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PolitikEuropa

Sinnbild des Bosnienkrieges: Zum Tod von Ratko Mladic

27. August 2026

Für viele war Ratko Mladic der Inbegriff des Grauens des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Er befahl den Genozid in Srebrenica und wurde in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt. Nun ist er 84-jährig gestorben.

Auf einem Foto ist ein Mann mit grauen Haaren und hoher Stirn zu sehen, er trägt Kopfhörer und einen Anzug mit Krawatte, vor ihm sind ein Mikrofon und ein Bildschirm zu erkennen
Ratko Mladic im Gerichtssaal in Den Haag am 8.06.2021 Bild: Jerry Lampen/REUTERS

Auch mehr als 30 Jahre nach dem Ende des Krieges in Bosnien und Herzegowina (1992-1995) steht Srebrenica als Sinnbild für seine Grausamkeit - und kein Name ist so sehr mit dem Genozid in der kleinen ostbosnischen Stadt verbunden wie der des damaligen Oberbefehlshabers der Armee der bosnischen Serben: Ratko Mladic.

Obwohl Srebrenica von den Vereinten Nationen zur "Schutzzone" erklärt worden war, griffen bosnisch-serbische Soldaten das Städtchen an. In nur wenigen Tagen vertrieben sie im Juli 1995 Frauen und Kinder und töteten mehr als 8300 unbewaffnete muslimische Jungen und Männer im Vorort Potocari - auf direkten Befehl von Mladic, wie 22 Jahre später im Urteil des Internationalen Kriegsverbrechentribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag stehen wird.

Srebrenica war damals das größte Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ICTY stufte es als Genozid ein. Aber nicht nur der Völkermord von Srebrenica wurde Mladic zur Last gelegt: Unter seinem Kommando begann direkt zu Anfang des Krieges auch die jahrelange Belagerung von Sarajevo. Die Stadt wurde über 40 Monate hinweg beschossen, etwa 11.000 Menschen kamen ums Leben, darunter mehr als 1600 Kinder.

Mladic behauptete immer, nur militärische Ziele zu bekämpfen - doch zahlreiche Berichte und abgefangene Funksprüche legen nahe, dass gezielt auch zivile Einrichtungen und Wohngebiete angegriffen wurden. Rund 100.000 Menschen wurden in den vier Kriegsjahren in Bosnien getötet, etwa 2,2 Millionen wurden aus ihren Städten und Dörfern in dem damals 4,4-Millionen-Einwohner-Staat vertrieben.

"Der Schlächter vom Balkan"

2017 wurde Mladic, den die internationalen Medien auch den " Schlächter vom Balkan" nannten, als einer der Hauptverantwortlichen für Kriegsverbrechen und Völkermord während des Bosnien-Krieges vom Tribunal in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ratko Mladic (l.) und der politische Führer der bosnischen Serben im Bosnien-Krieg, Radovan Karadzic, am 05.08.1993Bild: picture-alliance/ dpa

Mladic wies stets jede Verantwortung von sich, er sah sich als Rächer der Serben für die Jahrhunderte lange Herrschaft der Türken auf dem Balkan, und die bosnischen Muslime, die sich heute "Bosniaken" nennen, sah er als deren direkten Nachfahren. Vor seinen Soldaten nannte er sie auch immer nur "die Türken", und für sie hatte er keinerlei Empathie übrig. "Grenzen werden immer mit Blut gezogen und Staaten mit Gräbern gezeichnet", so lautet ein ihm zugesprochener Ausspruch.

Obwohl er offiziell dem politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, untergeordnet war, hatte Mladic innerhalb der Führung der bosnischen Serben beträchtlichen Einfluss. Nie war er nur einfacher Soldat. Er fragte nicht nach der Marschroute - er gab sie vor.

Karriere in der jugoslawischen Armee

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war General-Oberst Ratko Mladic ein glühender serbischer Nationalist. Seine Karriere aber begann er als überzeugter Kommunist. Der 1943 in Ostbosnien geborene Mladic war zwei Jahre alt, als sein Vater, einer der Partisanen Titos, von den faschistischen kroatischen Ustascha-Milizen getötet wurde - ein Verlust, der oft als prägend für sein späteres Weltbild beschrieben wird.

