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PolitikIran

Proteste im Iran: Zweifel an offiziellen Opferzahlen

23. Januar 2026

Wie viele Menschen bei der brutalen Unterdrückung der Proteste getötet wurden, liegt im Dunkeln. Viele Verletzte meiden aus Angst medizinische Hilfe. Die Kommunikationssperre erschwert jede Informationsbeschaffung.

Deutschland Köln 2026 | Kerzenaktion Gedenken an die Opfer im Iran auf dem Neumarkt
Kerzenaktion: Gedenken an die Opfer auf dem Neumarkt in KölnBild: Johannes Beck/DW

Seit Donnerstag, dem 8. Januar, ist das Internet im Iran weitgehend abgeschaltet. Einen Termin für eine vollständige Wiederherstellung der Verbindung gibt es nicht, erklärte Ali Akbar Pourjamshidian, stellvertretender Minister für innere Sicherheit. Pourjamshidian ist zugleich Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates. Der Rat überprüfe derzeit die Wiederherstellung des Internets, ein konkreter Zeitpunkt stehe jedoch noch nicht fest, sagte er am Mittwochabend in einem Interview mit dem Staatsfernsehen.

Der Nationale Sicherheitsrat beschuldigte die "Erzfeinde" Israel und die Vereinigten Staaten, für zahlreiche "Terrorakte" verantwortlich zu sein, die in den Nächten vom 8. auf den 9. Januar in weiten Teilen des Landes verübt worden seien. Dies stelle eine Fortsetzung des "aufgezwungenen Krieges" vom Juni 2025 dar.

Am Mittwoch wurden zudem offizielle Zahlen zu den Todesopfern der Massenproteste veröffentlicht, die Ende Dezember begonnen hatten. Demnach seien insgesamt 3117 Menschen getötet worden. Davon seien 2.427 "unschuldige Menschen sowie Hüter von Ordnung und Sicherheit", die als Märtyrer betrachtet würden.

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Der iranische Außenminister Abbas Araghchi teilte zudem mit, dass die Hinterbliebenen durch die so genannte "Stiftung der Märtyrer und Kriegsveteranen Irans" unterstützt würden. Diese ist eine staatliche Einrichtung, die Familien von Gefallenen, Vermissten und Kriegsinvaliden finanzielle Hilfe zukommen lässt.

Druck auf Angehörige

Angehörige getöteter Demonstrierender berichten, dass die Behörden bei der Herausgabe der Leichname massiven Druck ausübten. Den Hinterbliebenen werde auferlegt, eine Erklärung zu unterzeichnen, in der die Getöteten als freiwillige Mitglieder der Basidsch-Miliz bezeichnet würden. Die Basidsch steht unter dem Kommando der Revolutionsgarde und wird maßgeblich zur Unterdrückung der Proteste eingesetzt.

Wer sich weigert, diese Erklärung zu unterschreiben, müsse eine hohe Geldsumme als sogenanntes "Kugelgeld" bezahlen, berichtete Farazaneh im Gespräch mit der DW. Sie habe telefonisch von ihren Verwandten erfahren, dass ihr Neffe am 8. Januar getötet worden sei. Die Eltern hätten sich geweigert, die Erklärung zu unterzeichnen, woraufhin Beamte Geld für die Herausgabe des Leichnams verlangt hätten.

Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer deutlich höher liegt als bislang offiziell bekannt. Die in Norwegen ansässige Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights geht in einem Bericht vom 22. Januar von mehr als 25.000 Todesopfern aus. Die Organisation hat bislang 3.428 Fälle dokumentiert.

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"Unsere Statistiken basieren auf den Dokumentationsstandards von Menschenrechtsorganisationen. Sie müssen entweder von zwei unabhängigen Quellen bestätigt werden, oder unsere Organisation muss direkten Zugang zu einer sehr zuverlässigen Quelle haben", sagt Mahmoud Amiri-Moghadam, Direktor der Organisation, im Gespräch mit der DW.

"Einige dieser Statistiken umfassen direkte Berichte von Opfern sowie Informationen aus dem medizinischen Bereich und von uns bekannten, verlässlichen Quellen," betont Moghadam.

Die Kommunikationssperre erschwert die Arbeit der Organisationen erheblich. Derzeit können Menschen im Iran nur über das Festnetz und zu sehr hohen Gebühren Kontakt ins Ausland aufnehmen. Umgekehrt ist eine Kontaktaufnahme weiterhin unmöglich.

Die in den USA ansässige Nachrichtenagentur für Menschenrechtsaktivisten HRANA berichtete Anfang der Woche von 4519 bestätigten Todesfällen; mehr als 9.000 weitere Fälle würden derzeit noch untersucht.

Verletzte außerhalb der Statistiken

In diesen Statistiken nicht erfasst sind zahlreiche Demonstrierende, die durch den Einsatz scharfer Munition verletzt wurden. Aus Angst vor Repressionen verstecken sich viele von ihnen zu Hause und meiden den Besuch medizinischer Einrichtungen.

Iranischstämmige Ärztinnen und Ärzte im Ausland berichten von kurzen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen im Iran. Diese berichten, dass Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen in vielen Städten einen drastischen Anstieg von Schussverletzungen an Körper, Kopf und insbesondere an den Augen verzeichnen.

Professor Amir Mobarez Parasta, ein iranisch-deutscher Augenchirurg und Leiter eines Münchner Augenzentrums, erklärte im Gespräch mit der DW, er habe erfahren, dass allein in einem spezialisierten Augenkrankenhaus in Teheran bis zum 16. Januar rund 7000 schwere Augenverletzungen registriert worden seien.

Parasta, der nach den landesweiten Protesten im Jahr 2022 infolge des Todes der 22-jährigen Mahsa Jina Amini zahlreiche nach Deutschland geflohene Demonstrierende mit Augenverletzungen behandelte, betont, dass verletzte Demonstrierende so schnell wie möglich von Fachärztinnen und Fachärzten versorgt werden müssen.

Kowsar Eftekhari ist eine von vielen Demonstrierenden, die während der landesweiten Proteste 2022 von Sicherheitskräften ins Auge geschossen wurdenBild: Bamdad Esmaili/DW

"In iranischen Krankenhäusern existieren medizinische Protokolle, und das medizinische Personal unterlässt es grundsätzlich, Fälle zu melden, die später strafrechtlich verwendet werden könnten", sagt er und fügt hinzu: "Das haben wir bereits während der Mahsa-Bewegung beobachtet. Glücklicherweise stellt sich das medizinische Personal auf die Seite der Protestierenden."

Die jüngste Protestwelle im Iran begann Ende Dezember. Auslöser waren eine sich zuspitzende Wirtschaftskrise und eine galoppierende Inflation. Innerhalb kurzer Zeit weiteten sich die Demonstrationen jedoch zu landesweiten Protesten gegen das autoritäre politische System der Islamischen Republik aus. Das Regime reagiert mit massiver, brutaler Gewalt. 

Mitarbeit: Elina Farhadi

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