Putschversuch von 2016: Die Nacht, die die Türkei veränderte
15. Juli 2026
Es ist der Abend des 15. Juli 2016. Ein warmer Sommertag geht zu Ende. Viele Menschen verbringen den Freitagabend mit Freunden oder der Familie und stimmen sich auf das Wochenende ein. Niemand ahnt, dass sich die Türkei in wenigen Stunden grundlegend verändern wird.
Denn plötzlich rollen Panzer durch die Straßen. Kampfjets fliegen über Ankara und Istanbul. Soldaten sperren die Bosporus-Brücke - die Verbindung zwischen Europa und Asien. Das Parlament in Ankara wird bombardiert. Präsident Recep Tayyip Erdogan meldet sich per Videoanruf im Fernsehen und ruft die Bevölkerung auf, auf die Straße zu gehen und den Putsch zu stoppen.
Der Umsturzversuch scheitert noch in derselben Nacht. Doch seine politischen Folgen prägen das Land bis heute.
Die türkische Regierung macht die Gülen-Bewegung für den Putschversuch verantwortlich. Zahlreiche hochrangige Militärangehörige mit Verbindungen zu Gülen werden festgenommen. Deren Gründer, der islamische Prediger Fethullah Gülen, lebte damals seit Jahren im Exil in den USA, wo er 2024 starb. Einst galt er als enger Verbündeter Erdogans. Gemeinsam trugen beide maßgeblich dazu bei, den politischen Einfluss des türkischen Militärs zurückzudrängen und Erdogans Macht auszubauen. Später zerbrach das Bündnis. Die Regierung wirft Gülen vor, über Jahrzehnte Anhänger in Justiz, Polizei, Militär und andere staatliche Institutionen eingeschleust zu haben, um den Staat zu unterwandern. Gülen und seine Anhänger bestritten jede Beteiligung am Putsch.
Vom Sommerabend zum nationalen Gedenktag
Heute ist der 15. Juli in der Türkei ein nationaler Feiertag. Die frühere Bosporus-Brücke trägt inzwischen den Namen "Brücke der Märtyrer des 15. Juli". Sie erinnert an die Menschen, die in jener Nacht ums Leben kamen. Nach offiziellen Angaben starben 253 Menschen, die meisten von ihnen Zivilisten. Viele Straßen, Plätze und Schulen tragen heute ebenfalls den Namen "15. Juli".
Der Jahrestag steht jedoch nicht nur für das Gedenken an die Opfer. Er markiert auch einen tiefgreifenden politischen Einschnitt. In den Jahren nach dem Putschversuch baute die Regierung ihre Macht weiter aus. Die Gülen-Bewegung wurde als Terrororganisation eingestuft, ihre mutmaßlichen Anhänger weitgehend aus dem Staatsapparat entfernt.
Sechs Tage nach dem Putsch verhängte das Parlament den Ausnahmezustand. Er war zunächst auf drei Monate begrenzt, wurde jedoch siebenmal verlängert und endete erst am 19. Juli 2018. Während dieser zwei Jahre regierte der Präsident in weiten Teilen mit Notstandsdekreten, insgesamt erließ er 32 davon.
Die Folgen der Säuberungen waren enorm. Mehr als 125.000 Angehörige des öffentlichen Dienstes und der Streitkräfte wurden entlassen. Nach offiziellen Angaben wurden zwischen 2016 und 2025 rund 390.000 Menschen wegen mutmaßlicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung festgenommen. Etwa 113.000 von ihnen kamen in Untersuchungshaft. Zudem wurden 2761 Einrichtungen - darunter Schulen, Vereine, Stiftungen und Medien - geschlossen. 4130 Menschen wurden wegen mutmaßlicher Beteiligung am Putsch zu lebenslanger oder erschwerter lebenslanger Haft verurteilt.
"Eine extrem zentralistische Struktur"
Der Politikwissenschaftler Ersin Kalaycioglu sieht die Auswirkungen des Ausnahmezustands bis heute. Zwar sei dieser 2018 formal beendet worden, seine Praktiken hätten sich jedoch "bis zu einem gewissen Grad institutionalisiert". Der Staat habe sich dauerhaft verändert. Insbesondere die häufige Nutzung von Dekreten habe zu einer "extrem zentralistischen Struktur" geführt.
Auch die öffentliche Verwaltung habe sich grundlegend gewandelt. Nach Einschätzung Kalaycioglus entwickelte sich die Bürokratie von einem Apparat mit eigenen fachlichen Standards und wissenschaftlicher Expertise zu einer Verwaltung, die in erster Linie politische Anweisungen umsetze.
Oppositionsparteien werfen der Regierung zudem vor, die Säuberungen weit über die Gülen-Bewegung hinaus ausgeweitet zu haben. Neben mutmaßlichen Gülen-Anhängern seien auch Regierungskritiker von Entlassungen und Strafverfahren betroffen gewesen.
Der Weg zum Präsidialsystem
Politisch beschleunigte der Putschversuch auch die Annäherung zwischen Erdogans AKP und der ultranationalistischen MHP. Mit deren Unterstützung konnte die Regierung 2017 ein Verfassungsreferendum durchsetzen. Ergebnis: Die Türkei wechselte vom parlamentarischen zum Präsidialsystem. Das Amt des Ministerpräsidenten wurde abgeschafft, die exekutiven Befugnisse des Präsidenten deutlich ausgeweitet. Kritiker sprechen seitdem von einem "Ein-Mann-System".
Kalaycioglu bezeichnet die Verfassungsänderung als einen grundlegenden Regimewechsel. Das politische System habe sich zu einem "neopatrimonialen Sultanismus" entwickelt - einer Staatsform, in der politische Macht stark auf eine einzelne Person konzentriert sei und zentrale Entscheidungen weitgehend vom Präsidenten abhingen.
Das Präsidialsystem veränderte auch die Opposition. Da für die Präsidentschaft eine absolute Mehrheit erforderlich ist, begannen Oppositionsparteien, Wahlbündnisse zu schließen und gemeinsame Kandidaten aufzustellen. Das zeigte Wirkung: Bei den Kommunalwahlen 2019 und erneut 2024 gewann die Opposition die Bürgermeisterämter in den beiden größten Städten des Landes, Ankara und Istanbul.
Viele dieser Oppositionspolitiker sehen sich inzwischen jedoch mit Ermittlungen oder Terrorismusvorwürfen konfrontiert. Zu den bekanntesten Fällen zählt der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoglu, der als wichtigster politischer Herausforderer Erdogans gilt und nach seinem erneuten Wahlsieg strafrechtlich verfolgt wurde.