1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Politik

Proteste gegen US-Raketenschild in Südkorea

Fabian Kretschmer
27. April 2017

Die USA haben es mit der Stationierung ihrer neuen Raketenabwehr in Südkorea eilig. Trotz der Drohgebärden des Nordens haben dafür nicht alle Verständnis – in der betroffenen Ortschaft gab es heftige Proteste.

Protest gegen US-Raketenabwehrsystem in Soseong-ri
Bild: DW/F. Kretschmer

Nur wenig deutet darauf hin, dass sich im verschlafenen Nest Soseong-ri dieser Tage ein internationaler Konflikt entlädt: Auf dem beschaulichen Gemeindeplatz kommen die Dorfbewohner, meist Honigmelonen-Bauern im gehobenen Seniorenalter, in einer Holzpagode zum Feierabendtratsch zusammen. Rollatoren stehen vor den meisten Ziegeldachhäusern, die Männer tragen riesige Strohhüte zum Schutz gegen die gleißende Frühlingssonne.

An diesem Mittwochmittag jedoch tummeln sich auch Dutzende Fernsehjournalisten in dem Dorf, mehrere hundert Bereitschaftspolizisten sowie ein paar politische Aktivisten. Diese haben die kilometerlange Zufahrtsstraße zu Soseong-ri mit unzähligen Plakaten und Bannern zugepflastert: "THAAD raus, stoppt die USA", steht dort etwa zu lesen. Oder: "Seid ihr Alliierte oder Besatzer?"

Raketenabwehrsystem auf ehemaligem Golfplatz

In der Nacht auf Mittwoch hat das US-Militär in der Ortschaft, rund 250 Kilometer südlich von der Landeshauptstadt Seoul, mit der Installierung des umstrittenen Raketenabwehrsystems THAAD begonnen. Auf Handyaufnahmen im Internet ist zu sehen, wie sechs Armeelastwagen die Militärfracht unter massivem Polizeischutz durch das Dorf schleusen. Schreiende Demonstranten lieferten sich direkte Auseinandersetzungen mit den Einsatzkräften, mindestens zehn Leute wurden dabei verletzt. Am Donnerstag hat die Polizei das Militärgelände nun weiträumig abgesperrt. Vor der letzten Barrikade meditieren zwanzig Buddhisten unter einem Zelt – ein Zeichen des friedlichen Protests.

USA und südkoreanische Behörden schaffen FaktenBild: DW/F. Kretschmer

"Das Problem bei THAAD ist der Entscheidungsprozess: Weder gab es eine Evaluierung der Gesundheitsrisiken, noch wurde die Bevölkerung befragt. Nicht mal das Parlament hat abgestimmt", sagt Fotograf Kim Seong-gwan von der Tageszeitung Hankyeoreh. Der 31jährige hat sich über Berggräber und Trampelpfade in das abgesperrte Gelände geschlichen. Er hockt auf einem Felsbrocken auf fast Tausend Meter Höhe, in der Ferne sieht man eine riesige Grünfläche umgeben von dicht bewaldeten Berghängen, auf dem ein paar Militärtrucks hin und her fahren. Das Grundstück ist ein ehemaliger Luxus-Golfplatz, das von der südkoreanischen Regierung aufgekauft wurde.

Friedlicher Protest gegen das RaketenabwehrsystemBild: DW/F. Kretschmer

"Viel ist leider noch nicht zu sehen", sagt Kim, während er seine Fotomotive auf dem Kameradisplay durchschaut. Aus dem Gebüsch taucht plötzlich ein komplett in schwarz gekleideter Rekrut auf, der den Fotojournalisten zum Gehen auffordert. Die beiden gehen respektvoll miteinaner um, doch eine gewisse Anspannung ist nicht zu übersehen.

THAAD wird zum Wahlthema

Nur eine Woche, nachdem die US-Streitkräfte das Grundstück an die südkoreanische Regierung übergeben hatten, begannen sie bereits mit den vorgezogenen und unangekündigten Aufbauarbeiten. Eine laut Gesetz benötigte Untersuchung über mögliche Gefahren für Natur und Mensch ist laut Angaben des südkoreanischen Verteidigungsministeriums noch nicht abgeschlossen. "Nordkoreas Atomprogramm stellt eine schwerwiegende Bedrohung für die Sicherheit der USA dar", begründet das Pentagon in einem Statement die Notwendigkeit des Raketenabwehrsystems.

Die vorgezogene Installierung wird vor allem als taktischer Zug der US-Amerikaner gewertet, schließlich stehen in Südkorea in weniger als zwei Wochen vorgezogene Neuwahlen an. Als Favorit gilt der progressive Oppositionspolitiker Moon Jae-in, der sich stets kritisch, wenn auch nicht kategorisch ablehnend gegenüber dem Raketenabwehrsystem geäußert hat. Sein Wahlversprechen ist es, die Entscheidung über THAAD noch einmal zu überdenken. In den meisten Umfragen zeigt sich die Bevölkerung zu etwa gleichen Teilen gespalten, wobei die Kritiker leicht überwiegen.

"THAAD dient vor allem US-Interessen"

Bislang sind die Konsequenzen für Südkorea vor allem wirtschaftlicher Natur: China, das THAAD als Eingriff in seine nationale Souveränität wertet, hat eine ganze Reihe an Vergeltungsaktionen ausgesprochen: Chinesen dürfen mittlweweile keine organisierten Reisetouren in das Land am Han-Fluss buchen, was die koreanische Tourismusbranche massiv einbrechen ließ.

Wie im Dorf Soseong-ri misstrauen viele Südkoreaner den US-PlänenBild: DW/F. Kretschmer

"Für Südkorea bietet THAAD keinen militärischen Schutz, schließlich kann Nordkorea uns auch mit seinen Kurzstreckenraketen angreifen, gegen die das System machtlos ist", sagt ein Aktivist in blauer Funktionsweste, der an diesem Nachmittag von Seoul angereist ist. Seiner Meinung nach dient das System vor allem der US-Regierung, um sich einen strategischen Vorteil gegenüber China zu sichern: "Wir wollen nicht in eine neue Konfliktzone herein geraten. THAAD wird die militärischen Spannungen und das Wettrüsten nur weiter verstärken."

 

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen