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"Politzek" zeigt Russlands vergessene politische Gefangene

Elizabeth Grenier
28. November 2025

Ein 14-Jähriger, Künstlerinnen, Menschenrechtler: Die DW-Dokumentation "Politzek - Russlands politische Gefangene" erzählt von politischen Häftlingen und ihren Familien, die nicht aufgeben, für deren Freiheit zu kämpfen.

Eine Frau hält zwei handbeschriebene Blätter Papier hoch und steht vor einem Gitter.
Die Künstlerin Sascha Skotschilenko zeigt ihre "letzten Worte" vor GerichtBild: Dmitri Lovetsky/AP/picture alliance

Ein schmächtiger Teenager steht in einem Park und hält ein Pappschild in die Kamera. Darauf steht: "Freiheit für politische Gefangene" und "Ich bin gegen Putin". Es ist klar: Dieser Junge, Arseny Turbin, zu dem Zeitpunkt 14 Jahre alt, setzt sich mit diesem stillen Protest für Gerechtigkeit ein. Das Video geht nie viral - und doch hat sein mutiger, wenn auch etwas naiver Aktivismus Folgen. Denn selbst solche Beiträge, die kaum jemanden erreichen, erreichen dennoch die Behörden, die dafür sorgen, dass die Macht des russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht gefährdet wird. Und so wurde der Junge zu fünf Jahren Haft verurteilt. Sein "Verbrechen": Zivilcourage.

Turbin gilt als einer der jüngsten politischen Gefangenen Russlands. Sein Schicksal steht stellvertretend für viele, die das System Putin zum Schweigen bringen will.

Einer der jüngsten politischen Gefangenen Russlands: Arseny TurbinBild: Babel_Doc

Von Dissidenten, die im Gefängnis verschwinden

Der russische Begriff "Politzek" steht für politische Häftlinge - und er ist zugleich Titel einer neuen Dokumentation: "Politzek: Voices that Defy the Kremlin" (Stimmen gegen den Kreml) feierte am 27. November Premiere. Die DW hat den Film gemeinsam mit France TV, RTBF, vrt und SWR produziert. Regie führten Manon Loizeau, Jekaterina Mamontowa und Sacha Koulaeva.

Fast ein Jahr lang wurde heimlich in Russland gedreht. Im Mittelpunkt stehen die persönlichen Geschichten der Gefangenen und die verzweifelten Kampagnen ihrer Angehörigen.

Sascha, Oleg und der Preis des Widerstands

Eine der Protagonistinnen ist die Künstlerin Sascha Skotschilenko. Sie wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil sie in einem Supermarkt Preisschilder gegen Antikriegs-Sticker austauschte. "Politzek" folgt Saschas Schicksal anhand der Kampagne ihrer Mutter für die Freilassung der jungen Aktivistin.

Russische Friedensaktivistin Sascha Skotschilenko ist frei

06:35

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Auch der Fall von Oleg Orlow wird gezeigt - er ist Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation Memorial, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, inzwischen aber in Russland verboten ist. Orlow wurde im Februar 2024 wegen "Diskreditierung der russischen Armee" inhaftiert

Beide - Skotschilenko und Orlow - kamen im August 2024 im Rahmen eines großen Gefangenenaustauschs frei. Doch für viele andere Dissidenten blieb die Zellentür verschlossen.

Friedensnobelpreisträger Oleg Orlow bei der DW-Filmpremiere von "Politzek" in BerlinBild: Stephanie Englert/DW Images

Ein absurder Prozess

Laut der russischen Nichtregierungsorganisation OVD-Info gibt es derzeit 1586 politische Gefangene in Russland. Zwei davon sind die Regisseurin Schenja Berkowitsch und die Autorin Swetlana Petrijtschuk.

Sie inszenierten 2021 das Theaterstück "Finist, der tapfere Falke", das von russischen Frauen handelt, die dazu verführt werden, Kämpfer des Islamischen Staates in Syrien zu heiraten. Ein Stück, das sich klar gegen Terrorismus positioniert, das mit zwei "Goldenen Masken", dem wichtigsten Theaterpreis Russlands, ausgezeichnet und vom russischen Kulturministerium unterstützt wurde. Trotzdem wurden beide wegen "Rechtfertigung von Terrorismus" zu je sechs Jahren Haft verurteilt.

