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Reise

Reiseziel Armenien verzeichnet Zuwachs

25. Mai 2018

Für Kulturtouristen ist es eine Neuentdeckung: das kleine Armenien, das älteste christliche Land der Welt und eine jahrtausendealte Kulturlandschaft im Kaukasus mit eigenem Alphabet und eigener Sprache.

BG Armenien Eriwan Sonnenaufgang
Bild: picture-alliance/robertharding/Therin-WEise

Die Wolken hängen tief nahe der georgischen Grenze. Der Busfahrer vollführt souverän das Unmögliche. 500 Meter der Serpentinenstraße fährt er seinen Doppeldeckerbus kurzerhand rückwärts hoch; die Kehren in der Debed-Schlucht bei Alaverdi sind einfach zu eng. Das Hupen ungeduldiger Lada-Fahrer lässt er an sich abtropfen und rangiert weit am Rand der Böschung. Krass. Auch so geht reisen in Armenien. Die Passagiere nehmen es erstaunlich gelassen. Schließlich will man Sanahin erreichen, das nächste Bergkloster aus der langen Perlenkette eines erstaunlichen Unesco-Weltkulturerbes.

Debed-Schlucht in ArmenienBild: picture-alliance/robertharding/J. Sweeney

Tourismus mit Anspruch

Kunst- und Kulturreisen nach Armenien nahmen zuletzt einen deutlichen Aufschwung. "Erdogan-Effekt" nennt das Reiseleiter Michael Fieger, Professor für Altes Testament an der Universität Chur in der Schweiz. Dagegen ist das Türkei-Geschäft praktisch eingebrochen. "Solange dort dieser Präsident regiert, mache ich keine Fahrt mehr dahin", sagt Fieger.Die Infrastruktur mag besser sein, keine Frage - aber anders als das Wendemanöver über der Debed-Schlucht können Türkei-Reisen tatsächlich politisch gefährlich sein. Ohne Grund kann man dort derzeit auch als Tourist festgesetzt werden; "Terrorismusverdacht" - das Wort allein genügt. Auch die schwelenden Konflikte im Heiligen Land und der Syrien-Krieg sorgen dafür, dass Länder wie Bulgarien, Georgien, Rumänien oder Usbekistan auf dem Markt der Kulturreisen aufholen.Die Strategie der Veranstalter: neue Geschäftsbereiche für ein kaufkräftiges, gebildetes Publikum erschließen. Attraktiv sind terrorfreie, weitgehend unbekannte Kulturländer, die neben dem religiösen Erbe auch aktuelle Fragestellungen zu Ökologie, Geografie oder zum Medizinsektor bieten.In Armenien lernt man einen ganzen Mikrokosmos kennen: das älteste christliche Land der Welt. Nachdem der grausame König Trdat (Tiridates) III. im Jahr 301 von dem rätselhaften Missionar Gregor dem Erleuchter (Krikor Lusarowitsch) bekehrt wurde, ist das Christentum Staatsreligion.

UNESCO-Weltkulturerbestätte Ruinen der Kathedrale von Zvartnots Bild: picture-alliance/robertharding/C. Kober
Kloster Haghbat gehört ebenso zum armenischen UNESCO-WeltkulturerbeBild: picture-alliance/robertharding/J. Sweeney
UNESCO-Weltkulturerbestätte Kloster Sanahin Bild: picture-alliance/robertharding/J. Sweeney

Last der Geschichte

Armenien ist ein Land, das durch den osmanischen Völkermord im Ersten Weltkrieg und durch die Sowjetdiktatur (1921-1991) unfassbar hat leiden müssen, auch territorial. Das heutige Staatsgebiet macht nur noch einen Bruchteil des historischen Kulturraums der Armenier aus.Das von Armeniern geprägte Kernland im Westen mit dem Vansee und dem "heiligen Berg" Ararat heißt heute "Ostanatolien" und gehört dem einstigen Peiniger Türkei. Und auch der schiitische Iran im Süden und der Feindstaat im Osten, das muslimische Aserbaidschan, haben in den 1920er Jahren namhaft vom diplomatischen Versagen der europäischen Mächte profitiert.Selbstironisch sprechen die Armenier vom "armenischen Glück", solche Nachbarn zu haben. Mit Georgien im Norden sind die Beziehungen intakt - nicht allerdings zwischen Georgien und Wladimir Putins Russland, das immer noch Armeniens knebelnde Schutzmacht und wichtigster "Bruder" ist. Russland hat genügend strategisches Erpressungspotenzial, um etwa ein Assoziationsabkommen mit der EU zu unterbinden. Armenien ist ein Land ohne Handelswege: Erst im Jahr 2006 erreichte das Bruttoinlandsprodukt überhaupt wieder die Höhe der späten, maroden Sowjetzeit.Von der anhaltenden Wirtschaftskrise sprechen Fahrten durch Ruinen übelster sowjetischer Schwerindustrie: Statements der armenischen Geschichte, ebenso wie die uralten Klöster, die teils bis ins 4. oder 6. Jahrhundert zurückgehen. Das Christentum, verkörpert durch seine Klöster, ist eingebrannt in die armenische Identität - auch wenn drei Generationen kommunistisch verordneten Atheismus' tiefe Kerben in die Volksreligiosität getrieben haben.

Kloster Khor VirapBild: picture-alliance/TASS/S. Malgavko
Blick vom Cascade-Komplex Richtung Oper in Jerewan, Hauptstadt von ArmenienBild: picture-alliance/prisma/R. J. Fuste
Aussichtspunkt "Victory Park" in JerewanBild: picture-alliance/TASS/V. Sharifulin
Völkermord-Gedenkstätte Tsitsernakaberd in JerewanBild: picture-alliance/Arco Images/Therin-Weise

Berg der Sehnsucht

Der Ararat. Dieser heilige Berg macht Armenien zu einem biblischen Land. Auf seinem 5137 Meter hohen Gipfel soll einst Noah nach der Sintflut mit seiner Arche gelandet sein. Der Ararat liegt in Sichtweite der heutigen armenischen Hauptstadt Jerewan; der Hausberg sozusagen. Doch je näher man ihm kommt, desto unerreichbarer rückt er weg.Das Kernland der Armenier ist seit den 1920er Jahren Teil der Türkei. Nirgends spürt man diese Trennung stärker als am Kloster von Khor Virap, vor der Sehnsuchtskulisse Armeniens, wo einst Gregor der Erleuchter eingekerkert war. Hier steigen sie auf den Hügel oberhalb des Klosters. Die Männer zeigen herüber zum Ararat, aber können nicht hin. Betroffen schaut man über den Todesstreifen; unwirtliches militärisches Sperrgebiet, das gleich unterhalb im Tal beginnt. Ratlose Erinnerungsfotos werden gemacht, fast so ratlos wie tags zuvor an der Völkermordgedenkstätte von Tsitsernakaberd in Jerewan. Immerhin: Echte Tauben kann man hier steigen lassen, wie einst Noah nach der Flut, für umgerechnet 3,50 Euro.

Von armenischer Seite lässt sich der Berg Ararat nicht besteigenBild: picture-alliance/TASS/S. Malgavko

is/ks (kna)

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