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Preisschock: Der Iran‑Krieg belastet Deutschlands Wirtschaft

6. März 2026

Wirtschaftlicher Aufschwung wird dringend gebraucht. Doch teure Energie, steigende Preise und gestörte Lieferketten sind Gift dafür. Die Bundesregierung ist alarmiert, aber reagiert verhalten.

Deutschland Bochum 2026 | Das Foto zeigt die Preistafel einer Tankstelle. Das Foto ist leicht verfremdet und rot eingefärbt.
Die Preise für Benzin und Diesel sind deutlich gestiegenBild: Ina Fassbender/AFP

Als die Vereinigten Staaten und Israel den Iran angriffen, ließ die Reaktion nicht lange auf sich warten. Geradezu blindwütig schießt das Mullah-Regime seitdem um sich und attackiert militärische und zivile Ziele in seinen Nachbarländern. Iran will außerdem vor seiner Küste keine Schiffe mehr passieren lassen. Die Straße von Hormus, jenes Nadelöhr im Persischen Golf, durch das täglich 20 Prozent des global gehandelten Erdöls transportiert werden, ist faktisch gesperrt.

Der Ölpreis ging nach dem Angriff sofort deutlich nach oben. Auch an deutschen Tankstellen schossen die Preise für Benzin und Diesel-Kraftstoff in die Höhe. Je nach Region kostete Super-Benzin zwischenzeitlich nis zu 2,50 Euro pro Liter. Der durchschnittliche Preis für Diesel liegt aktuell mit knapp über zwei Euro um 30 Cent höher als vor dem Angriff auf den Iran.

Steigende Energiepreise als unmittelbare Belastung

Noch extremere Preissprünge gab es beim Erdgas, nachdem der Iran Anlagen für Flüssiggas (LNG) in Katar mit Drohnen angegriffen hatte und die Produktion daraufhin gestoppt wurde. Deutschland bezieht kein LNG direkt aus Katar. Die Lieferbeziehungen sind gestreut, außerdem wird viel Gas über norwegische Pipelines bezogen. Entscheidend für die Preise ist jedoch der europäische Großhandel und der orientiert sich am Verhältnis von international verfügbarem Angebot und aktueller sowie zu erwartender Nachfrage.

Straße von Hormus: Blockade lässt Ölpreise steigen

01:14

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Die Energiepreissteigerungen treffen nicht nur Privathaushalte, sondern auch die Industrie, die mit höheren Produktionskosten konfrontiert ist. Besonders betroffen sind energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl, Glas oder Papier, aber auch die Automobilindustrie und der Maschinenbau.

Schock für die Regierung Merz

Der Iran‑Krieg führt Deutschland vor Augen, wie verwundbar hochindustrialisierte Volkswirtschaften im globalen Krisenzeitalter sind. So sehen es auch deutsche Ökonomen. Veronika Grimm, eine der fünf Sachverständigen, die die Bundesregierung wirtschaftswissenschaftlich beraten, warnt vor wachsenden Inflationsrisiken ⁠und zusätzlicher Investitionsunsicherheit. "Wir müssen uns auf eine längere Phase erhöhter Unsicherheit einstellen", so die Professorin gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

In der deutschen Politik läuten die Alarmglocken. Seit zehn Monaten regiert eine Koalition aus CDU/CSU und SPD. Kanzler Friedrich Merz (CDU) hatte im Wahlkampf und zum Amtsantritt versprochen, dass die Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft für ihn absolute Priorität haben werde. Doch der Aufschwung lässt auf sich warten. Das kleine Plus, das Deutschland zu Jahresbeginn erlebte, könnte durch den Iran-Krieg wieder zunichte gemacht werden. 

Gift für die Wirtschaft

Die Energiepreise sind in Deutschland seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ohnehin massiv gestiegen. Weiter steigende Preise, Lieferketten, die ins Wanken geraten, und eine zusätzliche globale Unsicherheit wirken da wie Gift für die deutsche Wirtschaft.

Baustoffe haben sich in den letzten Jahren extrem verteuert, das wirkt sich auf die Mieten ausBild: Florian Wiegand/Eibner-Pressefoto/picture alliance

Ökonomin Grimm fordert, Europas Energieversorgung widerstandsfähiger zu ⁠machen - durch diversifizierte ⁠Lieferketten, gut gefüllte Speicher, koordinierte europäische Beschaffung und einen beschleunigten Ausbau der ‌eigenen Energieversorgung. Forderungen, die es seit dem Wegfall der russischen Gaslieferungen vor vier Jahren gibt. Allein, es hapert an der Umsetzung. Nach dem extrem kalten Winter in Deutschland sind die Gasspeicher fast leer. 

