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Rückblick: Europas Superkrise

Bernd Riegert26. Dezember 2015

2015 war für unseren Europa-Korrespondenten Bernd Riegert ein "Super-Krisenjahr". Die Besuche in Flüchtlingslagern, fehlende Solidarität zwischen EU-Mitgliedern und das mangelhafte Krisenmanagement haben ihn erschüttert.

Griechenland Kos Migration Flüchtlinge ein Gruppe syrischer Männer
Ziel Europa: Syrische Flüchtlinge warten am Strand von Kos auf ihre Weiterreise gen NordenBild: DW/B. Riegert

Es war ein wahrer Albtraum: Ich habe 2015 Menschen in Situationen gesehen, von denen ich dachte, solche Szenen spielen sich irgendwo in weit entfernten Krisenregionen ab, aber nicht mitten in Europa, nicht im Herzen der EU.

Ich habe nachts mit Flüchtlingen am Kanaltunnel in Calais gewartet, und bin durch das seit Jahren bestehende "Dschungelcamp" gelaufen. Eine Schande für Frankreich und Großbritannien.

Ich habe über erstickte Flüchtlinge in einem Schleuser-Lkw in Österreich berichten müssen. Ich war am heißen Strand von Kos in Griechenland, wo Flüchtlinge ohne Wasser tagelang auf ihre Registrierung warten mussten.

Ich war in einem wilden Zeltlager von Flüchtlingen in der Innenstadt von Brüssel. Mitten in der europäischen Hauptstadt, nur ein paar Kilometer von der Beamtentrutzburg der EU entfernt, in der es 2015 so viele Sondergipfel gab wie nie zuvor, hausen Menschen im Schlamm, um auf Einlass in eine belgische Behörde zu warten.

Ich war an der serbisch-kroatischen Grenze, in dem Dorf Tovarnik, wo Polizei und Behörden völlig überfordert waren, mit den Scharen von Menschen umzugehen, die über die grüne Grenze kamen und plötzlich das ganze Dorf füllten. Die Polizei reagierte mit Gewalt.

Irgendwie auf die Insel: Flüchtlinge entern Lastwagen in CalaisBild: DW/B. Riegert

Am Ende wurden Familien, die in Panik gerieten, in Busse gepfercht. Kollabierende Frauen, weinende Kinder - alle mussten in die Busse einsteigen, die dann irgendwohin an die ungarische Grenze fuhren. Wir Journalisten waren fasungslos. Wir haben ein paar Nahrungsmittel und Wasserflaschen verschenkt. Mehr konnten wir nicht tun.

Gestrandet in Brüssel: Die Behörden schaffen es nicht, die Flut der Anträge abzuarbeitenBild: DW/B. Riegert

Das waren Zustände, wie ich sie mir in einem ziviliserten organisierten Europa nicht hätte vorstellen können. Nach ein paar Tagen saß ich wieder an meinem Schreibtisch in Brüssel. Wie einfach es doch für mich war, wieder ins Flugzeug zu steigen und von Kos oder aus Zagreb in wenigen Stunden quer durch Europa zu reisen.

Die Menschen, die ich auf Kos oder in Tovarnik getroffen habe, haben für dieselbe Strecke Wochen gebraucht, wenn sie überhaupt angekommen sind. Ein unmenschlischer Hürdenlauf an europäischen Grenzen.

Das Kontrastprogramm dazu dann in der EU-Metropole Brüssel. In den Sitzungssälen gehen sich die Mitgliedsstaaten gegenseitig an die Gurgel, weil ihnen weder das Management der Flüchtlingskrise noch die Verteilung der Asylsuchenden auf die einzelnen Mitgliedsstaaten gelingt.

Bernd Riegert, DW-Korrespondent in Brüssel

In Brüssel scheint das Elend weit weg zu sein, es zählen Interessen. Und am Jahresende ist die Solidarität der Staaten untereinander an einem Tiefpunkt angelangt. Am Ende wird hilflos damit gedroht, den Mitgliedsstaaten, die keine Flüchtlinge aufnehmen, Zuschüsse aus Brüssel zu streichen.

Mit den zahlreichen, sich überlagernden Krisen ist die EU 2015 offensichtlich überfordert. Denn neben dem Streit um die Flüchtlinge gibt es noch weitere Probleme: Griechenlands Schuldenkrise, nicht ausreichend gesicherte Außengrenzen und die Angst vor Terrorattacken.

Mein bislang postives Bild von Europa ist erschüttert. Am Ende sagt der EU-Kommissionspräsident Juncker dann auch noch, die Krisen werden bleiben und neue dazu kommen. Trübe europäische Aussichten für 2016!

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