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PolitikEuropa

Wadephul auf dem Westbalkan: Test für Deutschlands Kurs

Anila Shuka (aus Berlin)
15. November 2025

Die Reise des Bundesaußenministers nach Südosteuropa soll Klarheit bringen: Bleibt die Aufnahme der Staaten des Westbalkan in die EU Priorität Berlins - oder verliert Deutschland an Einfluss?

Johann Wadephul steigt eine Flugzeugtreppe hinauf und hält eine schwarze Tasche in der linken Hand. Im Hintergrund sind ein wolkenverhangener Himmel, einige Bäume und ein modernes Gebäude mit großen Fenstern zu sehen
VIel unterwegs: Außenminister Johann Wadephul (Archivfoto)Bild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

Wenn Johann Wadephul am Sonntag (16.11.2025) zum Auftakt seiner viertägigen Reise nach Südosteuropa in Sarajevo landet, beginnt für den deutschen Außenminister ein Balanceakt. Die Region kennt er gut - jahrelang leitete der CDU-Politiker die Westbalkan-Gruppe der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Diesmal reist Wadephul jedoch nicht als Fachpolitiker, sondern als Chef eines Außenministeriums, dessen Kurs gegenüber den Westbalkan-Staaten für viele Beobachter zunehmend unklar wirkt.

Aus Montenegros Hauptstadt Podgorica, wo am Montag die politischen Gespräche beginnen, kommt ein höflicher, aber präziser Wunsch nach Orientierung. Bei einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAPam vergangenen Donnerstag in Berlin sagte die montenegrinische Europa-Staatssekretärin Biljana Papovic auf DW-Anfrage, sie hoffe auf "mehr Engagement seitens Berlins und mehr Klarheit darüber, dass der Westbalkan eine Priorität der Regierung ist".  

Für Podgorica bleibt deutsche Führungsenergie zentral - nicht nur für die bilateralen Beziehungen, sondern für die gesamte Dynamik des Erweiterungsprozesses innerhalb der EU

Wichtiges politische Signal 

In Tirana, der Hauptstadt Albaniens, sieht man die Rolle Deutschlands zwar weiterhin positiv. Doch die albanische Politikbeobachterin Alba Cela vom Albanian Institute for International Studies, einem Thinktank mit Sitz in Tirana, warnt, die Unterstützung Berlins sei "alles andere als selbstverständlich". Das jüngste EU-Barometer zeige, dass nur 49 Prozent der Deutschen eine weitere EU-Erweiterung befürworteten. Dass Wadephul in die Region reist, wertet Cela deshalb als wichtiges politisches Signal.

Milan Nic ist DGAP-Regionalexperte für den WestbalkanBild: DW

Die Begeisterung für die Europäische Union ist in Albanien groß: Die Unterstützung für einen EU-Beitritt liegt bei über 80 Prozent. Dennoch mahnt der DGAP-Regionalexperte Milan Nic, Albanien stehe "erst am Anfang der schwierigen Wegstrecke". Trotz guter Stimmung habe das Land "noch kein einziges Verhandlungs-Kapitel abgeschlossen", und besonders in fundamentalen Bereichen müsse viel geleistet werden. "Es wird wirklich schmerzhaft werden, wenn es um Eigentumsfragen, Regulierung und Umwelt geht, Bereiche, in denen das EU-Regelwerk vollständig übernommen werden muss", so Nic. Ein Dauerthema bleibe außerdem die Bekämpfung der Korruption. 

Serbien: Der schwierigste Stopp

Der heikelste Termin erwartet den deutschen Außenminister in Serbiens Hauptstadt Belgrad. Die Zustimmung zur EU liegt dort nur bei rund 38 Prozent, der Einfluss Russlands bleibt stark. Politisch verbindet die CDU enge Kontakte zur Partei von Präsident Aleksandar Vucic - zugleich ist Serbien im Fortschrittsbericht der Kommission das schwächste Land der Region.