Bremsklotz für Transport und Luftfahrt

Neben der Energiekrise führt der Iran-Krieg zu weiteren Belastungen - vor allem für die Transportbranche. Auch deutsche Reedereien müssen den Persischen Golf weiträumig umschiffen, was globale Lieferketten verzögert und damit die Versorgungssicherheit beeinträchtigt. Versicherungsprämien für die Seeschifffahrt steigen genauso wie die Kosten für den Treibstoff. Der Luftraum über den Golfstaaten ist teilweise gesperrt. Fluglinien müssen ihre Routen großräumig umleiten. Das verlängert nicht nur die Reisezeiten, sondern erhöht auch die Kerosinkosten. 

Mit jedem Tag, an dem die Energiepreise steigen, wächst das Risiko einer wieder wachsenden Inflation. Denn die Unternehmen müssen die Kosten weitergeben, indem sie die Preise für ihre Produkte anheben. Schon seit der Energiekrise 2022 hat das die Inflation angetrieben, was die Verbraucher in den Geschäften zu spüren bekamen. Wenn die Lebenshaltungskosten steigen, verlieren die Verbraucher an Kaufkraft, das macht sich im Inland bemerkbar. International wird Deutschland mit teuren Produkten weniger wettbewerbsfähig. Für die Exportnation ein weiteres großes Problem.

Wie reagiert die Bundesregierung?

Auch wenn die Politik die Probleme sieht, ist die politische Antwort bislang verhalten. Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) hat eine "Taskforce" eingesetzt, die die Lage täglich analysieren und mögliche Maßnahmen vorbereiten soll. Ziel ist es, Preisexplosionen zu beobachten, Versorgungssicherheit zu überwachen und die Auswirkungen auf Unternehmen zu bewerten. In den sozialen Medien wird das auch satirisch kommentiert.

"Wir bewerten und beobachten die Lage fortlaufend", sagte Regierungssprecher Steffen Meyer am Freitag (06.03.). Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums ergänzte, die Regierung unterstütze Maßnahmen für ⁠mehr ⁠Wettbewerb und Transparenz in der Mineralölbranche. Für eine Schätzung zu den wirtschaftlichen Folgen des Nahost-Krieges sei es noch zu früh, aber: "Die Risiken sind offensichtlich."

Absage an eine Spritpreisbremse

Direkt in die Preisentwicklung an den Tankstellen einzugreifen, lehnt die Regierung bislang ab. Wohl auch, weil 2022 ein kurzfristig eingeführter Tankrabatt nur bedingt Wirkung zeigte. Das Kartellamt soll nun prüfen, ob Ölkonzerne die aktuelle Krise für überhöhte Preise ausnutzen, indem sie den gestiegenen Rohöl-Preis an ihre Kunden weitergeben, obwohl sie ihre Tanklager noch zu niedrigeren Preisen befüllt haben. 

Fakt ist, dass die Regierung an den hohen Spritpreisen gut verdient. Knapp die Hälfte dessen, was die Tankkunden bezahlen, fließt über verschiedene Steuern in die Staatskassen. Lobbyverbände wie der Automobilclub Mobil in Deutschland warfen der Bundesregierung bereits vor, "Kasse auf dem Rücken der Autofahrer" zu machen.

Viel Kritik an der Energiepolitik

Die Bundesregierung bemüht sich in der Krise, Stabilität zu vermitteln. Verwiesen wird auf bereits umgesetzte Entlastungsmaßnahmen, um die Energiepreise zu dämpfen: die Absenkung der Stromsteuer für Unternehmen sowie die Abschaffung verschiedener Abgaben. Doch Kritiker bemängeln, dass die Regierung Merz die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern weiter befördere, statt sie entsprechend den Klimazielen zu verringern. 

Umwelt- und Verbraucherverbände kritisieren, der Ausbau erneuerbarer Energien sei ins Stocken geraten. Gesetze bremsten Windkraft-Ausbau und Solarprojekte aus. In einem Moment globaler Unsicherheit wirke Deutschland damit weniger krisenfest, als es eigentlich sein müsste. 

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