Die Dokumentation begleitet ihren absurden Prozess - ein kafkaeskes Beispiel für Putins Kampf gegen freie Meinungsäußerung.

Prozess gegen Schenja Berkowitsch und Swetlana PetrijtschukBild: Dmitry Serebryakov/AP Photo/picture alliance

Ein System der Angst und Isolation

Arseny Turbin ist inzwischen 17 Jahre alt. Er wurde in eine Strafkolonie in Perm verlegt, mehr als 1800 Kilometer von seiner Heimat entfernt, was es für seine Mutter Irina Turbina umso schwerer macht, ihren Sohn regelmäßig zu besuchen. Dennoch kann sie von Gewalt durch Mithäftlinge und dem schlechten physischen und psychischen Zustand ihres Sohnes berichten.

Der Film zeigt mit Hilfe der Menschenrechtlerin Anna Karetnikowa, wie brutal und erniedrigend die Haftbedingungen in russischen Straflagern sind. Es ist ein System der Angst und Isolation. "Der Film bietet einen seltenen Einblick in die Lebensrealität russischer Häftlinge - und in die stille Stärke ihrer Familien", sagt Mitregisseurin Manon Loizeau.

Wird in russischen Gefängnissen gefoltert?

05:40

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Solidarität über Grenzen hinweg

"Politzek" erzählt aber nicht nur von Unterdrückung, sondern auch von Solidarität. Die DW-Dokumentation zeigt die wichtige Arbeit russischer Dissidenten im Exil, die sich für politische Gefangene in ihrem Heimatland einsetzenund ihnen helfen. Unter anderem dadurch, dass sie den Gefangenen zur moralischen Unterstützung Briefe schicken, damit sie - und auch das russische Regime - merken, dass sie nicht vergessen sind.

Diese Unterstützung kann entscheidend sein. So hätte sie vielleicht das Leben des Pianisten Pawel Kuschnir retten können. Der Absolvent des Moskauer Tschaikowski-Konservatoriums hatte auf seinem YouTube-Kanal, der ganze fünf Abonnenten hatte, vier Antikriegs-Videos hochgeladen. Dafür wurde er in Sibirien inhaftiert.

Der Pianist Pawel Michailowitsch Kuschnir starb in einem sibirischen GefängnisBild: Cвердловский областной краеведческий музей

Er starb im Gefängnis nach einem Hungerstreik, nur vier Tage vor dem Gefangenenaustausch, über den in den Medien ausführlich berichtet wurde. Aber niemand wusste etwas über Kuschnirs Fall. "Niemand kannte seinen Namen", erinnert sich eine Aktivistin im Film. "Er war allein, ohne Netzwerk, und er starb, weil niemand wusste, dass er existiert."

Erinnerung als Form des Widerstands

Einige seiner unveröffentlichten Bücher und eine Aufnahme eines Klavierkonzerts wurden posthum veröffentlicht, und heute wird Kuschnir als Ikone der Antikriegsbewegung verehrt.

Wie einst Alexej Nawalny, der 2024 in einer Strafkolonie starb, hinterlassen auch diese Aktivisten nach ihrem Tod Spuren - als Stimmen der Hoffnung in einem Land, das Menschen mit regierungskritischen Meinungen verfolgt.

DW-Intendantin Barbara Massing (links) bei der Premiere mit den Filmemacherinnen Manon Loizeau, Jekaterina Mamontowa und Sacha Koulaeva, dazwischen die Friedensnobelpreisträger Oleg Orlow und Dmitri Muratow (jeweils von links)Bild: Stephanie Englert/DW Images

"Politzek: Voices that Defy the Kremlin" ist ab 6. Dezember auf DW Documentary zu sehen, kurz darauf auch in den arabischen, spanischen, indonesischen und Hindi-DW-Kanälen.

Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch

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