Polen-Ukraine: Die Anti-Putin-Allianz im Geschichtskonflikt
23. Juni 2026
Polen und die Ukraine waren lange Zeit engste Verbündete. Die politische und militärische Unterstützung aus Polen trug wesentlich dazu bei, dass die Ukraine sich zu Beginn des vollumfänglichen russischen Krieges ab Februar 2022 erfolgreich verteidigen konnte. Doch nun stürzt der seit Wochen andauernde Streit um die Vergangenheit die beiden Nachbarn in eine immer tiefere Krise.
Am Freitag Abend (19.06.2026) verkündete der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki auf X, dass er dem ukrainischen Staatsoberhaupt Wolodymyr Selenskyj den "Orden des Weißen Adlers", die höchste staatliche polnische Auszeichnung, entziehe. Nawrocki machte damit eine Drohung wahr, die er im Streit um die Benennung eines ukrainischen Armeeeinheit als "Helden der UPA" bereits vor mehreren Wochen ausgesprochen hatte.
In Kyjiw löste das scharfe Reaktionen aus. "Wir dachten, dass der Orden des Weißen Adlers der ukrainischen Nation und unserer Armee gewidmet war. So hieß es damals. Heute habe ich dem Herrn Präsidenten Polens den Orden zurückgeschickt", schrieb Selenskyj am Samstag (20.06.2026) auf seinen Kanälen in sozialen Medien. Er bedankte sich bei Polen für die bisherige Unterstützung und Solidarität und sagte, wenn Katharina II., Mussolini und Gerhard Schröder weiter Träger des Ordens bleiben dürften, werde man darüber nicht streiten. Selenskyj veröffentlichte dazu unkommentiert Fotos, die zeigen, dass er den Orden mit dem privaten ukrainischen Post- und Paketdienst Nowa Poschta an Nawrocki zurückschickt.
Später beschuldigte Selenskyj seinen polnischen Amtskollegen in einem Interview mit dem ukrainischen Fernsehsender 1+1, aus Wahlkampfgründen gehandelt zu haben. "Präsident Karol Nawrocki kämpft um die Position seiner Partei gegenüber dem Premier (Donald Tusk). Das ist dasselbe, was Orban gemacht hat. Das ist ein falscher Weg. Ich denke, es wird schlimm enden."
Ukraine reagiert nahezu geschlossen
Im Verlauf des Wochenendes reagierte die politische Ukraine nahezu geschlossen: Drei von vier noch lebenden ehemaligen ukrainischen Präsidenten gaben ihre polnischen Auszeichnungen zurück - Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko; der prorussische Wiktor Janukowitsch war 2014 nach Russland geflohen. Auch der Leiter der ukrainischen Präsidialkanzlei, Kyrylo Budanow, sowie der Außenminister Andrij Sybiha, gaben ihre polnischen Auszeichnungen zurück.
"Nawrocki ist zum Zerstörer positiver Errungenschaften, die wir in letzter Zeit erreicht haben, geworden. Er bekommt nicht ohne Grund Beifall aus Moskau", sagte der Chef der ukrainischen Diplomatie. "Kein Präsident eines anderen Staates wird uns unsere Geschichte diktieren", so Sybiha. Er kündigte eine "Spiegelantwort" an, ohne Details zu nennen.
Beurteilung der UPA konträr
Es ist der schwerste Konflikt zwischen Warschau und Kyjiw seit der Ausweitung des russischen Krieges gegen die Ukraine 2022. Auslöser war, dass Selenskyj Ende Mai (26.05.2026) einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte auf deren eigenen Antrag hin erlaubte, den Ehrennamen "Helden der UPA" zu tragen. Ausdrücklich ehrte er damit das Andenken an die Kämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), die bis weit in die 1950er Jahre bewaffneten Widerstand gegen das Sowjetregime in der Ukraine leistete. Dieser Widerstand steht in der heutigen öffentlichen ukrainischen Erinnerungskultur im Vordergrund und ist eines ihrer zentralen Elemente.
In Polen wird die UPA anders beurteilt. Denn sie hatte während des Zweiten Weltkriegs im Kampf um eine unabhängige Ukraine ab 1943 im westukrainischen Wolhynien zahlreiche Massaker an der polnischstämmigen Bevölkerung begangen. Insgesamt ermordeten UPA-Einheiten rund 100.000 Zivilisten. Bei späteren Vergeltungsaktionen polnischer Partisanen wurden bis zu 20.000 Ukrainer getötet. Das polnische Parlament verurteilte die UPA-Verbrechen 2016 als Völkermord.
