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Rassismus in Deutschland: Tief verankert, aber subtiler

20. März 2026

Rassismus und Diskriminierung bleiben in Deutschland weit verbreitet: In einer aktuellen Studie erklärten zwei Drittel der Befragten, einige Kulturen seien fleißiger als andere.

Das stark verfremdete und unscharfe Bild zeigt eine Straßenszene mit vielen Menschen in Leipzig
Rassistische und herabwürdigende Einstellungen sind in Deutschland immer noch stark verbreitetBild: Jan Woitas/dpa/picture alliance

Die gute Nachricht zuerst: Rassismus und Diskriminierung sind in Deutschland laut einer aktuellen Umfrage leicht rückläufig, verglichen mit Studien in den vergangenen Jahren. Das war es aber schon mit dem beruhigenden Befund., denn das Ausmaß an fremdenfeindlichen und herabsetzenden Ansichten ist nach wie vor groß.

Von Oktober 2025 bis in den Januar dieses Jahres hinein wurden rund 8200 Menschen in Deutschland zwischen 18 und 74 Jahren über ihren Ansichten zu Rassismus und Diskriminierung befragt. Die Umfrage hatte das "Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung" (kurz Dezim) in Auftrag gegeben. Ergebnis: Ein Viertel der Befragten gaben an, es gebe unterschiedliche Rassen, was wissenschaftlich längst widerlegt ist. Und weiter: Knapp die Hälfte aller Befragten vertritt die Ansicht, gewisse Gruppen seien von Natur aus fleißiger als andere.

Rassismus drückt sich subtiler aus

Mitautor der Studie ist Tae Jun Kim, promovierter Soziologe und Mitarbeiter beim "Nationalen Diskriminierungs- und Rassismus-Monitor." Er beobachtet schon länger, dass sich rassistische Ansichten weniger direkt in der Gesellschaft äußern als in der Vergangenheit: "Der moderne Rassismus ist oft nur die höflichere Form, um bestehende Über- und Unterordnungen von Gruppen zu rechtfertigen." So sagen in der Studie rund ein Viertel der Befragten,  ethnische und religiöse Minderheiten stellten zu viele Forderungen nach Gleichberechtigung.

Die Geschichte von Sarah im Supermarkt

Die unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, weiß auch von direkten Konfrontationen für die Betroffenen. Bei der Vorstellung der Studienergebnisse in Berlin erzählte sie von Sarah, einer schwarzen Frau, die sich hilfesuchend an ihre Behörde gewandt hatte: "Beim Einkaufen im Supermarkt ist eine Mitarbeiterin zu ihr gekommen und hat plötzlich ihren Kinderwagen durchsucht. Keine Bitte um Erlaubnis, keine Rücksicht auf das Kind im Kinderwagen. Kein erkennbarer Anlass, warum sie den Kinderwagen durchsucht. Auf die Frage, was das soll, rechtfertigt sich die Mitarbeiterin mit dem Satz, es täte ihr leid, aber so eine hätte erst neulich dort geklaut."

2022: Neun Millionen in Deutschland diskriminiert

Auch die Bundesbeauftragte hat eine Studie vorgelegt, wonach jeder achte Mensch in Deutschland mindestens einmal Diskriminierung erfahren hat. Mit anderen Worten: Neun Millionen Menschen in Deutschland wissen, wie es ist, wegen äußerer Merkmale benachteiligt zu werden. Die Studie "Wie Deutschland Diskriminierung erlebt" stammt vom "Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung". Die Forschenden haben darin Zahlen aus dem umfassenden, repräsentativen sozio-ökonomischen Panel von 2022 genutzt, einer Umfrage zu einer Vielzahl von gesellschaftlichen Fragen, an der etwa 30.000 Menschen teilnahmen.

"Rassismus ist oft subtiler als früher": Ferda Ataman zwischen den Autoren der jüngsten Studie, Tae Jun Kim (links) und Frank Kalter am Donnerstag in Berlin Bild: Political-Moments/IMAGO

Ferda Ataman fasst zusammen: "Diskriminierung ist in Deutschland kein Einzelfall, sondern ein Massenphänomen.  Benachteiligung findet nicht am Rand der Gesellschaft statt, sondern mittendrin. Am Arbeitsplatz, in der Schule, bei der Wohnungssuche, beim Einkaufen." So wie bei der jungen Mutter Sarah im Supermarkt.

Die Hälfte der Betroffenen geht nicht gegen Benachteiligungen vor

Dabei sind Benachteiligungen aufgrund der meisten äußeren Merkmale nach dem "Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz" (kurz AGG), das es seit 20 Jahren gibt, verboten. Aber das hilft den Betroffenen wenig. Und das wissen sie. Deswegen haben laut Studie mehr als die Hälfte der Befragten gegen eine erlittene Benachteiligung nichts unternommen. Immerhin haben rund 30 Prozent der Betroffenen die Person, von der die Benachteiligung ausging, direkt und offen angesprochen.  Aber nur drei Prozent haben rechtliche Schritte unternommen.

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Was aber glauben die Betroffenen selbst, warum sie diskriminiert werden? Auch darüber gibt die Studie Auskunft. Die größte Gruppe bilden mit 42 Prozent Menschen, die sich wegen ihrer Herkunft und wegen rassistischer Vorurteile benachteiligt fühlen. Fast 24 Prozent fühlen sich wegen ihres Geschlechts ungerecht behandelt, das sind zumeist Frauen.

Auch das Alter, die religiöse Orientierung oder eine Krankheit sind Gründe, zurückgesetzt zu werden. Aber die stärkste Gruppe bilden bei dieser Frage Menschen, die sich wegen ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe benachteiligt fühlen.

Ferda Ataman sieht hohen Nachholbedarf in Deutschland

Aktuell will Ataman nun erreichen, dass auch Punkte wie die Staatsangehörigkeit künftig zu den Merkmalen gehören, die nach dem AGG eine Diskriminierung verbieten. Sie berichtet, dass Deutschland beim Kampf gegen die Diskriminierung erheblichen Nachholbedarf habe. So wird den Betroffenen etwa in Belgien auch von Behörden rechtlicher Schutz angeboten, Atamans Behörde darf dagegen nur beratend tätig werden. Vor allem in englischsprachigen Ländern und in Skandinavien, stellt die Bundesbeauftragte fest, sei die Alltags-Diskriminierung geringer als in Deutschland.

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