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Vorwürfe gegen Googles Werbepraktiken

Nicolas Martin
29. November 2023

Anzeigen auf Pornoseiten, Alkoholwerbung auf Jugendseiten und Umgehung von Iran- und Russland-Sanktionen - laut einer Studie macht Google bei der Werbung von prominenten Kunden viele Fehler.

Symbolbild Google dunkel dark
Überall präsent und weiter auf Wachstumskurs: Der digitale Riese GoogleBild: Nicolas Economou/picture alliance

Es ist fast ein wenig komisch: Die NSA - der größte Auslandsgeheimdienst der USA - wirbt auf einer iranischen staatlichen Seite um neue Talente und preist die "Work-Life-Balance" seiner Behörde an.

Die Republikanische Partei ruft auf einer russischen Pornoseite zum Spenden auf. "Wir brauchen Euch mehr denn je", steht dort in einer weiß hinterlegten Box unterhalb etlicher Sex-Videos.

Ein bekannter Spirituosenherstellers wirbt auf der Google-eigenen Suchmaschine für Kinder, Kiddle, mit mehreren seiner hochprozentigen Getränke. Für Google ein Eigentor und für die Werbekunden ein klarer Bruch mit ihren Prinzipien.

Große Werbekunden unter den Betroffenen

Und es trifft wohl auch deutsche Unternehmen: So tauchen Anzeigen für BMWs neue Elektroautos auf der Seite des rechtspopulistischen Newsportals Breitbart auf.

Aus der Adalytics-Studie: BMW wirbt demnach auf dem rechtspopulistischen Portal BreitbartBild: Adalytics

Auf DW-Anfrage gab sich BMW überrascht. "Wir haben eine gründliche Untersuchung eingeleitet, um genau festzustellen, wie unsere Werbung in dem von Ihnen hervorgehobenen Kontext aussah, und werden auf der Grundlage unserer Ergebnisse gegebenenfalls weitere Maßnahmen ergreifen." Der Autobauer fügte hinzu, er habe sehr strenge Standards für die Platzierung von Werbemitteln.

Diese und viele weitere Beispiele für problematische Anzeigenplatzierung durch Google hat das Werbeanalyse-Unternehmen Adalytics mit Sitz in New York auf 269 Seiten zusammengefasst und nun in einer Studie veröffentlicht. 

Die Ergebnisse dürften die Marketing-Abteilungen von hunderten großen Unternehmen interessieren. Unter den betroffenen Firmen sind laut Adalytics Konzerne wie Apple, Lego, Deloitte, Microsoft, Uber, TikTok, Amazon und viele mehr.

Auch staatliche Behörden und NGOs schalten demnach Werbung auf Seiten, die sie selbst niemals ausgesucht hätten. Betroffen sind auch Medien wie die "New York Times", die "Washington Post" oder der "Guardian"

Black Box: Googles Suchnetzwerk

Für Googles Mutterkonzern Alphabet sind Werbeerlöse der größte Umsatzbringer (siehe Grafik). Google verdient vor allem mit Anzeigen in seiner Suchmaschine, aber auch mit Werbung in hauseigenen Anwendungen - etwa Maps, Images oder Shopping. Diese Anwendungen gehören zum sogenannten Google Suchnetzwerk GSP (Google Search Partner).

Doch laut Adalytics sind in der Vergangenheit auch Anzeigen, die nur auf der Suchmaschine Google auftauchen sollten, ins Suchnetzwerk ausgespielt worden. Diese Anzeigen erscheinen dann in der Regel auch in Suchboxen auf anderen Internet-Seiten. Meist sind sie weiß oder grau unterlegt und werden in der Google-typischen Schrift dargestellt.

Wie groß das Suchnetzwerk genau ist und welche Unternehmen dazugehören, hat Google bisher nicht veröffentlicht. Auf seiner Homepage bleibt der Konzern vage: "Suchnetzwerk-Partner decken Hunderte von Websites ab, die nicht zu Google gehören." Auch Werbekunden erhalten keine Informationen, auf welchen Seiten des Suchnetzwerks ihre Anzeigen ausgespielt werden. 

Porno, Piraterie, russische und iranische Onlineseiten

Adalytics hat nach eigener Aussage nun Tausende Websites identifiziert, die sich im Suchnetzwerk befinden. Dazu hat die Firma aus New York öffentlich zugängliche Informationen und "Open-Source-Methoden" genutzt.

Mit Crawlern genannten Suchprogrammen hat Adalytics  einen JavaScript-Programmcode identifiziert, mit dem Webseiten die Google-Suchboxen bei sich einbetten. Adalytics habe so über ein Jahr lang Einblicke in die Black Box des Suchnetzwerks erhalten und könne nachweisen, dass Googles Suchnetzwerk auch Websites bespielt, die keiner der Anzeigenkunden gewählt hat, heißt es im Bericht. 

Dazu gehören Sexportale, Portale mit raubkopierten Inhalten und Internetseiten politischer Extremisten.

Etliche Anzeigen waren laut Adalytics auch auf iranischen und russischen Internetseiten zu sehen. Das ist besonders heikel, weil diese im Fokus der Kontrollbehörden des US-Finanzministeriums stehen. Wer hier Geschäfte treibt, droht gegen Sanktionsbestimmungen zu verstoßen.

Ist es bald vorbei mit Googles Vormachtstellung?

03:55

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Neben der US-Bundespolizei FBI und den Geheimdiensten NSA (USA) und MI6 (Großbritannien) hat laut Adalytics auch die französische Großbank PNB Paribas bis vor Kurzem auf iranischen Webseiten für sich geworben. Die Bank musste 2014 neun Milliarden Dollar Strafe an die US-Regierung zahlen, weil sie gegen Sanktionsbestimmungen verstoßen hatte.

Google kritisiert Methodik der Studie

Google selbst streitet die Vorwürfe auf Anfrage der DW ab und attackiert die Verfasser der Studie. "Adalytics hat schon mehrfach ungenaue Berichte veröffentlicht, die unsere Produkte falsch darstellen und völlig überzogene Behauptungen aufstellen", schreibt Dan Taylor, Vizepräsident des globalen Anzeigengeschäfts von Google.

Dennoch werde man den Adalytics-Bericht genau prüfen. Man könne anhand der begrenzten Informationen aber schon jetzt sagen, dass keine Werbeeinnahmen "mit sanktionieren Organisationen geteilt wurden". 

Google kritisiert das Erhebungsverfahren von Adalytics zudem als ungenau und wirft der Analysefirma vor, mit dem Bericht eigene Interessen zu verfolgen, nämlich Misstrauen zu säen und seine eigenen Dienste anzupreisen. 

Bereits im Sommer hatte Adalytics eine ähnliche Studie veröffentlicht. Darin prangerte das Unternehmen das intransparente Anzeigengeschäft bei Videowerbung auf YouTube an. Die Videoplattform gehört ebenfalls zur Google-Mutter Alphabet.

Der niederländische EU-Abgeordnete Paul Tang, der sich mit Technologiekonzernen beschäftigt und dem die Adalytics-Studie vorliegt, schrieb auf DW-Anfrage: "Die Undurchsichtigkeit des derzeitigen Werbemarktes lässt solche Praktiken zu."

Man müsse sich deshalb für eine strengere Gesetzgebung einsetzen. Dass Google bisher jegliche Verantwortung abstreite, sei "eine Schande", so der EU-Abgeordnete weiter.

Das EU-Parlament hat im vergangenen Jahr den Digital Markets Act verabschiedet, eine Verordnung, die den Verbraucherschutz gegenüber Digitalkonzernen wie Amazon, Facebook und Google stärken soll. 

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