Vorsichtige Aufarbeitung gestört
Das Thema um die Bewertung dieser Geschichte sorgt seit Jahrzehnten für politische und diplomatische Konflikte zwischen Polen und der Ukraine, die nur zeitweilig durch den Ukraine-Krieg unterbrochen wurden. Im vergangenen Jahr hatte Selenskyj jedoch der polnischen Forderung zugestimmt, wolhynische Massengräber mit polnischen Opfern für Exhumierungen öffnen zu lassen. Die Genehmigung für die ersten Öffnungen erteilte das ukrainische Kulturministerium Anfang Juni 2026.
Der polnische Staatspräsident dürfte diesem vorsichtigen Prozess der Geschichtsaufarbeitung nun einen empfindlichen Schlag versetzt haben. "Es gibt Grenzen, die man in den polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht überschreiten darf", betonte Nawrocki in seinem Video auf X am Freitag. Er drohte Kyjiw mit der Blockade des EU-Beitritts. "Das vereinigte Europa wurde auf der Ablehnung der Totalitarismen und des Kults der Gewalt aufgebaut. Diese Prinzipien müssen für alle gelten. Für jene, die das nicht verstehen, kann es keinen Platz in der EU geben. Polen wird das mit Sicherheit nicht zulassen", so Nawrocki.
Nawrocki will keine Entspannung
Sein Vorgänger, Andrzej Duda, hatte Selenskyj den Orden des Weißen Adlers 2023 verliehen - Duda hatte das Militärbündnis mit der Ukraine zur Priorität der polnischen Außenpolitik gemacht. Nicht nur half die militärische und politische Unterstützung aus Warschau der Ukraine seit 2022 wesentlich. Polen nahm auch Millionen ukrainischer Kriegsflüchtlinge auf.
Doch seit einiger Zeit verschlechtert sich die Stimmung. Die Ukraine und ukrainische Flüchtlinge werden zunehmend zum innenpolitischen Kampfthema. Vor allem rechtsgerichtete Polinnen und Polen kritisieren die sozialen Leistungen für die Ukrainer im Land und stellen Warschaus militärische Unterstützung für Kyjiw in Frage.
Bartosz Wielinski, Kommentator der Zeitung Gazeta Wyborcza, schreibt zu dem aktuellen Konlfikt, Nawrocki wolle aus innenpolitischen Gründen nicht zulassen, dass es zur Entspannung zwischen Warschau und Kyjiw komme. Der Hintergrund: Der rechtskonservative Präsident bekämpft die Mitte-Links-Regierung, um der rechtskonservativen und rechtsradikalen Opposition die Rückkehr zur Macht bei der Parlamentswahl 2027 zu ermöglichen.
Tusk im Dilemma
Der Vorstoß Nawrockis bringt den proeuropäischen Regierungschef Donald Tusk in ein Dilemma. Er muss die Aberkennung des Ordens gegenzeichnen. Unterschreibt Tusk, beschädigt er das Verhältnis zum östlichen Nachbarn, von dessen militärischem Erfolg gegen Russland auch Polens Sicherheit abhängt. Verweigert er dagegen seine Unterschrift, stempelt Polens Rechte ihn als Landesverräter ab, der die Gefühle der Polen ignoriert.
Tusk bemüht sich deshalb seit dem Ausbruch des Konflikts um Schadensbegrenzung. Auch er hält den UPA-Ehrentitel für einen Skandal, der die Gefühle der Polen verletze, kritisiert allerdings Nawrockis harte Reaktion. "Die Zuspitzung des Konfliktes durch Politiker in der Ukraine und Polen ist ein strategischer Fehler, auf dem beide Seiten wirtschaftlich, geopolitisch und was Ansehen betrifft verlieren", warnte Tusk am Sonntag auf X. "Nur Putin" freue sich über den polnisch-ukrainischen Konflikt.
Prominente polnische Intellektuelle und zivile Aktivisten verliehen Wolodymyr Selenskyj unterdessen am Wochenende den speziell für diese Gelegenheit erfundenen "Zivilen Orden der Zukunft". "Der polnische Präsident befeuert die russische Propaganda", schreiben sie in einem Appell. "Als Bürger der Republik Polen verleihen wir unsere eigene Medaille. Auf diese Weise zeigen wir, dass sich viele Polen nicht gegen die Ukrainer aufbringen lassen."