Rastplatz für Zugvögel
27. Oktober 2008
An einem klaren sonnigen Herbsttag stehen am Rande einer Landstraße rund 20 Leute mit Ferngläsern und beobachten Kraniche. Einige tausend Tiere haben sich auf einem abgeernteten Maisfeld in etwa 500 Metern Entfernung niedergelassen. Ohne Fernglas sieht es aus, als habe sich ein grau-silbernes Band über das Feld gelegt.
Rastplatz für Kraniche
Die Gegend rund um das Dorf Linum in Brandenburg gilt als einer der größten Rastplätze für Kraniche in Europa. Der Naturschutzbund Deutschland, der hier eine Außenstation unterhält, erwartet in diesem Herbst bis zu 70.000 Vögel.
Viele Kraniche sind dabei nur auf der Durchreise. Sie kommen aus Skandinavien, dem Baltikum oder auch Weißrussland. Die Hobby-Ornithologen, die am Straßenrand stehen, sind alle sehr vertieft in ihre Beobachtungen.
Fernglas statt Körperkontakt
Der Kranich ist ein stolzer, aber scheuer Vogel. Die kritische Grenze liegt bei 300 Metern. Wer näher an die Tiere herangeht, scheucht sie auf. Aber mit dem Fernglas sind sie in Ruhe zu betrachten. Die Vögel haben ein dichtes graues Gefieder, schwarz-weiße Hälse und oben auf dem Kopf einen federlosen roten Punkt.
Was man mit dem Fernglas nicht unbedingt sofort realisiert, ist die Größe der Tiere: bis zu einem Meter dreißig. Das entspricht in etwa der Größe eines achtjährigen Schulkindes. In Linum, fressen die Kraniche im Schnitt 300 Gramm am Tag: Sie legen sich Fettreserven für den kräftezehrenden Flug in Richtung Süden an.
Farben zeigen Herkunft
Viele Kraniche tragen an den Beinen drei kleine bunte Ringe. Die Beringung haben ehrenamtliche Ornithologen-Teams in den Herkunftsländern vorgenommen. Die Farben der Ringe und ihre Anordnung geben Auskunft darüber, aus welchem Land ein Vogel stammt.
Ein Hobby-Ornithologe erklärt die Farben für Deutschland: "Durchgehend blau, dann auch blau-weiß-blau oder blau-schwarz-blau oder blau-rot-blau. Jetzt hatte ich einen der war weiß-blau-weiß: Das ist Estland."
Schlafen und Fressen hat Priorität
Dass es sich in Linum gut rastet, hat sich bei den Kranichen herumgesprochen. In nur zwei Jahren stieg ihre Zahl um 40 Prozent. Henrik Watzke vom Naturschutzbund kümmern sich darum, dass die Kraniche genügend Ruhe zum Schlafen und zum Fressen finden. Das sei beides sehr wichtig und mache den Rastplatz für die Kraniche attraktiv.
In den vergangenen Jahrzehnten ist es laut Watzke immer wieder dazu gekommen, dass Kraniche Rastplätze aufgegeben haben, weil sie zu sehr gestört wurden.
Wichtig: Kalorien sparen
In der Saison haben Watzke und seine Mitarbeiter alle Hände voll zu tun. Sie sperren die Rückzugsgebiete der Vögel ab und kontrollieren, dass die Hobby-Ornithologen in ihrem Eifer sich den Tieren nicht zu sehr nähern. Denn jeder unnötige Start verbraucht Kalorien, die die Vögel für den Flug nach Süden gut gebraucht können.
Außerdem bringen Watzke und seine Mitarbeiter Futter heran. Pro Saison sind das etwa acht Tonnen Mais. Das Geld hierfür stammt aus Spenden von Fördervereinen und den Dorfeinwohnern. Das Getreide wird auf einzelnen, brach liegenden Feldern ausgeschüttet.
Mit dieser Maßnahme haben die Naturschützer auch die Bauern der Region auf ihre Seite gebracht. In früheren Jahren hatten sich die Vögel noch an der teuren Wintersaat gütlich getan.
Keilförmige Formationen
Zwischen drei Tagen und drei Wochen bleiben die Kraniche in Linum. Dann, wenn der erste Frost einsetzt, ziehen sie nach Süden. Die Schwärme sind als keilförmige Formationen am Himmel zu sehen. Von Linum fliegen die Vögel durch Frankreich bis nach Spanien, wo die meisten Kraniche in der Extremadura, in Andalusien, überwintern.
Watzke erklärt, dass nur einige wenige noch nach Nord-Afrika zögen, wo früher eigentlich die Kraniche überwintert hätten. Viele blieben aber jetzt in Frankreich.
Inzwischen gibt es auch Tiere, die versuchen, in Deutschland zu überwintern. So hat der Naturschutzbund in Linum im vergangenen Winter etwa 3.000 Vögel gezählt, die zunächst nicht weiter geflogen sind.
Winter in Deutschland
Erst als es Anfang des Jahres eine Frostperiode gab, hätten sich die Tiere doch noch in Richtung Süden aufgemacht, berichtet Henrik Watzke. Nach drei Wochen, als das Wetter wieder besser geworden war, seien sie aber direkt zurückgekehrt. In früheren Jahren sei es auch bereits vorgekommen, dass Vögel ganz in Brandenburg geblieben sind.
Mit der Klima-Erwärmung ist nicht auszuschließen, dass dieses Verhalten weiter zunimmt. In einem ist man sich beim Naturschutzbund allerdings sicher: Futter gibt es im Winter für die Kraniche nicht. Denn sonst würde sich wahrscheinlich kein Tier mehr vom Fleck bewegen.