Politischer Mord sorgt für Entsetzen in Guinea-Bissau
8. April 2026
Als Anwohner Ende März 2026 in einem abgelegenen, sumpfigen Gebiet, rund 30 Kilometer außerhalb von Bissau, einen leblosen Körper entdecken, wird schnell klar: Es ist kein gewöhnlicher Todesfall. Der Mann weist schwere Verletzungen auf - Spuren brutaler Misshandlungen, Hinweise auf Folter, dazu Schusswunden.
Wenig später bestätigt sich der Verdacht: Bei dem Toten handelt es sich um den Aktivisten Vigário Luís Balanta. Seitdem erschüttert sein gewaltsamer Tod Guinea-Bissau.
Eine Stimme des Widerstands verstummt
Der 35-jährige Lehrer und Generalsekretär der zivilgesellschaftlichen Bewegung "Pó di Terra"- "Staub der Erde" - war eine der bekanntesten Figuren der Oppositon gegen das Militärregime, das sich am 26. November an die Macht putschte.
Ende März wurde Balanta im Stadtteil Pilun in Bissau entführt. Zwei Tage später wurde seine Leiche gefunden. Beobachter sprechen von einer gezielten Hinrichtung. Bereits zuvor war Balanta mehrfach verschleppt worden - ein Umstand, den viele als Teil einer systematischen Einschüchterungskampagne gegen Regimekritiker werten.
Letztes Interview: "Wir machen weiter"
Am 1. Januar 2026 hatte Balanta der DW ein Exklusivinterview gegeben - es sollte eines seiner letzten öffentlichen Statements bleiben. Darin zeigte er sich trotz wachsender Repressionen kämpferisch. "Wir werden weitermachen", sagte er. "Wir müssen strategisch handeln und die Menschen mobilisieren."
An anderer Stelle erklärte er die Motivation seiner Bewegung "Pó di Terra": "Unsere Bewegung steht für die Liebe zu unserem Land und für die Entschlossenheit, es zu verteidigen." Trotz aller Angst in der Bevölkerung sei der Rückhalt groß, betonte er. Diese Aussagen wirken heute wie ein Vermächtnis.
Vorwürfe gegen Militärführung
Zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter "Pó di Terra" und die Bissau-guineische Liga für Menschenrechte, machen das militärische Übergangsregime oder ihm nahestehende Kräfte für den Mord verantwortlich.
Auch internationale Organisationen reagierten alarmiert. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte zeigte sich in einem Statement "schockiert" und warnte vor einer zunehmenden Einschränkung des demokratischen Raums seit dem Militärputsch im November 2025.
Der Aktivist Sumaila Jaló sieht in dem Mord ein klares Signal: "Das ist eine Botschaft an alle, die sich dem Regime widersetzen, wie es dieser junge Aktivist getan hat. Es gibt keinen Zweifel, dass es sich hier um einen politisch motivierten Mord des Regimes handelt." Im DW-Interview betont Jaló zugleich die Entschlossenheit der Bewegung: "Wir haben Angst, aber wir werden nicht schweigen. Die Mehrheit der Gesellschaft widersetzt sich diesem Regime. Der Kampf für die Demokratisierung unseres Landes geht weiter." Jaló macht die Machthaber für ein Klima verantwortlich, in dem Gewalt gegen Kritiker möglich werde.
Die Militärregierung selbst verurteilte die Tat und sprach von einem Verbrechen "unter besonders gewaltsamen Umständen". Sie verkündete, den Mord umfassend aufklären und sowohl die direkten Täter als auch mögliche Hintermänner zur Verantwortung ziehen zu wollen. Beobachter begegnen diesen Ankündigungen jedoch mit Skepsis.
Beerdigung wird zur Protestkundgebung
Die Beerdigung Anfang April entwickelte sich zu einer Kundgebung gegen die Militärmachthaber. Hunderte Menschen versammelten sich auf dem Friedhof von Antula in Bissau und riefen: "Wir sind alle Vigário", "Wir wollen Gerechtigkeit" und "Nieder mit der Diktatur".
Sicherheitskräfte griffen ein und setzten Tränengas ein. Dennoch wurde die Trauerfeier zu einem sichtbaren Zeichen des Widerstands.
Auch die guineische Diaspora organisierte Proteste anläßlich der Beerdigung Balantas, unter anderem in Lissabon, und forderte Aufklärung.
Medien unter Druck und Versorgungskrise
Unterdessen verschärft sich die politische und wirtschaftliche Lage im Land. Die Regierung zwang zuletzt alle privaten Radiosender in Bissau zur Schließung - offiziell wegen ausstehender Lizenzgebühren in Höhe von fünf Millionen CFA-Francs.
Nach einem Treffen mit dem Premierminister durften die Sender zwar wieder senden, doch die Verhandlungen dauern an. Die Unsicherheit in Bezug auf die Medienfreiheit bleibt groß.
Gleichzeitig berichten Einwohner von erheblichen Treibstoffengpässen. Lange Schlangen an Tankstellen prägen das Stadtbild. Die Regierung widerspricht Aussagen, dass Nachschub fehlt. Der Premierminister warnte öffentlich vor "Falschinformationen". Wer über Engpässe spricht, sieht sich nach Angaben von Beobachtern Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Die Stimmung in Bissau ist angespannt.
Unklare Machtverhältnisse nach dem Putsch
Die Militärführung hat angekündigt, im Dezember dieses Jahres Neuwahlen abzuhalten und zur verfassungsmäßigen Ordnung zurückzukehren. Der frühere Präsident Umaro Sissoco Embaló steht im Verdacht, selbst hinter dem Putsch zu stehen. Berichten zufolge hatte er die Wahlen kurz zuvor verloren, wollte die Macht jedoch nicht abgeben. Seitdem hält er sich im Ausland auf. Als mögliche Aufenthaltsorte gelten Marokko und die Republik Kongo, sein genauer Standort ist unbekannt.
Rätsel um Embalós Einfluss
Unklar bleibt, ob Embaló weiterhin Einfluss auf die Militärjunta ausübt oder eine Rückkehr und erneute Kandidatur plant. Der guineische Ökonom und Diplomat Carlos Lopes hält mehrere Entwicklungen für möglich. Es sei denkbar, dass Embaló den Putsch zunächst angestoßen habe, inzwischen aber an Einfluss verloren habe.
"Es kann sein, dass sich die Lage verändert hat und Embaló die Putschisten nicht mehr so kontrolliert, wie es sein Plan vorsah", sagt Lopes. Solche Dynamiken seien nicht ungewöhnlich: "Revolutionen fressen ihre Kinder - auch und vor allem in Guinea-Bissau."
Zugleich verweist Lopes auf einen weiteren Machtfaktor, nämlich die Gewinne aus Drogengeschäften: "Es ist nicht einfach, sich aus den Fängen der guinea-bissauischen Militärs zu befreien. Die Militärs profitieren auch und vor allem wirtschaftlich - unter anderem vom Kokainschmuggel, der in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen hat. Das hilft ihnen, ihre Position zu sichern und an der Macht zu bleiben."