 

Der Grünen-Abgeordnete Boris Mijatovic im Deutschen BundestagBild: dts-Agentur/picture alliance

Der Bundestagsabgeordnete Boris Mijatovic (Bündnis 90/Die Grünen), der parallel zur Balkanreise des Außenministers mit seinem Parteifreund Anton Hofreiter, dem Vorsitzenden des Ausschusses für Europaangelegenheiten, ebenfalls in der Region unterwegs ist, verweist auf die letzten Parlamentswahlen in Serbien im Jahr 2023. Damals stellte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in ihrem Bericht Wahlbetrug und Manipulation fest. Er erwarte, dass Wadephul dies in Belgrad anspreche, so Mijatovic. 

Zudem warnt der Grünen-Abgeordnete vor geopolitischen Verschiebungen: Der Rückzug der amerikanischen Hilfsorganisation USAID aus Medien- und Demokratieprogrammen schaffe "ein großes Problem", weil dadurch zusätzlicher Raum für russischen Einfluss entstanden sei.

Was ist mit Kosovo und Bosnien?

Europas jüngster Staat, die Republik Kosovo hat vor knapp drei Jahren einen Antrag auf Beitritt zur EU gestellt. Derzeit steckt das Land in einer Krise - acht Monate nach der Parlamentswahl hat Kosovo immer noch keine Regierung, Neuwahlen stehen im Raum. Dennoch richtet sich der Blick nach Berlin. Die Politikwissenschaftlerin Njomza Arifi sagt: "Ich hoffe, dass dies als Signal für die politische Krise in Kosovo dient und die Verantwortlichen dazu bewegt, einen Weg aus dieser Situation zu finden." 

In Sarajevo wird sich Außenminister Wadephul mit der Präsidentschaft von Bosnien und Herzegowina und dem Hohen Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft in dem Land, dem CSU-Politiker Christian Schmidt, treffen. Bosnien hat im Dezember 2022 einen EU-Beitrittsantrag gestellt. 

Nordmazedonien nicht vergessen

Besonders mahnt Mijatovic, Nordmazedonien nicht aus dem Blick zu verlieren. Das Land hat zwar im Jahr 2019 seinen Namen geändert, um den jahrelangen Streit mit Griechenland zu beenden, und zudem zentrale Reformen umgesetzt. Trotzdem steht Nordmazedonien nun erneut unter Druck, die Verfassung zu ändern, um die bulgarische Minderheit im Land zu berücksichtigen. Die Unsicherheit sei groß: "Wir haben unseren Namen geändert… aber was kommt als Nächstes?" 

Diese Frage beschreibt den Vertrauensverlust der Region in den europäischen Prozess treffend. Nordmazedonien ist seit 2005 Beitrittskandidat. 2022 hat es die Verhandlungen mit Brüssel aufgenommen, die jedoch seither kaum vorankommen. In der Hauptstadt Skopje wird Wadephul seinen Amtskollegen Timco Mucunski treffen. 

Beschleunigen oder bremsen?

Die Erwartungen an den deutschen Außenminister auf dem Westbalkan sind klar: Berlin soll sich festlegen. Unter seiner Vorgängerin, der Grünen-Politikerin Annalena Baerbock, waren die Prioritäten eindeutig: Sie nannte die Integration des Westbalkans in die EU ausdrücklich als einen ihrer drei Schwerpunkte. Heute jedoch, sagt Mijatovic, höre man "mal drei, mal fünf Prioritäten - und manchmal ist der Westbalkan nicht dabei".

Auch die Abschaffung der Stelle eines Westbalkanbeauftragten im Auswärtigen Amt gilt in der Region als schlechtes Signal. Zuletzt hatte dieses Amt der Grünen-Politiker Manuel Sarrazin inne. Die schwarz-rote Koalition, die seit Mai regiert, hatte die Stelle eingespart, um die Zahl der Regierungsbeauftragten zu reduzieren. 

Für Milan Nic wird sich die Antwort auf die Frage, was die Bundesregierung im Westbalkan plant, erst später zeigen: "2026 wird sichtbar werden, ob Deutschland die Erweiterung beschleunigt - oder ob die EU-Erweiterung erneut zwischen konkurrierenden Prioritäten zerrieben wird."

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