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Reformieren, um sich treu zu bleiben

22. Februar 2014

Sich in Form bringen. Das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch für den Glauben. Er ist auf Reform angewiesen ist, um seinem Ursprung treu zu bleiben, so Pater Heribert Arens von der katholischen Kirche.

Zweites Vatikanisches Konzil 11.10.1962
Reformfreude und Reformwille: Das Zweite Vatikanisches KonzilBild: picture-alliance/dpa

„Er ist einfach noch nicht wieder in Form.“ Das sagen Trainer über die ersten Versuche von Sportlern nach einer längeren Pause. Der muss sich erst wieder in Form bringen.

„Sich wieder in Form bringen“ – die deutsche Sprache kennt dafür ein Fremdwort: reformieren. Dieses Anliegen bedrängte viele am Beginn des sechzehnten Jahrhunderts. Die Kirche hatte ihre ursprüngliche Form verloren, war reformbedürftig. Da war nur noch wenig von Gottes Liebe und Gnade die Rede. Stattdessen verkündeten viele Prediger Leistung: „Willst du Gottes Wohlwollen gewinnen, musst du etwas leisten!“

Woher immer solche Leitsätze kommen, auf Jesus können sie sich kaum berufen. Wenn die Kirche solche Leitsätze vertritt, hat sie ihre Ursprünge vergessen. Sie ist aus der Form geraten. Darum muss sie sich reformieren, sich, ganz wörtlich, wieder in Form bringen – nicht in irgendeine Form, sondern in die Form des Evangeliums.

Darum nennen wir die Bemühungen, die Anfang des 16. Jahrhunderts die Kirche aufwühlten, „Reformation“.

Auch die Katholische Kirche hat das inzwischen begriffen. Im zweiten Vatikanischen Konzil zeigte sie Reformfreude und Reformwillen.

Sie versuchte, sich wieder in Form zu bringen:

  • in die Form eines Gottes, der nicht weltfremd ist, sondern als Mensch mitten in unsere Welt gekommen ist,
  • in die Form des Evangeliums, das dem Menschen Gottes bedingungslose Liebe zusagt,
  • in die Form des Evangeliums, das zum Handeln einlädt, nicht damit wir den Himmel verdienen, sondern damit Gottes lebendige Gegenwart in der Welt spürbar wird,
  • in die Form des Evangeliums, das nicht den bequemen Weg durchs Leben geht, sondern Wege durch Durststrecken und Leid hindurch zeigt,
  • in die Form des Evangeliums, das mit aller Deutlichkeit zeigt, wo der Ort der Kirche ist: an der Seite der Armen, der Bedrängten, der vom Leben Vernachlässigten.

Die Kirche wollte sich mit diesem Konzil wieder in Form bringen.

Solche Reformation ist auch heute gefragt. Die Ideale des Evangeliums sind keine Leichtgewichte. Sie fordern den Menschen heraus, und der wird dabei manchmal müde, sucht lieber den bequemeren Weg – verständlich aber nicht gut!

Die Kirche weiß seit ihren Anfängen, dass sie eine „ecclesia semper reformanda“ ist, eine Kirche, die sich immer erneuern und in Form bringen muss.

Das spüre ich auch in meinem persönlichen Leben. Ich muss mich selbst immer wieder in Form bringen. Wenn ich als Ordensmann die Gelübde ablege, nach denen ich zu leben versuche, lege ich die Latte ganz schön hoch. Doch es kommt der Alltag mit all seiner Gewöhnung und all seinem Trott. Da brauche ich immer wieder mal Zeiten der Reformation, in denen ich mir Rechenschaft gebe „Wie steht es mit deinem Leben und deinen Idealen“ – Zeiten, in denen ich versuche, mich „wieder in Form zu bringen“.

In einer Ehe wird das kaum anders sein. Wie hoch ist die Aufmerksamkeit füreinander am Anfang, wie glücklich ist die Liebe, solange sie jung ist! Doch auch hier kommt die Gewöhnung mit ihren Selbstverständlichkeiten; schnell schleichen sich Umgangsformen ein, die der Beziehung nicht gut tun. Glücklich das Paar, das um diese Gesetzmäßigkeiten weiß und sich darum immer wieder Zeit nimmt, Rückschau zu halten und sich, wo es nötig ist, zu reformieren, „wieder in Form zu bringen“.

Auch die Politik braucht das ständige Bemühen um Reform. Es ist nicht gut, wenn eine Partei ewig auf der Regierungsbank sitzt. Wie schnell werden notwendige Reformen durch eingeschliffene Bahnen erstickt. Es ist gut, wenn im Wechsel andere Parteien die Verantwortung übernehmen. Dann können die, die sich im Regieren ausgepowert haben, in der Opposition sich wieder in Form bringen. Weisheit der Demokratie!

Ein Sportler, der sich wieder in Form bringen will, muss trainieren. „Reformieren“ – das geht nicht automatisch: nicht in der Kirche, nicht in der Politik, nicht im persönlichen Leben. „Reformieren“ fordert Übung und Ausdauer – und die wünsche ich Ihnen und mir.

Zum Autor:

P. Heribert Arens ofmBild: Heribert Arens

Heribert Arens ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis".

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