Als junger Mann schlug Mladic eine militärische Laufbahn ein, besuchte die Militärakademie in Belgrad und galt als ehrgeizig und diszipliniert, die Ausbildung schloss er als Klassenbester ab. Früh machte er Karriere in der Armee Jugoslawiens, die lange Zeit als eine der stabilsten Institutionen des Vielvölkerstaates galt.

Serbischer Nationalist

Zu Beginn des Kroatien-Krieges im Juni 1991, als sich die in Kroatien lebenden Serben mit tatkräftiger Unterstützung aus Serbien gegen die Unabhängigkeit der bisherigen jugoslawischen Teilrepublik auflehnten, änderte sich seine Haltung grundlegend. Mladic wurde als Oberst der jugoslawischen Armee Kommandeur des 9. Korps im kroatischen Knin. Seine Aufgabe: serbische Milizen zu organisieren und sie im Kampf gegen die kroatische Unabhängigkeit zu unterstützen.

Unter Mladics Kommando wurden die kroatischen Städte Sibenik und Zadar bombardiert und die kroatische Bevölkerung aus den umliegenden Ortschaften vertrieben. Im Mai 1992 übernahm er die gleiche Arbeit in Bosnien: Inzwischen zum General aufgestiegen, wurde Mladic Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Truppen und kämpfte dafür, eine Verbindung zwischen den von Serben gehaltenen Gebieten im Osten und Westen der ex-jugoslawischen Republik zu schaffen.

Die Flucht, die Verhaftung und das Urteil

Noch vor Ende des Bosnien-Kriegs Ende 1995 wurde Mladic vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien angeklagt. Doch jahrelang entzog er sich der Festnahme. Unterstützt von Netzwerken aus serbischem Militär und Politik lebte er weitgehend unbehelligt im Untergrund, wurde sogar öffentlich gesehen. Erst 2011 wurde er verhaftet - nach 16 Jahren auf der Flucht und unter wachsendem internationalem Druck.

Jahrelang wurde u.a. mit Plakaten nach Ratko Mladic und Radovan Karadzic gefahndet wie hier in Sarajevo im Januar 2001Bild: picture-alliance / dpa

Der anschließende Prozess in Den Haag dauerte insgesamt 523 Tage. Fast 600 Zeugen sagten aus, zahlreiche Dokumente und Beweise wurden ausgewertet. Am Ende wurde Mladic in erster Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt - unter anderem wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen. 2021 bestätigte ein Berufungsgericht dieses Urteil endgültig. Damit gilt juristisch als festgestellt, dass er einer der Hauptverantwortlichen für die Verbrechen im Bosnienkrieg war.

Ein Kriegsverbrecher wird zum Helden stilisiert

International wurde das Urteil als historisch gewertet. Vertreter der Vereinten Nationen sahen darin ein Signal, dass selbst Jahrzehnte nach den Taten Verantwortung eingefordert werden kann. Für viele Überlebende und Angehörige der Opfer war das Urteil ein spätes, aber wichtiges Zeichen der Anerkennung ihres Leids.

Gleichzeitig blieb Mladic selbst bis zuletzt uneinsichtig. Während des Prozesses bezeichnete er sich stets als unschuldig, die Vorwürfe gegen ihn seien "widerlich" und das Tribunal bezeichnete er als "satanisch".

Serbische Polizisten patrouillieren am 9. November 2021 in Belgrad vor einem Wandgemälde, das den ehemaligen bosnisch-serbischen Militärchef Ratko Mladic zeigt.Bild: OLIVER BUNIC/AFP

So sehen das bis heute auch viele seine Unterstützer in Serbien und unter bosnischen Serben. Während er international als Kriegsverbrecher gilt, bezeichnen ihn seine Verehrer weiterhin als Verteidiger serbischer Interessen und als Helden - und malen seine Konterfeis an Hauswände.

Als er noch auf der Flucht war, drohte Mladic seinen Verfolgern, er trage immer eine Giftpille bei sich. Lebend würde man ihn nicht fassen. Geschluckt hat er diese Pille allerdings in all den Jahrzehnten nicht. Er hat mehrere Schlaganfälle im Gefängnis überstanden.

Ratko Mladic starb am 27.08.2026 im Gefängniskrankenhaus in Den Haag im Alter von 84 Jahren.

Bosnien: Was ist vor 30 Jahren in Srebrenica passiert?

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