Danach sei offenbar der Eindruck entstanden, die große Aufholjagd sei geschafft, und Bildung habe an politischer Aufmerksamkeit verloren.
Zugleich seien die Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher geworden. Dabei gehe es nicht allein um Zuwanderung, sondern auch um stärkere soziale Unterschiede und mehr psychosoziale Problemlagen. "Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien", sagte Greiff.
Entscheidend sei deshalb, wie gut das Bildungssystem mit diesen unterschiedlichen Voraussetzungen umgehe. Als Problembereiche nennt Greiff die frühkindliche Bildung, den Lehrkräftemangel und die Digitalisierung. Als wichtigste Gegenmittel sieht er eine bessere Förderung vor der Einschulung sowie eine stärker datengestützte Weiterentwicklung des Unterrichts.
pgr/jj (afp, dpa)